Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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t ' 473 ihm her: „Der Günstling des Zaren" u. a. Einem Artikel Alfred Klaars in der „Vossischen Zeitung" entnehme ich folgendes: „Sein Bestes und Tiefstes hat Lehmann nicht lange vor seinem Tode in die dramatische Dichtung „Flammenzeichen" hineingelegt, ein symbolisches Drama, das den Kampf zwischen Buchstabenglauben und pantheistischer Denkanschauung in eine bewegte, das Gefühl bewegende Handlung umsetzt. Putlitz hat dieses Stück am Stuttgarter Hostheater zur Aufführung gebracht, und die dramatische Lebensfähigkeit der hochgestimmten Szenenfolge erprobt. Dem Dichter war nicht mehr Zeit gegeben, diesen Bühnensieg zu verfolgen. Man würde nicht nur dem Andenken eines ungewöhnlich begabten Mannes, der Tatkraft mit tieferem Gedankenleben vereinigte, gerecht werden, sondern auch dem Theater einen Wert zuführen, wenn man dieses „Flammenzeichen" zur Erinnerung an Jon Lehmann auf einer Berliner Bühne aufleuchten ließe." Für unsere Zwecke kommen besonders in Betracht „Esterka, Königin von Polen, historische Erzählung nach einer jüdischen Sage" und die Skizze „Zur Charakteristik des Königs Ahasverus": zwei interessante Arbeiten, von denen die elftere einen jüdischen Stoff dichterisch zu behandeln weiß, die andere in moderner Weise eine biblische Persönlichkeit dem Modernen näher zu bringen versucht. Die Aufmerksamkeit unserer Leser möchten wir heute auf eine Sammlung „Verlorene Blätter. Allerlei Gedichte" richten, die der Dichter seinem Lehrer und Freunde Otto Roquette gewidmet hat. Diese Gedichte sind hübsche, wohlgeformte Reime, in denen Natur und Liebe besungen wird. Sie enthalten ferner Erinnerungen an den Rhein, an manche Städte, führen Situationen aus dem eigenen Leben vor und geben Zeugnis inniger Empfindung. Als besonders zeitgemäß seien aus dem Denkbuch zwei Gedichte hervorgehoben. Zur Erklärung des ersten, „Gebet während der Schlacht", sei bemerkt, daß der Dichter allerdings keinen Krieg mitgemacht hat, da er ja im Kriege von 1870 erst fünf Jahre alt war. Aber er hat gedient, brachte es zum Offizier, wie 'ihn das beigegebene Bild zeigt, und verstand es, sich dichterisch in die kriegerische Situation zu versetzen. Die Hoffnung, die der Poet zum Ausdruck brachte, hat sich leider nicht erfüllt. Das Gedicht lautet folgendermaßen: Gebet vor der Schlacht. Schön.kvmmt der Morgen emporgestiegen, Sieh, Vater, mich auf den Knien liegen, Hilf mir! Laß mir den Tag der Wehre Werden zum Tag der Ehre! Gott, mein Gott, ich rufe dich, Vater, beschütze mich! Hast du beschlossen, mit Strenge zu richten. Wolle den irdischen Leib mir vernichten, Doch die Seele, die Ehre bewahre; Ruhmbekränzt, tränenreich sei mir die Bahre. Sterben ist leicht — doch nicht leben kann ich. Wenn die Ehre verblich! Aber willst du Gnade mir geben. Laß mir dies schöne Erdenleben, Laß mich sein, als der Meinen Stützer, Den Guten ein Freund, den Armen ein Schützer Und noch singen dir Lob und Preis Als zufriedener Greis. * Es gereicht uns zu besonderer Freude, das zweite Gedicht hier abzudrucken. Die innige Liebe des Dichters zu seinem streng orthodoxen Vater wird hier in trefflicher Weise ausgedrückt. Es ist ein schönes Zeugnis wahrhafter Pietät; der Sohn, der seine eigenen Wege ging, hielt die Traditionen an seinen hochgeschätzten Vater unverbrüchlich fest. Das Gedicht hat folgenden Wortlaut: Mein Vater! Ich stand in der Synagoge Im Thallit mit schwarzem Rand; Meine Seele schien erloschen Nach des Schmerzes wildem Brand. Mein Rock ist zerrissen, zerzauset Mein Haar, und die Augen rot; Voll Mitleid blickt die Gemeinde, Doch jeder Blick spricht: „Tot!" Man schickt mich zur heiligen Lade, Wie der Gebrauch es heißt, Da mein Vater starb, soll ich sprechen Das Kaddisch. - Ich bin verwaist! Nein, nein, es ist unmöglich. Es darf, es kann nicht sein. Wir gehören ja zusammen, Dein bin ich und du bist mein! Wie wär' das zugegangen, Daß man dich von uns trug? Ich weiß es, es war nurTäuschung, Betrug war es und Lug! — — Da bist du! Nun Gott sei gepriesen! Die Erde hat wieder Raum, Nun war doch die Qual und das Elend Nichts als ein entsetzlicher Traum! Ich ruhe an deinem Herzen, Deine Stimme, so süß und gut. Gießt wieder Leben und Feuer In mein erstarrtes Blut. Mein Vater, herzlieber Vater, Ich halte dich, du bist zurück, O Seligkeit, o Wonne, O Jubel! Unendliches Glück! Ich weine vor Lust und Entzücken. Aus deinen Augen, so mild. Strahlt wieder mir der Himmel, Der Gottheit allgütiges Bild. — Ion Lehmann. cf MW