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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-29 · Heft 40 (29.9.1915) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 40 (29.9.1915)
Date
1915-09-29
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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Wo ist denn mein Bruder! Komm, Lieber, Schau an das Wunder rasch! Doch weinend spricht der Bruder: „Jisgadal Wejiskadasch- L. G. Krofellor Dr. M. Lothmsnn. Von Tr. G u st n v Hillel, Nervenarzt, Berlin. n die Reihen der Männer, welche unermüdlich und \ opferfreudig die Pflicht erfüllen, die der Krieg in dem Heimatlaude fordert, hat der unerbittliche Tod schon manche Lücke gerissen. Mitten in seiner rastlosen, segensreichen Arbeit im Dienste der verwundeten Krieger ist auch der bekannte Berliner Nervenarzt, Prof. Dr. Max Rothmann, im besten Mannesalter von 47 Jahren jäh dahingerafft worden. Als Sohn des in allen Kreisen Berlins rühmlichst bekannten Geh. Sanitütsrats Dr. Oskar Rothmann im Jahre 1868 geboren, besuchte er -das Köllnische Gymnasium, welches er 1884 absolvierte. Bon 1884—1889 studierte er aus den Universitäten in Berlin und Freiburg Medizin und erlangte in diesem Jahre nach beendetem Studium die Doktorwürde. Diese bedeutete sür ihn nicht etwa das Endziel seines Strebens, sondern leitete nur den Beginn einer mit wahrer Freude und nicht zu überbietendem Fleiß betriebenen Forschertätigkeit ein, die er neben seiner ausgedehnten ärztlichen Praxis bis an das Lebensende fortsetzte. Gleich einem Arbeiter, der in der Tiefe der Erde nach Schätzen gräbt und sie an das Tageslicht fördert, enthüllte erden dichten Schleier, mit dem die Natur alle Vorgänge geheimnisvoll bedeckt, und brachte Licht in die vielfach noch unbekannten Lebensvorgänge des Zentralnervensystems. Vom Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn an wmDe Rothmann durch seine klaren und beweiskräftigen Veröffentlichungen und Vorträge über das Ergebnis seiner Forschungen in der wissenschaftlichen Welt anerkannt und als namhafter Forscher allgemein geschätzt. Dieser Wertschätzung als Gelehrter wurde durch die Verleihung des Professortitels und die Ernennung zum'korrespondierenden Mitglied von in- und ausländischen wissenschaftlichen Gesellschaften Ausdruck verliehen. Durch seine zahlreichen Arbeiten, deren Aufzählung allein mehrere Seiten beanspruchen würde, fügte er nicht nur Stein auf Stein zur Errichtung des stolzen Gebäudes der Wissenschaft über die Physiologie und Pathologie des Zentralnervensystems, sondern er wurde auch zum Wegweiser für das ärztliche Handeln, die Leiden der besonders unglücklichen Nervenkranken zu lindern und zu heilen. Durch seine Begeisterung für die Wissenschaft und seine Freude an der Erforschung der Wahrheit erzog er seine Schüler nicht nur zu tüchtigen Aerzten, sondern auch zu guten Menschen und bewies ihnen durch sein eigenes Vorbild, daß nur ein guter Mensch ein guter Arzt sein kann. Einem jeden Menschen, ob arm oder reich, lieh er jederzeit seinen Rat und seine Hilfe ohne Rücksicht auf materiellen Gewinn und wirkte allein schon durch seine sonnige Güte und die wohltuende herzliche Teilnahme an dem Leiden heilsam. Dieser schlichte, edle Mann, der von dem Streben nach Wahrheit erfüllt war, konnte auch den Interessen seiner Glaubensgenossen gegenüber sich nicht gleichgültig verhalten. Ueberall, wo sich eine passende Gelegenheit bot, im größeren Kreise von Gelehrten und einflußreichen Persönlichkeiten oder in der Oeffentlichkeit, bekannte er sich mit Stolz als Jude und verteidigte mit der an ihm gewohnten Begeisterung auf das eifrigste die Juden gegen die allgemein herrschenden Vorurteile. Er verurteilte auf das schärfste ohne Rücksicht auf seine persönlichen Beziehungen die Männer von Ruf und Namen, welche um äußerer Vorteile willen die Fahne des Judentums verlassen, und gab den Verkehr mit ihnen auf, da sie durch diesen Schritt gegen ihre wahre Ueberzeugung handeln und unwahr gegen sich selbst sind. Im Gegensatz zu diesen Abtrünnigen suchte der Verblichene durch seine Persönlichkeit und ideale Lebensauffasfung, die er auf sein ganzes Handeln übertrug. Andersgläubige von den edlen Eigenschaften zu überzeugen, die dem Juden eigen sind. Seine glühende Vaterlandsliebe bewies er gleich zu Beginn des Krieges durch ein schweres Opfer, das er freiwillig brachte. Der älteste, erst 17 Jahre alte Sohn des Heimgegangenen stellte sich in den ersten Tagen als Freiwilliger und wurde schon kurze Zeit nach dem Hinausziehen in das Feld von einer Kugel tödlich getroffen. Wie schwer auch der Entschlafene diesen unersetzlichen herben Verlust empfunden hat, so ertrug er ihn als Opfer für die Ehre des Vaterlandes mit Würde. Er selbst nahm in flammender Begeisterung für die gerechte Sache eine so ungeheure Arbeitslast auf sich, daß er ihr auf die Dauer erliegen mußte. Unermüdlich war er Tag und Nacht bemüht, seine Kenntnisse itnb Erfahrungen als Nervenarzt in zahlreichen Lazaretten und als fachärztlicher Beirat des Gardekorps zum Heile für die verwundeten und kranken Krieger zu verwerten und ihnen auf jedem nur erdenklichen Wege Linderung und Heilung zu bringen, damit sie hoffnungsfreudiger in die Zukunft blicken können. Außer dieser aufopfernden Tätigkeit übernahm er in seiner Hilfsbereitschaft Vertretungen von im Felde stehenden Kollegen, ferner die Redaktion einer wissenschaftlichen Zeitschrift und die Leitung eines städtischen Krankenhauses und versah außerdem noch seine ausgedehnte Praxis. In zahlreichen Vorträgen und Veröffentlichungen verbreitete er ferner seine Erfahrungen über die Kriegsverletzungen des Zentralnervensystems und gab Wege an, diese erfolgreich zu behandeln. Indem Rothmann die Warnungen seiner Freunde und Kollegen nicht beachtetete, brach er unter der Ueberarbeitung zusammen und starb jäh und unerwartet im Dienste des Vaterlandes am 11. August. Auf diesen Mann, welcher in der kurzen Spanne seines Lebens der Wissenschaft unvergängliche Dienste leistete und die wahrhaft edlen Eigenschaften eines Juden auf sein Streben und Leben übertrug, können wir als Juden mit Recht stolz sein. Ehre seinem Andenken! Zolch-tzslchmm in lörrlt-Litowlk. Bon Febdrabbimr Dr. Tänzer l Bugarmee). er Name und ein ungeheueres Trümmerfeld sind eigentlich alles, was von der vor kurzem noch so blühenden, großen Stadt übrig geblieben sind. Nur der tiefe Ernst, nicht aber die festliche Stimmung des Rosch-Haschono können hier das Gemüt erfüllen. Ist doch mit dieser Stadt auch ein hervorragendes jüdisches Gemeindewesen der Raublust und Zerstörungswut der russischen Horden zum Opfer gefallen, die hier wochenlang raubten, plünderten, die Häuser dann teils in Brand steckten, teils in die Lust sprengten, nachdem die auf 60 000 Köpfe geschätzte Bevölkerung erbarmungslos in das Elend der Landstraße hinausgetrieben worden war. Von dieser bis fast auf den allerletzten Rest erfolgten Verwüstung dürfte sich die jüdische Gemeinde, die fast drei Viertel der Bevölkerung bildete, kaum jemals mehr erholen. Wohin diese zirka 45 000 Juden gekommen sind, weiß Gott allein. Hier ist kaum ein einziger Jude mehr zu sehen. Die in der jüdischen Geschichte und rabbinischen Literatur einst so berühmte Gemeinde Brisk de Lita gehört der Vergangenheit an. Heute erzählt nur eine große Anzahl verwüsteter Synagogen, Bethäuser und Schulen von ihrem ehemaligen Bestände. Ihr Gründungsprivileg reicht in das Jahr 1388 zurück. Durch ihren Handel und Reichtum sowohl wie durch die in ihr mit großem Eifer gepflegte Gelehrsamkeit gelangte sie bald zu hohem Ansehen. Eine stattliche Reihe berühmter Persönlichkeiten, wie Sal.Luria, ferner die Verfasser des Twuath Schor, des Bach, des Meg.Schelomoh usw.

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