Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229218--71656-3284009- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die „Times" bringen die Nachricht cm versteckter Stelle 'in kleinem Druck unter der Überschrift „Neues Märtyrertum Israels". * Wenden wir uns zu Deutschland zurück, so muß leider konstatiert werden, daß trotz des Burgfriedens die Antisemiten bereits wieder am Werke sind. Zeugnis davon geben zwei Notizen der „Täglichen Rundschau" und der „Welt am Montag", die so lauten: Vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte hatte sich am Donnerstag der Geschäftsführer der „Staatsbürger-Zeitung." wegen Preßübertretung .zu verantworten. Das nunmehr seit zehn Monaten militärischerseits unterdrückte Blatt hatte sich in einem Rundschreiben an einen Teil seiner Bezieher gewandt und sein im Frieden zu befolgendes Programm entwickelt. Nach Mitteilung des Gerichtsvorsitzenden war deswegen vom „Zentralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Anzeige beim Oberkommando in den Marken erstattet worden. Die alsdann in Höhe von 100 Mark ergangene Strafverfügung wegen Uebertretung des 8 6 des Preßgesetzes wurde vom Schöffengericht auf 15 Mark bzw. drei Tage Hast ermäßigt. - Die Abgeordneten der antisemitischen Wirtschaftlichen Vereinigung haben an den Reichskanzler eine Eingabe mit dem Ersuchen gerichtet, beim Friedensvertrag den Abschluß der bisherigen Reichsgrenzen gegen jüdische Zuwanderung sichern zu wollen. Wie froh die antisemitischen Reichstagsabgoordneten gewesen sein mögen, als ihnen dieser schöne Ausweg eingefallen ist, um auch in dieser Zeit des Burgfriedens ihrem alten Rassesport frönen zu können! Es ist in der Tat höchst verfrüht, jetzt schon von der Zuwanderung der Juden aus den okkupierten Landesteilen zu sprechen, denn wer kann wissen, wie die Verhältnisse des ehemaligen russischen Polens sich gestalten. Nur mögen unsere Gegner bedenken, daß gerade in diesen bisher geknechteten Juden so viel Intelligenz und Energie steckt, daß sie, wenn sie; auch freilich kein besonders ersehnenswerter Zuwachs sind, doch manche Elemente in sich enthalten, die bei richtiger Pflege eine treffliche Erwerbung für Deutschland darstellen können. * Auch dieZionisten setzen ihre selbst während des Krieges nicht unterbrochene Tätigkeit fort. Ein interessantes Dokument darüber gibt ein mir zugeschicktes Sonderheft: „Erez Israel. Mitteilungen des Hauptbureaus des jüdischen Nationalfonds, Wolffsohn-Gedenknummer." Ich nehme gern davon Kenntnis, da Wolffsohns Persönlichkeit eine edle und ungemein sympathische war. Den Hauptinhalt des Heftes bildet eine Reihe von Würdigungen des Verstorbenen, und zwar von O. Marburg, Jakobus H. Kann, I. Bodenheimer, Jean Fischer, ferner eine Anzahl Mitteilungen über die jüdischen Nationalfrennde. Ueber den Zionismus sind neuerdings einige längere Ausführungen erschienen, von denen wir gelegentlich unsere Leser zu unterhalten gedenken. Heute mag nur auf einen Artikel Nordaus hingewiesen werden, der zunächst in einer Wiener zionistischen Wochenschrift gedruckt, ins Polnische übersetzt und von dort aus in die deutsche Presse übergegangen ist. Denn man muß die Rührigkeit bewundern, mit der die Zionisten es verstehen, ihre Anschauungen in die großen deutschen Zeitungen hineinzulancieren. Ein Zeugnis dieser Tätigkeit bietet eine lehrreiche Zusammenstellung von Helene Hanna Kühn: „Jüdische Kolonien in Palästina", ein ungewöhnlich langer Artikel, der in der letzten Sonntagsbeilage der „Bosnischen Zeitung" Aufnahme gefunden hat. Auch Nordaus Artikel ist in viele Zeitungen übergegangen. Wir wollen ihn uns für die Zukunft merken; denn am Schluß formuliert er die neuen zionistischen Wünsche, die sich von den früheren einigermaßen unterscheiden, in folgender Weise: 1. In allen Ländern, in denen wir in kleiner Zahl leben, volle Gleichberechtigung für uns, nicht auf dem Papier, sondern in Wirklichkeit; wird sie einmal offiziell vorhanden sein, so wird sie bald auch in sozialer Hinsicht folgen. Die Minister, Generale, hohe Richter und Gesandte werden Salons und Hotels nicht lange boykottieren, auch wenn die für sie tonangebenden Leute noch so beschränkt, rückständig- und aufgeblasen wären. 2. Ueberall, wo wir ein bedeutendes, organisiertes jüdisches Element bilden, Anerkennung unserer Nationalität, soweit dieser Wunsch geäußert wird, mit allen politischen und kulturellen Konsequenzen, die im Staate jeder anderen selbstbewußten, organisierten, von anderen sich unterscheidenden Nationalität zuerkannt sind. 3. Für Juden, die unter sich ein nationales Leben führen und nichts weiter als Juden sein wollen, Palästina, d. h. das Recht der unbeschränkten Einwanderung dorthin, das Recht des Landerwerbs und der Ansiedelung mit Autonomie unter der Regierung, die in diesem Lande die Oberherrschaft hat. Nordau bespricht dann die Notwendigkeit, Geldmittel für die Vertretung ans dem Friedenskongreß zu sammeln. Er hält eine halbe Million Francs für nötig, zu der die Juden aller Länder beisteuern sollen. Die Sammlung habe bald zu beginnen. Schließlich fordert er die Stärkung der zionistischen Organisation, von der die ganze künftige Entwicklung des Judentums abhängen werde. * Diese Nummer erscheint unmittelbar vor dem Abschluß der Reihe unserer großen Feiertage. Sie haben Unzähligen Erbauung und innere Weihe gebracht. Zum zweitenmal mußten unsere Glaubensgenossen in Deutschland und in anderen kriegführenden Staaten diese Tage in schwerer Sorge, viele in bangen Gedanken und Befürchtungen um ihre Lieben, die draußen im Felde stehen, alle in herzlichen Gebeten um das Heil des Vaterlandes verbringen. Noch ist keine Aussicht auf Frieden, der Krieg tobt weiter. Möge die innere Kraft, die Unzählige aus dem Gebete schöpfen, ihnen allen erhalten bleiben. Ein frühzeitiger Winter scheint zu beginnen. Er bringt mit sich alle Schrecknisse eines Winterfeldzuges, die wir schon einmal erlebt haben. Nur schüchtern wagt sich die Sonne hervor; möge sie das Dunkel durchbrechen und die Kälte besiegen! So wenig unmittelbare Aussicht aber auf Frieden herrscht, wir wollen nicht aushören, ihn zu ersehnen und zu erflehen. Wenn aber nun doch weiter gekämpft werden muß, so sind wir sicher, daß unsere Streiter — auch die jüdischen — Kraft und Mut nicht verlieren, vielmehr ihre Kräfte aufs äußerste anspannen, um den endlichen Sieg zu erringen. Wir alle aber, die wir auf den Schlachtfeldern nicht tätig fein können, wir geloben weiter — gestärkt durch den Segen und die innere Weihe der Festeszeit —, auszuharren und mutig zu tragen, was uns beschieden ist. Wir wollen ferner, soweit es uns möglich ist, die Leiden der einzelnen lindern und mindern, wir wollen es an kräftigem Wort und ermunterndem Zuspruch nicht fehlen lassen. Und vor allem: wir wollen harren auf den endlichen Sieg unserer gerechten Sache und vertrauen, daß uns nach dem Siege ein glorreicher Frieden beschieden sein wird. Ion Lehmomi. 3vn Lehmann, dessen knrze Biographie wir im Jahrgang 1914 Nr. 3 S. 29 anläßlich seines frühen, am 4. Dezember 1913 erfolgten Todes gebracht haben, hätte vor wenigen Tagen, am 19. September, seinen 50. Geburtstag gefeiert. Viele unserer großen Zeitungen haben an diesem Tage da? Andenken an diesen trefflichen Mann wieder wachgerufen Es ziemt auch uns, des Wackeren zu gedenken. Jon Lehmann war ein vielseitiger, erfolgreicher Schrift steller, der teils unter seinem eigenen Namen, teils unter verschiedenen Decknamen: Hans Wellberg und Hugo Freund Dramen veröffentlicht hat, die sich reichen Beifalls erfreuten z. B. das Lustspiel: „Augen rechts" und ein Passionsspiel „Thomas Bekket". Auch manche Erzählungen rühren von