Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch haben wir eine Jugend, auf deren Schultern wir das erreichen können; auch in gemeindegesanglicher Beziehung ist von ihr eine bessere Zukunft zu erhoffen, vorausgesetzt, daß es -uns ernstlich darum zu tun ist. Und da gibt es nur eins: da müssen wir bei den christlichen Konfessionen i n d i e L eh r e g e h e n; von ihnen können wir lernen, ivie man sich im Gottesdienst b e n i m m t, vornehmlich aber auch, wie man im Gottesdienst singt. Da gibt es keine Schreier und keine Polterer und keine Lärmer: sie alle sind schon längst ein Produkt besserer Erziehung, und zwar d u r ch die Schule. Das christliche Kind wird schon früh durchtränkt von dem Geist, der im Gotteshause weht, und die Lieder und Gesänge, die es da lernt, lernt es gründlich, als Mittel zum Zweck seiner hohen Auffassung vom Gottesdienst. Das inüssen auch wir so machen; wir müssen im Religionsunterricht mehr, als es bisher geschehen ist, ganz besonderen Wert legen auf eine Vertiefung der Kenntnis und W ü r d i - g u n g unseres G o t t e s d i e n st e s; wir müssen eigene G e s a n g st u n d e n einrichten, in denen unsere Heranwachsende Jugend mit dem „Gesangbuch" vertraut wird, genau so vertraut, wie die christliche Jugend mit dem ihrigen cs längst geworden. ist. Und das Alter wird sich dann bequemen müssen, von der Jugend zu lernen; von der Jugend zil lernen, wie man sich im Gottesdienst benimmt und wie man da singt. Aber auch die Herren Rabbiner können sich darum verdient machen, nachdem sie in dankenswerter Weise ihre Themen zur Predigt immer mehr den Gegenwartssragen entnehmen. Auch sie können ab und zu daraus hinwirken, daß nach und nach alles vermieden werde, was mit der Würde eines geordneten Gottesdienstes nun einmal nicht zu vereinbaren ist. Und dazu gehört nicht letzten Endes die wüste, auffallende Beteiligung am Gemeindegesang. Wenn das einmal überwunden sein wird, dann wollen wir über weitere Fragen reden. Vrr lange Kock. Roman von Anna Goldschmidt. (20. Fortsetzung.) Den.1914. 2 Uhr nachts haben Margotle und ich miteinander ge-; sprachen. Und ich mache mir keine Vorwürfe, obgleich das nragere Gestchtchen noch magerer aussieht als sonst. Es ist eine wunderbare Klarheit über mich gekommen, seit ich das reine Kind habe urteilen hören. Ich vergaß ganz, daß sie acht Jahre jünger ist als ich, so ernst urteilte sie über vieles in ihrer lieben Einsalt. Margotle denkt mit dem Herzen, deshalb kommt sie oft weiter mit ihren Schlüssen, als Verstand und Erfahrung sie führen könnten. Sonderbar schnell begriff sie mich und meine Unruhe, sie hatte sie schon alle vorausgefühlt. Und sofort und ohne Schwärmerei dachte das weltfremde Kind an das Ziel. Ja, Josua müsse wissen, wie es um mich stehe. Ob sie hingehen und es ihm sagen solle. O, sie wolle es ihm schon ordentlich sagen. Es klang bald wie eine Drohung. Sie ist böse auf ihn, daß er ihre Schwester so quält. Aber dann meinte sie doch, es sei besser, ich sage ihm das alles selbst, weil ich „doch so viel gescheiter sei als sie". Ach, Margotle, wie du dich irrst! Als ich fragte, ob sie nicht finde, ich vergäbe mir etwas, meinte sie: „I wo! Wo er doch so arm ist!" Ich mußte beinahe lachen. Bist du deines Vaters Tochter, Margotle, daß du gleich an das Geld denkst? Und doch, so unrecht hast du nicht. Wollte ich mir äußere Ehren und Vorteile erwerben, wenn ich zu dem Freund strebe — ich müßte Bedenken haben. Aber nein, ich will aus dem Wohlstand in Armut und Unsicherheit gehen, aus der Hiimat in die Fremde, falls er die Stelle in Jaffa bekommt. Ich weiß, daß er all seine Kräfte seinen Ideen verschrieben hat, ich werde einmal nicht zu ihm kommen dürfen und sagen: „Sorg' für mich, gib mir, was ich brauche." Es schreckt mich nicht. Ich bin verwöhnt und habe nichts gelernt, womit man Geld verdienen kann; habe überhaupt nicht arbeiten gelernt, aber ich werde es lernen. Irgend etwas wird sich finden, womit ich zum Unterhalt beitrage für das Haus, und wenn es sein muß, auch für ihn. Kein höheres Los wünsche ich mir als das der armen Frau Riffle mit ihren roten Handknollen, wenn ich nur dafür Festtags neben ineinem König sitzen darf. Und Festtag wird immer sein, wenn mein König neben mir sitzt. Den.1914. So! Auch das noch! Ganz gut so! Ganz unten am Boden muß man liegen, wenn man die Kraft haben soll zu dem letzten Verzweiflungsflug. Wenn ich in eigener Sehnsucht und nach des Schwesterchens guten Worten noch schwankte, jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Keine Macht der Erde bringt mich ab von meinem Entschluß. Gelt, teure Mama, die du da draußen mit harten, kurzen, Schritten — das sind die Schritte allergrößter Wut — durch die Wohnung stapfst, Türen wirfst, überlaut sprichst, während ich mich in unserem Zimmer eingeschlosien habe — das Margotle ist Gott sei Dank in der Schule —, gelt, das denkst du nicht, daß ich nur die bestimmte Nachmittagsstunde abwarte, um dieses liebe Heimathaus aus zwei glückliche, schöne, schicksalsreiche Stunden zu verlassen? Du meinst, ich werde nach dieser Szene doch wieder das gehorsame Töchterchen spielen, artig und reuevoll den „Freundinnen" den Tee servieren und mit erklären und bewundern helfen, wenn Erna ihre Geschenke und das Brautpaarbild herumzeigt? Fehlgeschossen, Mama! Selbst das große Ereignis, daß Ernachen heute ihren Brauttoe gibt, läßt mich nicht von der unwichtigen Kleinigkeit, meinem Lebensschicksal, absehen. Heute vollzieht es sich, Mama, verstehst du? Heute sieht der Geliebte ein, daß er mich nicht bei euch verkommen lassen kann, daß er mir das höchste Glück schuldig ist, die höchste Ehre der Welt, nämlich — sein Frau zu werden. Dann bin ich entschädigt für alles, auch für die Demütigungen von vorhin, auch dafür, daß du mir gesagt hast, ich sei Ws-unausstehlichste, das verstockteste Geschöpf von der Welt, das aus lauter innerer Bosheit just dir zum Trotz und Aerger mager und häßlich und vor der Zeit alt geworden sei.. Und die bösartigste, neidischste Schwester sei ich auch. Ja, neidisch sagtest du. Ich sitze immer mit einem Gesicht dabei, wenn sich das Brautpaar umschlungen hält, daß es dich tief vor Friedrich geniert. Und kein freundliches Wort habe ich für ihn, keine Gefälligkeit für die Schwester. Ja, Mama, deine Wort haben mich tüchtig zu Boden gepeitscht, du bist nicht wählerisch damit, wenn du in Wut bist. Schadet nichts! Ganz mit Schimpf begossen, beleidigt von allem, was ihr über mich und über euch selber gesagt habt all die Zeit, werde ich doch rein und glückumslossen sein, wenn mein Geliebter mich will. Abends. „Laß mich in Frieden!" Das galt dem armen Kind, das eben zögernd und leise den Türspalt wieder geschlossen hat, durch den es immer und immer wieder seine besorgten Blicke und Fragen schickt. Armes kleines Mädchen! Sie hat die Abfuhr nicht verdient. Sie mußte statt meiner bei dem Brauttve helfen. Keine leichte Aufgabe für das Kind, das noch ungewandt und ungeschickt ist. Die Mama mag schön nervös gewesen sein, noch dazu nach dem Aerger mit mir. Und