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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-29 · Heft 40 (29.9.1915) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 40 (29.9.1915)
Date
1915-09-29
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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scherzen; denn die Reaktion triumphiert. Die Duma ist gesprengt, sozialistische Abgeordnete werden verhaftet, ein in Moskau abgehaltener Städtekongreß erklärt sich offen gegen die Regierung, der Dumablock macht verzweifelte Anstrengungen, ein liberales Regiment in Rußland zu erzwingen. Triumphiert, was bei der Kurzsichtigkeit und Halsstarrigkeit der Regierenden in Rußland höchstwahrscheinlich ist, die Reaktion, so muß es in Rußland zu großen Spaltungen kommen, die einen ernsten Widerstand schwächen, wenn nicht geradezu unmöglich machen; und die Verbündeten Rußlands, namentlich Frankreich, müssen, wie dies schon vielfach von hervorragenden französischen Journalisten ausgesprochen wird, zur Erkenntnis kommen, daß mit diesem Barbarenlande nicht auszukommen ist. Gelingt die Bezwingung Serbiens, tritt Bulgarien wirklich auf unsere Seite und mißlingt, was wir mit fester Zuversicht hoffen, die große, wiederum laut verkündigte Offensive der Westmächte, so steht unsere Sache so vortrefflich, daß die Aussichten aus eine Beendigung des Krieges um ein wesentliches Stück nähergerückt werden. Gewiß können Rückschläge erfolgen, unsere Siegeslaufbahn kann da und dort gehemmt rverden, aber lvir dürfen im allgemeinen mit großem Bertrauen. in die Zukunft blicken. Im „Hamburger Fremdenblatt" vom 21. September findet sich ein sehr bemerkenswerter Artikel „Heim aus London", in dem die Eindrücke eines Deutschen, der lange in England verweilte, dargelegt werden. In diesem Artikel findet sich nachstehender Passus: Mancher verengläuderte Deutsche hat sich in den letzten Monaten roll Scham gestanden: Wie habe ich mein Volk verkannt und unter- 'chätzt! Zu diesem Zusammenhang noch eins. Auf der Liste der Verräter steht mancher jüdische Name; demgegenüber konstatiere ich aber gern, daß ich in dieser Feuerprobe andererseits gerade in vielen deutschen Juden Londons echte deutsche Patrioten tenuengelernt äabe, die Deutschland nicht verrieten, als die -englische Bulldogge knurrte. Das ist eine Berichtigung gegen Ausführungen, die wir srüher über das Verhalten jüdischer Bankiers und Börsenleute deutscher Abstammung gemacht haben; wir nehmen gern von ihr Kenntnis, warten aber einstweilen, um unsere Beschuldigungen zurückzunehmen, bestimmtere Angaben ab. & Wenden wir von Deutschland den Blick nach Rußland, so ist von dort nichts Erfreuliches von unseren Glaubensgenossen )\\ berichten. Von dem Elend der vielen Tausende jüdischer Flüchtlinge gibt die „Frankfurter Zeitung" in einem Moskauer Briefe ein anschauliches Bild. Es heißt darin: „Ein- Haufen von jüdischen Flüchtlingen aus dem fernen Gouvernement des Westens umringt uns -mit Augen, in denen Entsetzen und Enttäuschung liegen. „Was soll denn aus uns werden? In Moskau m'irsen wir nicht bleiben, wohin sollen wir fahren? Wir können nicht weiter. Ich habe eine kranke Frau, mein Kind ist am Sterben; helfen 5ie uns doch, lassen Sie uns doch hier bleiben." Wir geben uns Mühe, "en Leuten zu erklären, daß das nicht in unserer Macht stehe: aber der Ilde hört nichts, null nichts verstehen. Sein Leid ist allzu fürchterlich. Einer der Vertreter der Hilfsvereine, der mit mir geht, sagt den?,nden: „Fahrt nach Kostroma, dort gibt es einen jüdischen Hilssuisschuß, dort wird man gut für euch sorgen!" Aber die Juden üauben es nicht, sie wissen nicht, wo Kostroma liegt. Sie glauben, sei schon in Sibirien. Sie fürchten, daß es dort entsetzlich kalt ü: sie sagen, sie hätten keine warmen Kleider, sie würden dort erfrieren. „Können wir nicht in Moskau bleiben, in Moskau; wir onnen nicht mehr weiter." Mit ihrem ganzen Wesen, mit den Augen, mit Geberden flehen sie uns an, sie xxifcn unser Mitleid an, daß wir ü? von größeren fürchterlichen Qualen erretten möchten. Ich frage die Juden, ob man ihnen zu essen gibt, und sie sagen mir, daß umu endlich einen jüdischen Kochkessel errichtet habe. Vorher wurde für die Inden nicht nach ihren Vorschriften gekocht. Und womit sich die Juden ernährten, und ob sie überhaupt etwas zu essen bekamen, das weiß keiner. Ich war nicht kräftig genug, um noch länger in dieser verdichteten erdrückenden Atmosphäre menschlichen Schmerzes zu bleiben. Alle unsere Kräfte, alles, was wir entbehren können, müssen lvir diesen Flüchtlingen geben. Kein Aufruf und keine Aufwallung von Großmut kann dem stark und nachdrücklich genug erscheinen, der nur ans eine Stunde oder einen Augenblick das gesehen hat, lv-as hier vor sich geht. Die Hilfsausschüsse erleichtern wohl da und dort das Los der Flüchtlinge, aber alles sind nur halbe Maßnahmen. Es sind keine Mittel vorhanden, es gibt keine Pläne, es gibt keine richtige Organisation für diese unaufschiebbare gewaltige Sache. Ich kehre auf den Bahnhof zurück. Unter die hastige, in ewiger Eile sich drängende Menge des Publikums. Das Lager des Leides liegt schon weit hinter uns. 'Aber auch hier stößt man noch da und dort auf eine seiner furchtbaren und doch so alltäglichen Aenßernngen. Eine Lettin mit hellen, blauen, vertrauensvollen Angen drängt sich im Bahnhof von einem Reisenden znm anderen, auf den Armen trägt sie ein sterbendes Kind. Mit gebrochener Sprache fleht sie jeden an, ihr zu sagen, wo sie einen Arzt finden könnte. Aber keiner weiß es. Auf dem Bahnhof gibt es keinen Arzt. Der Heilgehilfe ist beschäftigt. Eine ärztliche Hilfe für die Flüchtlinge hat man noch nicht eingerichtet. Und die arme Frau spricht ununterbrochen ihre einfachen, kaum verständlichen Worte; sie fleht, sie zeigt ans ihr sieches Kind mit seinem todblassen Gesichtchen, und ich sehe, wie über ihre blauen, vertrauensvollen Augen bittere Tränen rinnen . . ." # Es wurde früher gelegentlich schon angedeutet, daß es den Anschein hat, als wollte Rußland seine innere Judenpolitik ändern, nicht etwa aus Menschenfreundlichkeit, sondern in der Hoffnung, das Haus Rot h s cf) i X b günstig für sich zu stimmen. Diese Tatsache wird näher ausgeführt in einer durch manche Zeitungen gegangenen Meldung, in der es heißt: London, 14. September. Infolge der ablehnenden Haltung, die das Bankhaus Rothschild u. Söhne gegenüber allen Vorschlägen der russischen Regierung zu Finanztransaktionen eingenommen hat, haben die russischen Offiziellen, die die Unterstützung Rothschilds zu ihrer demnächstigen großen ausländischen' Anleihe gebrauchen, sich veranlaßt gesehen, den Ehef des Banthauses durch ein direktes Telegramm von der Kursänderung der russischen Politik zugunsten der Inden zu benachrichtigen. Der Präsident der Internationalen Kommerzbank in Petersburg, Direktor Wischnegradski, drahtete hu Aufträge der russischen Regierung all Rothschild, daß die Hauptforderungen der Juden angenommen worden seien. Die Juden erhalten das Recht der Freizügigkeit, das Erlverbsrecht von Grundbesitz überall mit Ausnahme der kaiserlichen Hanpt- und Residenzstädte sowie eine weitere Erlaubnis zum Schulbesuch für ihre Kinder. Wischnegradski erklärte weher,' daß seiner Auffassung nach die russische Regierung durchaus nicht abgeneigt ist, nach dem Kriege der jüdischen Bevölkerung auch noch weiteres Entgegenkommen zu zeigen. Trotzdem lassen sich die Verbündeten Rußlands über die wahre Gesinnung ihres Bundesgenossen nicht mehr täuschen. In Frankreich ist schon lange durch manche Politiker auf das abscheuliche Verfahren Rußlands gegen die Juden hingewiesen worden; Aeußerungen englischer Blätter dagegen waren selten oder gelangten wenigstens nicht zu uns; jüdische Blätter, die in England erscheinen und die einen Protest gegen das Verfahren der russischen Regierung zu äußern wagten, wurden unterdrückt. Um so bemerkenswerter ist daher eine Mitteilung der „Kölnischen Zeitung", die besagt: Berlin, 14. September. Bei der jüdischen Neujahrsfeier in London sagte der Rabbiner Dr. Hertz in der Synagoge: „Gerechtigkeit und Menschlichkeit müssen noch einen Sieg, den letzten, erringen. Die Gemeinde hat niemals solchen berechneten Leiden, solcher Inhumanität gegenübergestanden, wie sie Abertausende von Juden jetzt aus dem östlichen Kriegsschauplatz zu erdulden Haben. Ungezählte verloren ihr Leben, Millionen ihr gesamtes Hab und Gut."

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