Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 In der Bekanntmachung heitzt es: „Die Anleihe ist bis zum Jahre 1924 unkündbar." Bedeutet diese Bestimmung für den Erwerber einen Nachteil oder einen Vorteil? Einen Borteil! Nämlich den, daß der Anleihebesitzer mindestens bis zum Jahre 1924 in dem ungestörten Genuß von 5 Prozent Zinsen verbleibt. Will nach dem Jahre 1924 das Reich 5 Prozent nicht mehr gewähren, so kann der Anleihebesitzer sein Kapital zurückfordern. Wer heute 99 Mark gezahlt hat, würde alsdann volle 100 Mark ausgezahlt erhalten. Tie Annahme, daß der Anleihebesitzer mit seinem Gelde bis zmn Jahre 1924 sich festlegt, trifft nicht zu. Er kann seine Anleihe jederzeit veräußern, und zwar nach menschlicher Voraussicht mit Nutzen! Wo kann für den Erfolg der Anleihe noch Werbetätigkeit einsetzen? Wir wollen die Anleihe unseres Reiches nicht marktschreierisch ausbieten - in der Art von Zirkusreklamen, wie solche bei Auslegung der letzten englischen Anleihe für angezeigt befunden worden sind. Weil es aber keine bessere Kapitalsanlage gibt, soll allerdings unsere Reichsanleihe in die weitesten Kreise dringen und dazu muh jeder nach Kräften mithelfen. Dankenswert war es, lvenn bei der letzten Kriegsanleihe Arbeitgeber und Geschäftsinhaber Zeichnungen ihrer Angestellten und Arbeiter vermittelten, namentlich wenn dies so geschah, daß sie die Einzahlungen für ihre Arbeiter vorlegten und die verauslagten Beträge von ihnen in kleinen Raten einzogen. Tie „Treuhand Deutscher Rechtsanwälte" und viele Schulen haben sich nur die Heranziehung von Zeichnungsbeträgen unter 100 Mark bemüht. Beträge von mindestens 20 Mark wurden von diesen Sammelstellen angenommen, die dann den Ankauf und die Verwaltung der Anleihestücke für diese kleinen Zeichner übernahmen. Unsere Lehrer haben sich um Sammlung von Goldmünzen, Ausbildung der Jugendwehr und auch sonst durch Opfer an Zeit und Kraft große Verdienste erworben. Hier bietet sich ein neues Feld. Jeder Deutsche will teilnehmen an der -Herbeischaffung der Mittel, die das Reich für den Krieg nötig hat. Auf Wegen, wie den vorstehend bczeichneten, können zu großem Erfolge auch kleinste Zeichner Mitwirken — auch diejenigen, die den Mindestbetrag von 100 Mark in den festgesetzten Einzahlungsfristennicht flüssig machen können. Schließlich: Keiner darf müde werden, für die Anleihe zu wirken und Aufklärung zu verbreiten im Kreise der Freunde und in großen Versammlungen. Das Verständnis für das, was die Kriegsanleihe für das Vaterland bedeutet, muß bis in die letzte Hütte getragen werden. — Berlin, 20. September. Zum Gedenktag seines fünfzehnjährigen Bestehens hat der B o d e n k u l t u r v e r e i n eine Gärtnereischule für jüdische Mädchen und Frauen errichtet. Diese epochale Schöpfung hätte aber nicht sobald ins Leben treten können, lvenn nicht Herr Justizrat M a r Stein sch neider in Berlin in hochherzigster Weise einen beträchtlichen Teil seiner großen Ländereien sowie einen Teil seiner Billa in Döberitz für die Unterbringung der Schülerinnen zur Verfügung gestellt hätte. Dank auch der eifrigen Betätigung seiner wackeren Gemahlin ist es gelungen, ein Werk für die jüdische Frauenwelt zu schassen, die von großem Segen werden kann. Der Name des hochherzigen Ehepaares Steinschneider wird dauernd mit der Geschichte der Bodenkulturbestrebungen der deutschen Juden verknüpft bleiben. W. Posen, 17. September. Eiserne Kreuze zweiter Klasse erhielten: Arzt Dr. K. Lubowski, ein Verwandter des Kaufmanns Joseph Lubowski in Krotoschin (Provinz Posen); Unteroffizier Wilhelm David im Infanterieregiment Nr. 46, Sohn des Kausmanns Meyer David in Kruschwitz (Provinz Posen); Kaufmann und Vizeseldwebel Karl Nathan aus Samter; Feldmagazininspektorstellvertreter Georg T u ch bei der 8. Armee; Leutnant der Reserve Kurt Salomo n im Infanterieregiment Nr. 176 aus Culmsee; Alfred S i e r o tz , Gefreiter im Reserveinfanterieregiment Nr. 256, zurzeit schwer verwundet im Vereinslazarett in Heidelberg, Sohn des Kaufmanns Ludwig Sierodz in Kriewen, Regierungsbezirk Posen; Assistenzarzt G o l d b e r g, Sohn des verstorbenen Bankiers Marcus Goldberg in Posen; Jaschkowitz im Pionierbataillon Nr. 6 II ans Kempen (Posen); Vizefeldwebel Martin Brock, Verpflegungsofsizier beim Infanterieregiment Nr. 49 in Posen; Kriegsfreiwilliger Unteroffizier Walter Cohn, 5. Kompagnie, Infanterieregiment Nr. 50, 10. Division, 5. Armeekorps. Sohn des Gemeinderabbiners Herrn Dr. John Cohn in Rawitsch; Vizefeld webel Markus Brock in Gnesen; Gefreiter Hugo Heirüann aus Rakel; Buchdruckereibesitzer Matthias aus Meseritz, unter Aeichzeitiger Beförderung zum Leutnant; Unteroffizier Joseph Goetz im Feldartillerieregiment Nr. 20, Inhaber der Lederhandlung Gebr. Goetz in Hohensalza; Unterarzt Dr. Friedlaender, Sohn des Eisenhändters Herrn Tnvid Friedlaender in Posen; Sanitütsnnteroffizier Joseph B a e r, Sohn des Kaufmanns Herrn Hermann Baer in Posen; Unteroffiziere Martin Zlotnicki und Rudolf Spritz in Gnesen. H. Ezarnikau, 15. September. Unter Anteilnahme weitester Kreise unserer Stadt beging am 4. d. M. Herr Rentier Nathan K o ch m a n n Hierselbst seinen achtzigsten Geburtstag. Die zahlreichen Aufmerksamkeiten, die ihm von der jüdischen Gemeindeverwaltung wie auch aus Privatkreisen von nah und fern zu-teil wurden, waren der Ausdruck der Wertschätzung, deren sich der Jubilar in weiten Kreisen unserer Stadt und in seinem früheren Wirkungskreise Schocken zu erfreuen hat. Im Lause des Vormittags erschienen in der Wohnung des Jubilars Deputationen der hier eristierenden Vereine und sprachen ihm neben der vollen Anerkennnung der der Gemeinde in unermüdlicher Pflichttreue geleisteten Dienste die besten Wünsche für die fernere Zukunft aus. Ueberaus zahlreiche Angebinde, namentlich wertvolle Blumenspenden, schriftliche und telegraphische Beglückwünschungen, wurden außerdem dem Jubilar an seinem Ehrentage wohlverdientermaßen dargebracht. In der Synagoge fand eine entsprechende Feier während der Morgenj andacht statt. Herr Gemeinderabbiner Dr. H. L. Wehl ging in j seiner Ansprache vom Wochenabschnitt aus und hob auch an dieser Stelle das selbstlose Walten des Jubilars in der Gemeinde, in welcher er verschiedene Ehrenämter der Vereine bekleidet, hervor und wünschte dem Gefeierten die gleiche Ungeschwächtheit des Körpers und des Geistes, damit er noch lange Zeit seine Nächstenliebe mit gleichem Eifer erfüllen und. seine wertvollen Dienste dem Gemeinwesen wir bisher widmen könne. — Herr Kochmann ist ein vielseitig gebildeter Mann, sowohl im Hebräischen wie in den profanen Wissenschaften, und hat seinen Kindern eine Erziehung gegeben, die sie befähigt, im öffentlichen Leben hohe, geachtete Stellungen einzuneh-men. Herrn Kochmann war es vergönnt, vor drei Jahren mit seiner Gattin das seltene Fest der goldenen Hochzeit zu feiern. Leider ist diese von allen gerühmte Frau im vergangenen Jahre dahin geschieden. Sämtliche nahestehenden Verwandten waren zum Jubelfeste erschienen, ihren; Familienoberhaupte die gebührende Ehrerbietung zu bekunden. Be: der Feier wurde auch der Armen in reichlicher Weise gedacht. M. Wilhelmshaven-RÄstringen, 15. September. Die Ein weihung der neuerbauten Synagoge fand an: 7. d. M. in Anwesenheit der hohen Militär- und Zivilbehörden und des jüdischen Landes gemeinderates des Herzogtums Oldenburg sowie der Vorstände vor Hannover und Emden statt. Auch der Chef der Marinestation der Nordsee, S e. Exzellenz Admiral v. Krosigk, der Marineoberpfarrer Konsistorialrat Op Per, der katholische Marineober' Pfarrer Erdmann sowie die Leiter der höheren Schulen und zahlreiche Ehrengäste aller Konfessionen waren erschienen. Bor dem Portal überreichte Fräulein Hedwig de Taube durch einen Prolog den Schlüssel in Abwesenheit des zur Fahne berufenen Architekten. Hieran; sprach Herr Vorsteher Jakob Müller und dann der Magistrats' syndikns Tägert. Die gottesdienstliche Feier wurde von dem großherzoglichen Landesrabbiner Dr. Mannheimer aus Oldenbure geleitet. Seine Weiherede hatte den Text des Propheten Haggai „An dieser Stätte verleihe ich Frieden: spricht der Herr Zebaoth." Der geistliche Redner verstand in geradezu hinreißender Weise, die Weih; mit dem Kriege zu verbinden, und zündete am Schluß der Rede zum Andenken an die Gefallenen die ewige Lampe an. Den gesanglicher; Teil der Feier leitete Herr Oberkantor L i n h a r d t aus Hannöver mit einigen Herrn des Shnagogenchores aus Hannover. Der Bau. welcher 130 000 M. kostet, ist ein Prachtwerk, und besonders ist die Ein richtung des rituellen Tauchbades geradezu hervorragend. Man muß es hoch anerkennen, was die verhältnismäßig kleine Gemeinde für große Opfer gebracht hat auch für die innere Ausstattung >der Synagoge. Eine große Anzahl jüdischer Marinesoldaten ist in Wilhelmshaven, welche, soweit sie nicht auf hoher See waren, zur Feier beurlaubt worden waren.