Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- Seite 470 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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getrübt: Israel denkt unwillkürlich an seine tränenreiche Vergangenheit, an die vielen Leiden, die es erfahren, an die kränkenden Zurücksetzungen, die es so oft erlitten, an die schweren Opfer, die es vergeblich gebracht — und Unmut will sich seiner bemächtigen und die Festesfreude nicht recht aufkommen lassen. Allein Israel in der Nähe seines Gottes verzagt nicht, es vertraut auch feruer auf ihn, hofft auf die Erfüllung seiner trostreichen Verheißungen für die Zukunft und ruft mit dem Psalmisten ergebungsvoll in die Welt hinaus: Wenn auch giftige Worte des Hasses mich umringen, ohne Ursache gegen mich gestritten wird und für meine Liebe ich nur Befehdung erfahre — ich will beten5). Und Israel betet, wie an den vorangehenden Festtagen, so auch an seinem Schlußfeste, nicht nur für sich, sondern auch für andere, auch für seine Feinde, die seine Opfer mit Spott, seine Treue mit Hohn und seine Liebe mit Hatz vergelten. Israel betet um Regen, der allen Menschen in gleicher Weise zugute kommt, dessen Schlüssel nach einem sinnigen Wort unserer Weisen Gott allein aufbewahrt und nie einem Boten nnvertraut, und kündet so allen, die es hören und begreifen wollen: «) Crnon fT^Rflö D’ötoJn Dl1 Der Tag, an dem Gott die Erde mit Regen tränkt, ist für sein liebevolles Walten in der Welt beweiskräftiger als die Lehre von der Wiederbelebung der Toten, die doch nur auf Glauben beruht. Denn nicht die Toten preisen Gott, sondern die Lebenden: sie preisen ihn für die Verleihung des Regens und erkennen so in ihm den alleinigen Spender des Segens, der ihrer Hände Arbeit befruchtet. Darum lehren auch unsere Alten: Der Tag des Regens ist ebenso hoch einzuschätzen wie der Tag, an dem die Thora gegeben wurde"), denn wie diese zeigt auch der Regen dem Menschen den Weg zu seinem Gott, ohne dessen Segen und Beistand es kein Glück, kein Gelingen und kein Fortkommen gibt. Der Tag des Regens läßt die Menschen ihre Abhängigkeit von einer höheren Macht erkennen und schützt sie vor Hochmut und Ueberhebung, daß sie nicht in den Größenwahn jener sündigen Menschen des Zeitalters der Sintflut verfallen, die stolz auf die Fülle ihres Besitzes und die eigene Schaffenskraft des göttlichen Beistandes entbehren zu können glaubten, indem sie sprachen: Weiche von uns, die Erkenntnis deiner Wege begehren wir nicht, und was ist der Allmächtige, daß wir ihn anbeten? (Hiob 21, 14—15). Wir bedürfen ja seiner nur um des Regentropfens willen: nun, wir haben übergenug Flüsse und Quellen für unseren Bedarf. Was aber war die Folge? Der trotzige Undank, den sie der Güte des Herrn entgegensetzten, verwandelte den ihnen zuteil gewordenen überreichen Segen in Fluch, die Anbetung der eigenen Kraft führte sie ins Verderben, an dem Ueberfluß ihrer Quellen und Flüsse gingen sie spurlos zugrunde^). Vor einem solchen, selbstverschuldeten Schicksal will das Judentum seine Bekenner bewahren. Es hat schon in alter Zeit die hohe Bedeutung des Regentropfens aus Gottes Hand richtig einzuschätzen verstanden, es verurteilt wie den Götzendienst und die Vergötterung der Naturkräfte so auch die Verherrlichung und Anbetung der eigenen Kraft und des eigenen Besitzes, warnt vor den unausbleiblichen traurigen Folgen und beschließt die Reihe seiner heiligen Feste am Sch'mini azeret mit einem Gebet um Regen, das in die flehentliche Bitte ansklingt: Er gestalte sich für Israel wie für die gesamte Menschheit zum Segen und nicht zum Fluch. Ps. 109, 2- Liehe Numeri rabba, K. 21, Jalkut Schimoni, Pinchas und Sohar, Emmor. fi) Taanith 7a. 7) ibid. 8) Sanhedrin 108a. , Bif Woche. Berlin, den 27. September 1915. ie amtlich mitgeteilt wird, sind auf die dritte Kriegsanleihe, deren Zeichnungstermin am 22. d. M. ablief, 12 Milliarden 30 Millionen Mark Zeichnungen festgestellt worden. Damit ist ein neuer großartiger Sieg errungen. Deutschlands Kapitalkraft hat sich wiederum zum Aergernis der Feinde aufs glänzendste bewährt, und ein neues bewundernswertes Zeugnis des Patriotismus ist geliefert. Zwei wichtige Ereignisse gehören den letzten Tagen an: die Offensivegegen Serbien und die M o b i l i s i e r u n g Bulgariens. Die erstere war nötig, um diesen Raubstaat, dessen frevelhaftes Beginnen den ungeheuren Weltbrand unmittelbar entzündet hat, endlich zu züchtigen. Daß man so lange damit gezögert hat, ergab sich aus dem Vorgehen gegen Rußland, von dem man eine kräftige Unterstützung Serbiens in den vorausgegangenen Kriegsmonaten erwarten durfte. Hoffentlich sind die Nachrichten über die Schwächung Serbiens und die dort herrschenden Krankheiten zuverlässig, so daß eine Bezwingung des zwar tapferen, aber ohnmächtigen Heeres ein Werk wenn auch nicht weniger Tage, so doch nur einiger Wochen sein wird. Daß Bulgarien sich nicht aus die Seite der Gegner stellt, ist gewißi schon verlautet, daß die Mächte des Vierverbandes ihre Gesandten aus Bulgarien abgerufen haben; weniger gewiß ist, ob die bulgarischen Truppen sich direkt mit uns und unseren Verbündeten vereinigen, oder ob das Land seine eigenen Wege gehen wird. Aber wir können in dem tapferen Volke einen Freund, wenn nicht geradezu einen Verbündeten sehen. Ungewiß ist einstweilen noch die Haltung Rumäniens und G r i e ch e n l a n d s. Die Neutralität des letzteren Staates erscheint allerdings kaum fraglich. Was Rumänien anbetrisft, so hat es durch seine Neutralität während der Balkankriege im Jahre 1913 seinen Vorteil zu wahren gewußt. Vielleicht veranlaßt auch jetzt die Klugheit diesen Staat zum Zusehen, um dadurch seine Interessen mehr zu fördern, als durch einen unklugen Feldzug sich selbst zu schädigen. Denn die Hoffnungen, die einige der Balkanstaaten auf Rußland setzten, sind gründlich vernichtet. Und auch mit den weitestgehenden Versprechungen, mit denen die Russen Rumänien gegenüber nicht kargen, weiß Rumänien nicht viel anzufangen. Rußlands Lage ist verzweifelt genug. Nicht bloß nach unseren Siegesberichten, sondern nach den Mitteilungen der Rußland wohlgesinnten neutralen Presse sind die letzten Anstrengungen der russischen Truppen erfolglos gewesen. Eine erzwungene Trennung der beiden noch übrigen operierenden Armeen ist bereits erfolgt, die wichtigeren Eisenbahnlinien sind besetzt, so daß von der durch die Westmächte erträumten Offensive und von dem durch die Russen angekündigten allgemeinen Vorstoß nicht mehr die Rede sein kann. Es läßt sich freilich nicht leugnen, daß auch in den letzten Tagen kleine Erfolge der Russen hier und da erzielt, manche Verluste den deutschen Truppen beigebracht und Hunderte von Gefangenen gemacht worden sind, aber man darf doch wohl erwarten, daß das Geschick des gewaltigen Landes, dessen Heere sich von zäher Ausdauer und mutiger Beharrlichkeit gezeigt haben, sich in absehbarer Zeit besiegeln wird. Unser Kaiser hat nach den neuesten Berichten einige der jüngst eroberten Festungen, Kowno und Nowo-Gevrgiewsk, besucht; es ist Wohl kein Zweifel, daß man dem obersten Kriegsherrn die Art zeigen wird, wie diese Bollwerke für uns nutzbarer gemacht werden können als den Feinden. Unterdessen arbeitet Rußland selbst daran, sich zu vernichten und auch die Achtung seiner Verbündeten zu ver-