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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-29 · Heft 40 (29.9.1915) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 40 (29.9.1915)
Date
1915-09-29
Page
Seite 476 (sequence 8)
Language
German
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476 bewaffnete Bande — die Angaben schwanken zwischen 25 und 85 Mann — in Automobilen vor dem Gefängnis in Milledgeville erschien, den Kerkermeister gefangen nahm und die Wachen durch vvrgehaltene Revolver zwang, die Tore zu öffnen. Frank wurde aus der Zelle geholt, in seinen Nachtkleidern in ein Automobil geladen und nach dem etwa 240 Kilometer entfernten Städtchen Marietta gebracht und außerhalb des Ortes, ganz in der Nähe des Friedhofes, auf dem Mary Phagan begraben wurde, an einer Eiche gehenkt. Die Tat muß am hellichten Tage, kaum vor sieben Uhr morgens, erfolgt fein, denn als man eine halbe Stunde später die Leiche „entdeckte", war sie noch warm. Der Pöbel, der sich versammelte, wollte noch an der Leiche seine bestialischen Gelüste befriedigen. Rufe wurden laut: „Laßt uns die Leiche mit Schüssen durchsieben. Mau soll über dem dreckigen Zeug kein Monument errichten. Wir wollen dafür Sorge tragen, daß von dem Zeug kein ganzes Stück übrigbleibt, das größer ist als eine Zigarre." Es >var nicht das Verdienst des Mannes, der diese Ansprache hielt, daß der Vorsatz „Let us slioot the Jevv's body full of holcs" nicht zur Ausführung kam. Das Telephon hatte die Nachricht von der Entführung Franks und der Auffindung feiner Leiche in die ganze Umgegend getragen, obwohl die Bande die Vorsicht gebraucht hatte, vor dem Beginn ihres Verbrechens alle telegraphischen und telephonischen Verbindungen mit dem Gefängnis abzuschneiden, und so kam ein Richter aus einer benachbarten Stadt auf den Tatort und fetzte es durch eine diplomatische Ansprache dtirch, daß ihm die Leiche überantwortet wurde. Selbst dann ivollte niemand aus dem aus mehr als tausend Personen angeschwollenen Haufen Hand anlegen, und es konnte nicht verhindert werden, daß ein Mann in der Menge das Gesicht der auf dem Boden liegenden Leiche mit den Absätzen seiner Schilhe bearbeitete. Zwei Neger brachten von einem Leichenbestatter einen für solche Zwecke gebrauchten Korb, den der Richter selbst in sein Automobil legte, uiu damit nach Atlanta jit rasen. Dort mußte eine starte Abteilung von Polizei zunr Schutze der Leiche ausgeboten werden, bis dieselbe unter großen Vorsichtsmaßregeln nach Brooklyn, dem Wohnorte der Eltern, gebracht werden konnte, wo sie auf dem jüdischen Friedhofe am 21. August beigesetzt wurde. Das ist oie chronologische Geschichte dieser entsetzlichen Tragödie, die von den hervorragendsten Blättern des Landes als eine Schmach für Georgia bezeichnet wird und im Auslande offenbar ohne die subtilen geographischen Unterschiede als eine Schmach der Vereinigten Staaten betrachtet werden wird. Was ist nun ihre Philosophie? Mit dem Midrasch möchte ich sagen: Im Gefühle gibt es keine scharf abgegrenzten Gebiete. Trotzdemmöchte ich als das mächtigste Motiv die krankhafte amerikanische Sentimentalität in allem, was Frauen betrifft, annehmen. Wenn der Amerikaner von einer europäischen Reise zurückkehrt, erzählt er mit Entsetzen und Verachtung, daß er in Europa Frauen, die Straße fegen, und weibliche Dienstboten Schuhe putzen gesehen habe. Zur selben Zeit, als die Tragödie Franks sich ihrem Ende näherte, spielte sich die Tragödie eines degenerierten Atillionärssohues, namens Harry K. Thaw, ab, die ein beschämendes Seitcnstück zu Franks Leidensgeschichte abgibt. Thaw, der wegen perverser Neigungen als Student von der Harvard Universität ausgeschlossen worden war, hatte eine Schauspielerin mit einer sehr pikanten Vergangenheit geheiratet. Ohne in die schmutzigen Details plutokratischer Degeneration eingehen zu wollen, sei bemerkt, daß Thaw einen angeblichen Verführer seiner Frau, einen sehr bedeutenden Architekten, namens White, in einem New Jorker Vergnügungslokalc ,'siederknallke. Er wurde auf Mord angeklagt, aber als geistig unzurechnungsfähig in eine Irrenanstalt gesteckt. Mit Hilfe seiner reichen Mittel gelingt ihm die Alucht über die Grenze nach Kanada, und jetzt beginnt ein langer Advokatenkrieg mit allen denkbaren nationalen und internationalen Gesetzeskniffen, die mit einem neuen Prozeß und seiner Freisprechung endigen. Die Geschworenen erkennen, daß Thaw zur Zeit des Mordes geistesgestört gewesen sei und inzwischen seine geistige Gesundheit erlangt habe. Thaw ist wieder ein freier Mann. Er hat die Ehre seiner Frau gerächt, obwohl diese Frau, nachdem sie bei Gericht die Komödie der aufopferungsvollen Gattin gespielt hatte, eine gerichtliche Scheidung erlangte, und von dem geliebten Gatten getrennt, aber mit einem Teile seiner noch mehr geliebten Millionen vereinigt lebt. Die einzig logische Alternative war: Thaw ist entweder ein Meuchelmörder oder ein für die öffentliche Sicherheit gefährlicher Irrsinniger; er gehört hinter Kerkermauern oder in eine Irrenanstalt. Diese Alternative wird nicht gezogen. Er hat die Ehre einer Frau gerettet, und der Freispruch der Geschworenen wird von der anwesenden Menge mit tosendem Beifall begrüßt. Ein anderer Fall. Eine Frau Karman, die Gattin eines Zahnarztes in einem Vororte New Zorks, hat eine Patientin ihres Mannes, die sie unerlaubter Beziehungen beschuldigte, erschossen. Die Beweise, obwohl nicht direkt, sind zwingender Natur. Sie wird freigesprochen, denn sie hat ihre Gattenehre ebenso wie die Komödiantin Madame Caillaux in Paris, gerächt. Wenn sie so ganz nebenbei ein Menschenleben vernichtet hat, ist das ein unabänderliches Mißgeschick. Die Beschuldigung, die Frauenehre verletzt zu haben, war Franks Todesurteil, bevor er noch vor Gericht kam. Die nächste Ursache ist die Entrüstung über Attentate, die sich der Brotgeber gegenüber seinen weiblichen Angestellten erlaubt. Man sieht das am besten aus den billigen Sensationsstücken, die die amerikanische Bühne beherrschen, wie auf dem Kino und in den Sensationsromanen, wie Reginald Kaufmanns „Hause ok Bondage“ 1910 und Upton Sinclairs „Hie Jungle“ 1906. Da wird immer die kindliche Unschuld geschildert, die den Verführungskünsten des gewissenlosen Mädchenfängers erliegt. In Kaufmanns Roman ist der Hauptschuldige ein Jude. Die Berechtigung des Prinzips kann und wird niemand bestreiten. Die Ausbeutung dieser Entrüstung appelliert daher an ein echtes menschliches Gefühl. Im engen Zusammenhang damit steht eine eigentümliche Auffassung der Südstaaten der Union. Der Europäer wird sich hier auch bequemen müssen umzulernen. Man glaubt dort, wie ich mich überzeugt habe, daß Amerika, weil so viel jünger als Europa und weil seine Bevölkerung aus so vielen Einwanderern und Kindern von Einwanderern besteht, keinen Lokalcharakter zeigt. Das ist nun grundfalsch. Der Strom der Zeit, in dem sich ein Charakter bildet, fließt wenigstens in Amerika schneller, als man es sich vorstellt. Die Südstaaten sind ökonomisch, geschichtlich und klimatisch von den Nordstauten verschieden. Der Bürgerkrieg ist nicht ganz Verwunden. Man grollt dem Sieger und man fühlt sich ungerecht beurteilt. Tatsächlich hat es auch in den Südstaaten Gegner der Sklaverei gegeben, aber sie fühlten, so wie dies Rumänien und Rußland in der Judenfrage vorgeben, daß die Angelegenheit eine interne Frage sei. Man betrachtet daher den aus dem Norden Eingewanderten als einen unwillkommenen Zuwachs, als einen Eindringling, so wie man etwa im Ghetto von Prag aus den „Draußigen" mit einer Mischung von Mitleid und Verachtung herabschaute. Frank, obwohl in Texas geboren, hatte seit seiner frühesten Jugend in New Hork gelebt. Er war für Atlanta wie für den ganzen Staat ein „Draußiger". Dazu war er ein Fabrikant, der weibliche Arbeitskräfte beschäftigte. Das gilt noch immer im Süden als einer weißen Frau ebenso unwürdig als Schuheputzen und Straßenfeger: im Norden., In den guten alten Sklavenzeiten bestand ja überhaupt die wesent-

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