Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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475 wirkten hier als Rabbiner. Hier lebte und wirkte auch im 17. Jahrhundert der als angeblicher Eintagskönig von Polen berühmte Saul Wahl, eigentlich Katzenellenbogen aus Padua, der den Stolz der Gemeinde bis heute bildete. Brisk, wie Brest-Litowsk in der rabbinischen Literatur heißt, war neunzehnmal auch Versammlungsort >der Vierländersynode und überhaupt lange Zeit die führende Gemeinde in Litauen. 1832 ward der größte Teil der Stadt, die bis dahin aus dem Platz der heutigen Festungswerke stand, mit echt russischer Willkür durch Kaiser Nikolaus niedergerissen, der Raum für die nach der Niederwerfung des polnischen Aufstandes durch Suwarow hier errichteten Festungswerke brauchte. Es entstand in der Nähe eine sogenannte „neue Stadt", eben das heutige Brest-Litowsk, in das nach und nach auch die jüdische Gemeinde mit allen ihren Institutionen übersiedelte. Ein großer Brand vernichtete 1835 den letzten Rest der alten Stadt bis auf die ob ihrer Größe und Ausstattung weithin berühmte „große Synagoge", deren Frauentribüne Saul Wahl zu Ehren seiner Gattin Deborah, laut einer Inschrift, erbaut hat. 1842 mußte auch diese Synagoge den Festungsbauten weichen. Die Judengemeinde erhielt 8000 Rubel als Entschädigung, welche Summe den Grundstock für den 1851 in der neuen Stadt in Angriff genommenen Bau der „großen Synagoge" bildete. Geldmangel gestattete die Vollendung des Rohbaues erst 1861, während die innere Ausstattung erst 1868 durch ein Legat eines CH. I. Schereschewsky ermöglicht wurde. Diese mit Stolz so bezeichnete „große Synagoge", ein weißer, sechseckiger, imposanter Rundbau, ist wunderbarerweise inmitten des sie umgebenden Trümmermeeres fast unversehrt erhalten geblieben, die einzige unter den etwa 50 jüdischen Betstätten der Stadt, lind in ihr habe ich an den beiden Rosch-Haschono-Tagen mit einer Anzahl jüdischer Soldaten aus den verschiedensten Formationen Gottesdienst abgehalten. Leicht war das nicht, denn als ich drei Tage vorher erstmalig diese Synagoge betrat, fand ich ein unbeschreibliches Chaos vor. Schutt und Trümmer, zu wahren Bergen angehäuft, dazwischen erbrochene Kisten und Kasten, eine große Anzahl Thorarollcn, die aufgerollt allenthalben im Hauptraum und in den Nebengelassen der Synagoge umherlagen. Ein erschütternder Anblick. Dazwischen dann noch, wie übrigens auch in allen anderen zerstörten Häusern, unzählige hebräische Bücher jeden Inhalts und die vielen kleinen nach Thorarollenart gehaltenen Rollen mit den geschichtlichen und prophetischen Büchern der Heiligen Schrift, da hier auch die Haftara aus derartigen Rollen gelesen worden zu sein scheint. Kurz entschlossen erbat ich mir von der Etappenkomnrandantur eine Anzahl russischer Gefangener, die dann unter Aufsicht eines Unteroffiziers das Reinigungswerk vollbrachten. Auch die Aufräumung der Bücher usw. kam schließlich zustande. Mit ersichtlicher Ergriffenheit nahmen die Soldaten am Gottesdienste an Hand des vom „Verbände der deutschen Juden" herausgegebenen Büchleins teil, dem auch Thoravorlesung und Schofarblasen eingefügt werden konnte. Ein sanges- und gebetkundiger Soldat aus dem Rheinland erwies sich als vorzüglicher Vovbeter. Heute macht die Synagoge bereits wieder einen würdigen Eindruck. Sie ist sehr geräumig, sehr hoch, hat sehr hübsch ausgeführte Deckenmalerei und einen sehenswert stattlichen, von Marmorsäulen flankierten Aron Hakodesch, zu dem 20 Treppen emporführen. In den fünf bequemen Sitzreihen der Männerabteilung und der an drei Seiten angebrachten Frauentribüne dürften etwa 800 Personen Platz finden. Besonders konstruierte Hängelampen für Spiritusglühlicht sind in großer Zahl allenthalben angebracht. Mit ersichtlichem Stolze schildert der wohl jüngste, übrigens anonyme, Historiker der Brisker Judengemeinde die Schönheit der „großen Synagoge" (Ir Tehila, Warschau 1885), wie ich überhaupt unter den "Räumen der vielen anderen jüdischen Gotteshäuser noch feststellen konnte, daß man, nach dem biblischen Satze „seh eli weanwehu", hier großen Wert auf schöne innere Ausstattung legte. Schwer drückte uns alle, trotz des Festtages, die Erkenntnis, in einem solchen berühmten Mittelpunkte jüdischer Gelehrsamkeit uns zu befinden, ohne diese durch mehr als eine Unzahl in, auf und unter allen Schutthaufen umherliegender hebräischer Werke bestätigt zu finden. Unsere Stimmung blieb ernst, auch als ich an beiden Festtagen die jüdischen Soldaten um mich zu einem geselligen Beisammensein versammelte. Möge es Gottes Wille sein, auch dieser altberühmten jüdischen Gemeinde neues Leben ans den Ruinen erstehen zu lassen. Leo M. ssrank geboren in Paris (Texas) am 17. April 1887, ermordet bei Marietta (Georgia) 17. August 1915. Ein amerikanischer Dreyfus oder das Opfer eines R i t u a l m o r d e s. Bon Gotthard Deuts ch. (Fortsetzung.) rank wurde noch einige Zeit im Gefängnis zu Atlanta gelassen und unter größten Vorsichtsmaßregeln bei Nachtzeit nach einem Zuchthause in dem Städtchen Milledgeville gebracht. Dort wurde er am 17. Juli von einem anderen Sträfling, der wegen Mordes eine Zuchthausstrafe verbüßte, mit einem Messer angefallen und lebensgefährlich am Halse verletzt. Wie dieser Verbrecher in den Besitz der Waffe und in die Zelle Franks gelangte, ist, soviel ich weiß, nicht aufgeklärt worden. Die Sache selbst hat ihre tieftragische Seite. Sie erinnert uns an den separaten Judengalgen, der in Nürnberg bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein bestand, an die Sitte, jüdische Verbrecher mit einer gelben Mütze auf dem Kopfe zu hängen, von der Leon Modena im siebzehnten Jahrhundert aus Venedig berichtet. Ein wegen gemeinen Mordes zu Zuchthausstrafe verurteilter Mörder fühlt sich berufen, die verletzte Majestät des Gesetzes zu wahren. Dieses Gefühl hat schon vor 200 Jahren in Georgia bestanden. Die Kolonie Georgia, zu Ehren König Georgs II. so benannt, verdankt ihre Gründung dem Philanthropen Lord Oglethorpe, der den Vorschlag machte, den Verbrechern, statt mit ihnen die Strafanstalten zu bevölkern, in einem neuen, dünn bevölkerten Lande Gelegenheit zu geben, sich zu bessern. Das Privilegium wurde im Jahre 1732 erteilt, und im darausfolgenden Jahre begann die Ansiedlung in der Hafenstadt Savannah. Zur selben Zeit hatte die verhältnismäßig junge und kleine spanisch-portugiesische Gemeinde von London schon ein schwieriges Problem mit ihrer Armenversorgung. Die Vorsteher dachten daher, sich dieser Gelegenheit zu bedienen, um ihren Armen eine neue Heimat jenseits des Ozeans zu gründen. Lord Oglethorpe, obwohl persönlich von den edelsten Motiven erfüllt und von Judenhaß frei, war entrüstet. Er befürchtete, daß die Herren Spitzbuben durch die ihnen angetane Schande, neben Juden zu wohnen, chr ganzes Ehrgefühl und damit die Aussicht auf Besserung verlieren würden. Der Mörder William Creen, der am 17. Juli 1915 die beleidigte Ehre des Staates Georgia mit einem Schlächtermesser rächen wollte, hat offenbar so gefühlt, wie es Lord Oglethorpe von echten Verbrechern voraussetzte. Manche — ich will hinzufügen, nichtjüdische — Beurteiler sind der Ansicht, daß die Traditionen der ältesten Ansiedler Georgias, das niemals eine beträchtliche Einwanderung von Weißen aufzuweisen hatte, für die Ermordung Franks verantwortlich sind. Wir wollen das dahingestellt sein lassen. Frank war sehr ernstlich verletzt, begann sich aber zu erholen, als in der Nacht vom 16. auf den 17. August eine