Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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477 lichste physische Arbeit per Meißen Parin, auf den faulen „daran nigger" zu fluchen. Schließlich war Leo Frank ein Jude. Ich erwähne das nicht deswegen am Ende, weil ich diesen Umstand für den unwesentlichsten halte, sondern weil er für uns die Klimax bildet. Am klarsten hat dies einer seiner Anwälte, Luther Z. Rösser aus Atlanta, ausgesprochen, indem er in einem Zeitungsinterview zur Zeit, als der Appell beim obersten Gerichtshof anhängig war, sagte: „Der Umstand, daß Frank ein Jude, ein Arbeitgeber und ein Fremder war, sprach gegen ihn. Wollte irgend jemand sagen, daß es Frank genützt hat, ein Jude zu sein? Im Gegenteil weiß jeder, daß der Umstand, daß er ein Jude und ein jüdischer Arbeitgeber war, ber junge Mädchen beschäftigte, wohl in jeder Stadt ihm Antipathien verschafft hätte. Diese Tatsache zu ignorieren, heißt eine allbekannte Tatsache leugnen." Bei einer anderen Gelegenheit sagte derselbe Anwalt: Wäre Frank der Sohn angesehener Nicht- Juden — der bibelfeste Amerikaner gebraucht in diesem Falle das Wort „Osntiles", das die Luther-Bibel mit „Heiden" übersetzt — wäre er niemals in Anklagezustand versetzt worden. „New Uork Times", eine der besten und vornehmsten Zeitungen des Landes, deren Herausgeber, Adolf Ochs, ein Jude ist, ein Umstand, der auch ins Gewicht fällt, hatten von dem Augenblicke, wo die Affäre Frank zu einer nationalen Bedeutung heranwuchs, der Entwicklung die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Spezialberichterstatter, der die Situation in Atlanta studierte, sagte: „Von allem Anfang an hörte man überall die Phrase „damned Jew“. Der Staatsanwalt sprach genau wie in dem Dreyfus-Fall von dem ungeheueren Korruptionsfonds — die englische Bezeichnung „slush fund“, die an den mit dem Straßenkot gemischten schmelzenden Schnee erinnert, hat einen besonders gehässigen Klang —, den die Juden wsammelt hätten, um Frank auf alle Fälle zu befreien. Er sprach auch, um Zeugen zu verdächtigen, die für Frank günstig aussagten, von den Freunden Franks an der Washington- Straße, etwa wie einmal ein Berliner Staatsanwalt in einem Prozesse von der „Zeitung, wie heißt sie doch in der Jerusalemerstraße" sprach. Kein Wunder, daß er, als er nach Versündigung des Wahrspruches der Geschworenen den Gerichtssaal verließ, von der Menge auf den Schultern getragen wurde. Am deutlichsten war ein Zeuge, namens Kendley, der sagte: .Ob Frank schuldig ist oder nicht, der Jude muß hängen." Etwas milder drückte sich die führende Zeitung einer der größeren Städte des Landes, der „Telegraph von Macon", aus, der sagte: „Es ist besser, einen Rechtsirrtum geschehen zu lassen, der ein einziges Menschenleben involviert, als durch llmstoßung dieses Urteils das Gerichtswesen des Staates in Nißkredit zu bringen. (Schluß folgt.) S&S, Irr lange Kock. Roman von Anna Goldschmidt. (21. Fortsetzung.) f|2 in ander Bild," sagt er noch immer sanft: „Wie denken Sie sich das, Esther? Unter einem Dach, an einem Tisch: er christliche Herr Amtsrichter, Korpsstudent natürlich und teserveleutnant, an Kaisers Geburtstag in der Offiziersiniform. Und daneben ich, sein Schwager, im langen Rock — eie denken Sie sich meine Stellung da, Esther? Der Rock 'Nein" — ' ß» „So legen Sie ihn doch ab, Josua! So seien Sie doch ein Aensch in Zivil wie jeder andere, der nicht gerade Reserveoffizier ist, wie auch der Schwager an allen übrigen Tagen des Jahres! So bringen Sie doch das winzige Opfer! Ja, sie würden spotten über Ihren Rock," ich glühe, ich überstürze mich, ich kämpfe, ich kämpfe ja um mein Dasein. „Ja, ich will Sie gar nicht in dem langen Rock in unserem Hause sehen. Die anderen, der Schwager und alle würden sich himmelweit überlegen fühlen, um hundert Grad Ihnen in der Kultur voraus; sie sollen sich nicht mit Ihnen schämen, nicht über Sie spotten, ich könnte es nicht ertragen." Ich habe fast zornig gesprochen in meinem angstvollen Eifer, jetzt klingt mir meine Stimme selber neu, so weiche, so flehende Töne findet sie: „Josua, es ist ja nur für kurze Zeit. Es ist ja nur für die paar Monate oder Wochen, je nachdem Sie es bestimmen, die ich noch im Elternhaus bin. Dann, Josua — wenn Ihnen der lange Rock so wichtig, so wertvoll ist — es ist ja egal, ob er mir gefällt —, in unserem eigenen Hause wird Sie keiner darum ausspotten, da werden Sie doch der Hausherr sein, der" — „König" will sich mir aus der Kehle ringen, aber die Erregung macht mich so heiser, daß der Laut verhallt. Ein weicher, träumerischer Schimmer legt sich über sein Gesicht und verklärt es wunderbar. „Ich will auch gern, wenn Sie es wollen oder wenn unsere Mutter es gern sieht" — ich stocke wieder. „Josua, es ist keine Kleinigkeit, was ich da verspreche. Ich bin sehr stolz auf mein blauschwarzes Haar — aber, wenn Sie es wollen — ich will gern es paßt wohl auch besser zu Ihrem langen Rock — ich will gern einen falschen Scheitel tragen, wenn wir verheiratet sind." „Ach, Esther," sagt er, an dem hilflosen Zucken seiner Hand merke ich, wie sehr er gerührt ist. Und dann, indem er sich gewaltsam rafft: „Esther, gute Esther, denken Sie doch nach: Sie können selber den Gedanken nicht ertragen, daß ich in dem Rock als Familienmitglied in ihr Elternhaus trete." — „So legen Sie ihn doch ab," flehte ich wieder. „Ich käme mir vor," jetzt preßt ihm die Erregung die Stimme und macht sie ganz tonlos, „wie ein Abtrünniger. Nie täte ich das." „Um einen Rock," sage ich bitter, höhnisch. „Es dreht sich nicht um den Rock," sagt er, „sondern um das Symbol". Und ich: „Wer den Geist der Sache hat, braucht kein Symbol." Sein Blick ist grüblerisch, es sieht so aus, als schwanke er: „Es ist ja nicht das allein, es ist so vieles andere, was mich von den Ihren trennt, was ich gar nicht ablegen kann," sagt er weich. „Auch nicht ablegen will," setzt er hastig so nachdrücklich hinzu, als habe er sich schon aus einem wankelmütigen Gedanken ertappt. „Josua, bitte! bitte!" Ich halte die Hände beschwörend zu ihm hin. „Nur die kurze Zeit! Nur, um ihr Urteil!" „Das Urteil dieser Leute!" „Josua," sage ich bittend, demütig, „es sind immerhin meine nächsten Anverwandten". Er soll nicht so schonungslos, nicht so unhöflich verächtlich von ihnen reden, meinetwegen und auch um seiner selbst willen nicht. „Das sage ich ja, Esther," sagt er tonlos. „Sie hängen ja mehr mit ihnen zusammen, als Sie ahnen. Keiner kann ganz aus seinem Rahmen heraus." „Josua, ist es so schlimm, wenn einer sich einmal erbitten läßt, wenn er dem andern etwas zu Liebe tut? Ich flehe Sie an, Josua." „Hören Sie auf, Esther!" Wieder die Barschheit, die Furcht ist vor der inneren Weichheit. „Ich könnte für die Leute dort kein Opfer bringen." Ich überhöre „die Leute". „Sie haben einmal gesagt, Josua, Sie hätten mich lieb."