Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 — Bonn, 17. September. Das an der Bonner Universität im Herbst 1913 begründete orientalische Seminar ist aus staatlichen Mitteln und durch Schenkungen sehr erheblich erweitert worden. Frau Geheimrat Prym schenkte die reichen Bestände der wissenschaftlichen Bibliothek ihres verstorbenen Gatten, des Geheimen Negierungsrats Prof. Dr. Eugen Prym, der Universität mit der Weisung, sie an die Universitätsbibliothek und das orientalische Seminar sachgemäß zu verteilen. Der weitaus größte Teil der Bibliothek Prym ist dabei dem Seminar zugefallen. Es ist eine mit Liebe ausgebaute semitistische Bibliothek mit vollständigen Jahrgängen der wichtigsten orientalistischen Zeitschriften, Zahlreicher linguistischer Literatur und vielen arabischen und syrischen Texteditionen. Auch eine fast unübersehbare Sammlung von kleinen Broschüren und Separatdrucken war damit verbunden. Geheimrat Prhm hat die Begründung des Seminars nicht mehr erlebt, aber durch seine früheren Stiftungen von orientalistischen Büchersammlungen und durch die gemäß seinem Wunsche erfolgte Schenkung seiner eigenen Bibliothek in Bonn eine für Preußen ziemlich einzigartige orientalistische Studienmöglichkeit geschaffen. Wie die „Chronik" mitteilt, dienten die Anschaffungen aus dem staatlichen Gründungssonds von 6000 Mark im wesentlichen zur Ausfüllung von Lücken, namentlich auf den von Prhm nicht gepflegten Gebieten. So wurden orientalische Drucke, islamische Realienwerke (Geschichte, Recht, Drientpolitik) angeschasft und die Bibliothek für das ganze Gebiet der semitischen Sprachen, des Persischen und Türkischen nach der philosophischen wie nach der geschichtlichen Seite hin systematisch ausgebaut. Vorerst wurden 118 bibliographische Bände angeschafft. Eine wertvolle Ergänzung erhielt die Seminarbibliothek durch die Schenkung des Sanitätsrats Dr. Gräfe in Halle, der 38 Bände aus der Bibliothek seines in Frankreich gefallenen Sohnes, des allzufrüh der Wissenschaft entrissenen jungen Hamburger Arabisten, Dr. Erich Gräfe, dem Seminar überwies. Der bisher katalogisierte Bestand beträgt 1400 bibliographische Bände, wobei die umfangreiche indologische Bibliothek, die unter Verwaltung von Geheimrat Jacob: steht, nicht mitgerechnet ist. — Konstanz, 17. September. Das „Verordnungsblatt des Großherzoglichen Oberrates der Israeliten" vom 25. August 1915 bringt folgende Berichte des Feldrabbiners Dr. C h o n e beim Oberkommando der VI. Armee: 1. Bericht vom 28. Mai: „Gestern erhielt ich vom Großherzoglichen Oberrat eine Kiste mit Zigarren und Taschenlampen. Ich werde sie bei meinen Reisen, Besuchen von Lazaretten, Truppen und Gottesdiensten verteilen und gestatte mir herzlichen Dank für die reiche Sendung auszusprechen. Dankbar wäre ich für eine Summe baren Geldes, das ich einzelnen Zukommen lassen kann. Am 26. Mai hatten wir hier in Lille eine Rabbinerkonferenz, an der alle acht im Westen fungierenden Feldräbbiner teilgenommen haben." — Da der Shnagogenrat in Mannheim den Betrag von 300 Mark zur Verfügung stellte, konnte dem Wunsche des Herrn Dr. Chone entsprochen werden. — 2. Bericht vom 22. Juni: „Donnerstag, den 17. Juni, wurde ich von Seiner Königlichen Hoheit unserem Großherzog in Audienz empfangen. Seine königliche Hoheit erkundigte sich eingehend nach meiner Tätigkeit i welche Truppen ich zu besuchen habe, ob mir nicht ein Auto zur Verfügung stände, da ja mit dem Wagen eine sich so weithin erstreckende Tätigkeit kaum in ausreichendem Maße ausgeübt werden könne, ob ich eine Thorarolle mit mir führe), ferner nach den Verhältnissen meiner Gemeinde, wer mich da vertrete und nach anderen Dingen. Ich war hocherfreut über das rege Interesse, das Seine königliche Hoheit der Wirksamkeit des Felidrabbiners entgegenbrachte." Grsterreich-Angam. — Wien, 17. September. Vor vierzehn Tagen fand, wie bereits kurz mitgeteilt, im Rothschild-Spital eine kleine, aber erhebende Feier statt. Die Beamten der israelitischen Kultusgemeinde hatten zu Ehren des 70. Geburtstages des Universitätsprosessors Dr. S. Klein das Porträt des Gelehrten dem Spital gespendet, und an dem genannten Tage erwlgte die Uedergabe des Bildes an den Direktor Primarius Dr. T l e i s ch m a n n. Zu dieser Festlichkeit hatten sich im Sitzungssaale des Spitals eingefunden außer dem Direktor und Kommandanten des Vereinsreservespitals Nr. 8, dem Primarius Dr. Fleifchmann, der Vorstand und Operateur der Augenabteilung Professor Dr. Klein, der Schöpfer des Porträts, Maler Neugroeschl, in Vertretung der Beamten der Kultusgemeinde die Herren Sekretär Dr. E. Adler, Dr. Deutsch, Vorsteher, Hofmann und Matrikelamtsleiter Brösler; vom Spital die Primarärzte Dozent Dr. Breuer und Tr. Jnseld, der Jnspektionsossizier des Vereinsreservespitals Nr. 8 Oberleutnant Bradh, Oberschwester Emma Levy, Frau Tr. Bauer, Frau Dr. Schütz, Regimentsarzt Dr. Bachrach sowie fast alle Hilssärzte und Beamten des Rothschild-Spitals. In'einer Ansprache an Professor Dr. Klein hob der Direktor, Primararzt Dr. Fleisch mann, die wissenschaftliche Bedeutung des Gefeierter: hervor, betonte die großen Verdienste des Augenarztes und langjährigen erfolgreichen Operateurs dieser Anstalt und sprach den Wunsch aus, daß er noch lange sein segensreiches Wirken fortsetzen möge. Hieraus nahm für die Bearntenschast der Kultusgemeinde Sekrtär Dr. Adler das Wort; er pries in dem Professor den Wohltäter vieler Unglücklicher und wies darauf hin, welche Genugtuung es ihm gewähre, daß es ihm vergönnt sei, als Wortführer der Beamtenschaft den großen Arzt der Verehrung und Dankbarkeit zu versichern, die alle für ihn fühlen. Professor Dr. Klein dankte in bewegten Worten. Das Bild des Gelehrten ist ein Werk des aus der Münchener Meisterschule Piloty und aus der Wiener Akademie hervorgegangenen Malers Fritz Neugroeschl und fand ungeteilte Anerkennung und Bewunderung. KutzlsnL. — Petersburg, im September. Gelegentlich der Beratung der Erweiterung des Rechts der Staatsbank zur Ausgabe von Papiergeld hielt Baron Rosen, der frühere russische Botschafter in Tokio, im Reichsrat eine Rede, die überall berechtigtes Aufsehen erregt wegen der darin geübten scharfen Kritik der jetzigen Regierungspolitik. Rosen führte u. a. aus: Schon im Januar 1914 habe er den jetzigen großen. Krach vorausgesagt. Er habe die Regierung damals beschwöre::, in der Politik einen Kurswechsel vorzunehmen. Damals habe man seine Worte mit verächtlichem Lächeln ausgenommen. Jetzt erkenne man, wohin diese Politik geführt habe. Der Krieg habe Rußland vollständig unvorbereitet gefunden, sowohl in militärischer als in innerpolitischer Beziehung. Man zeige doch nun endlich einmal, in welche Lage das erste Kriegsjahr Rußland gebracht habe. Millionen junger Menschenleben seien schon vernichtet und noch immer werden Ströme von Blut vergossen. Es sei heute klar, daß in diesem Kriege kein Land vollständig besiegt werden könne. Deutschland huldige der Anschauung, daß Macht vor Recht gehe; daher sollte man rneinen, daß die Sympathien der ganzen, neutralen Welt auf der Seite des Vierverbandes zu finden sein sollten. Warum sei das nicht der Fall? Weil in R u ß l and d a s S y st e m d e r Unterd r ü ck u n g der fr e n: - de n B ö l k e r u n d eine r e l i g i ö s e U n d u l d s a m k e i t b e - stehen. Rußland könne die Sympathien der neutralen Welt erlangen, wenn es in innerpolitischer Beziehung dem Beispiel seiner ruhmreichen Verbündeten Frankreich und England folge und seine Politik auf freiheitliche Grundlage bringe. Dadurch, daß wir das alte System der Unterdrückung fortsetzen, nutzen wir unseren Feinden und verhelfen deren Werbearbeit in den neutralen Ländern, namentlich in Nordamerika und Schweden, zum Erfolge. Es sei unbegreiflich, daß die Regierung nicht einsehen könne, daß das System der Unterdrückung uns im Auslande nur schade, besonders die mittelalterliche Behandlung der Juden und die systematische Vergewaltigung der Rechte Finnlands. Es sei klar, daß man nicht die Politik der Nationalisten und Panslawisten befolgen könne, wenn man auf der Seite derjenigen Völker stehe, die für Recht und Freiheit kämpfen. Man müsse dahin arbeiten, daß man mit Recht sagen könne, daß in Rußland jetzt die Freiheit und das Recht herrschen, und daß in unseren: Lande keine rechtlosen Bedrückten mehr leben. Erst dann werden wir die Sympathien der Neutralen auf unserer Seite finden. Türkei. Z. Korrstantinopel, im September. Des Unterrichtslninisterinm hat die Bildung einer Kommission veranlaßt, die über Verbesserungen des U n te r r i cht s w es e n s beratschlagen soll. Man ist sich noch nicht einig darüber, ob die Verbesserungen vorerst bei den Elementarschulen einsetzen müssen oder bei den höheren Lehranstalten resp. der unter Abdul Hamid vor etwa 20 Jahren in Konstantinopel gegründeten Universität. Der frühere Unterrichtsminister E in r u l rt Gffendi vertritt die Ansicht, daß die Verbesserungen in erster Linie bei den höheren Lehranstalten angebracht wären. Ein berühmter Gelehrter, dem das Wesen der europäischen Universitäten sehr genau bekannt ist, hat einem Vertreter der Zeitung „Tasfir-i-Efkiar" geant-