Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ttna ist sehr hochfahrend zu der Kleinen. Und doch hat | ie Zeit gefunden, immer und immer wieder sich ins blaue i simmer zu stehlen in den Erker, um nach mir Ausschau zu : galten. Und als sie mich kommen sah, da vergaß sie die Konfektj chale, die sie hatte holen und umherreichen sollen, und vergaß 'ie Vorwürfe, die hier ihrer harrten; sie rannte die Treppe inab, den Weg mir entgegen, ohne Hut, mit ausgebreiteten! lrmen, das lange, große Mädel. Und als sie mich sah, da ließ i e die Arme sinken und sagte nur: „Ach, du großer Gott!" Und wie ein Mütterchen führte und stützte sie mich die ireppe hinauf, knöpfte sie mir das Kleid auf. Wie ein Mütterchen deckte sie mich zu und legte mir die kleine kühle mnd auf die-Stirn. „Soll ich's dunkel machen?" Und sie og den grünen Vorhang vor das Fenster. „So! Nun schlaf in bißchen." „Ja, Margotle. Geh hinaus, drüben helfen." Sie schüttelte entschlossen den Kopf und setzte sich in dem D ämmerlicht an den Tisch. „Schlaf nur," sagte sie. „Ich bin ganz still. Aber laß mich > ier." Nein, sie verdiente nicht die Abfuhr eben. Ach was, sie soll nicht so weichlich mit mir sein. Auf ein- > ial warf ich die Decke zurück und sprang mit beiden Füßen - ltf die Erde. Bin ich denn krank, daß ich mich ins Bett > ecken lasse wie ein fieberndes Kind? Kann man Kummer veri hlafen? Laß das sein, Margot, das Bedauern und Be- > hmeicheln. Ich bin es nicht wert. Du hörst ja von Mama, n as für ein bösartiges Geschöpf ich bin, und du siehst ja, wie i I, heimkomme von meinem „schicksalsreichen" Weg. Was - achst du so dummsragende Augen? Soll ich es dir noch mit »orten sagen, daß du es endlich begreifst? Soll ich es mit! : »orten niederschreiben, daß ich es selbst endlich begreife? > irwillmichnicht!! So! Da steht's! Dick unterstrichen Na, nun wird es mir l och in den Kops gehen. Eine Stunde später. Sonderbar! Ich jage das Kind fort, und es kommt wieder > nd sagt mir ein Wort, von dem es nicht weiß, daß es mich i neuem Leben weckt. Ich habe Margotle alles erzählt, jedes ' wrt, das wir gesprochen haben, und sie sagt zuletzt: „Ach, toshalb! Ihr kriegt euch darum doch, paß mal auf." Nachts. Die gute Kleine verzichtet auf ihre allabendliche halbe lauderstünde. Sie hat mir sogar versprochen, trotz der allert ngs verhängten Lampe zu schlafen, denn sie hofft auch, daß! h ruhiger werde, wenn ich geschrieben habe. Ich bin es wohl schon. Was war an unserem heutigen ■ Wiedersehen anders als sonst? Nur die lange Pause, die vor- > igegangen war, in der sich allzuviel Sehnsucht aufgespeichert > itte, die großen Hoffnungen, die ich darauf gesetzt. Als ich , osua wiedersah, sein ruhiges Gesicht, das mir abweisend ' lien in seiner Blässe, war ich ernüchtert, wußte ich, ich hatte > einem Traumland gelebt und Klein-Margotle, die gewöhnt i", mir überall hin zu folgen, mit hineingenommen. Josua und ich konnten wieder zuerst kein Wort sprechen vor > rregung. Endlich preßte ich heraus: „Warum haben Sie gar! chts von sich hören lassen? Mir nicht einmal zur Verlobung : einer Schwester gratuliert?" Er lachte auf. „Vermutlich, weil ich das nicht für einen ' nlaß zum Gratulieren hielt," sagte er. „Ist Ihre Schwester > >on getauft? Habe ich auch versäumt, zur Taufe zu gratul.-ren?" Ich sah ihn erschreckt an. „Josua, um Gottes willen, wem ' :lt der Spott? Wollen Sie mich etwa noch höhnen bei all Um, was ich durchmache?" Sein Gesicht blieb ungerührt. „Hat Sie das Ereignis mit , hrer Schwester auseinandergebracht?" forschte er. „Es konnte uns nicht auseinanderbringen," und die Tränen kamen mir hoch, als ich an die Bitterkeiten der letzten Wochen dachte. „Wir waren schon auseinander." „Und haben Sie versucht, sie von ihrem Entschluß abzubringen?" — „Wenn Sie die Verlobung meinen, Josua, ich erfuhr von der fertigen Tatsache. Aber selbst, wenn ich vorher etwas gewußt hätte, ich hätte keinen Einfluß gehabt auf Ernas Entschlüsse." „Andernfalls hätten Sie ihn auch nicht angewandt?" Ich bleibe stehen und sehe ihn groß an: „Was heißt das? Ich hätte ihr von der Verlobung abreden sollen? Die Verantwortung hätte ich übernehmen sollen? Ich weiß nichts von meiner Schwester. Nicht, ob sie ihren Bräutigam liebt, ob" — „Aber wenn sie ihn liebt, so würden Sie es ihr nicht verdenken, daß sie den Christen nimmt und sich seinetwegen taufen läßt?" Die Frage kommt mir so plötzlich. Ich fühle meine eigene Liebe, die große Macht meiner Liebe, und von Wärme ganz durchrieselt, tief aufatmend, sage ich: „Ich glaube, nein!" Ich sehe jetzt nicht auf, er wird wohl zornig, verständnislos auf mich geschaut haben, so klingt wenigstens seine Stimme. Ganz verträumt sage ich: „Die Liebe überwindet alles." Er lacht laut aus. „Na also! Und Sie sagen immer, Sie haben keinen guten Religionsunterricht gehabt. Wie sind Sie im Neuen Testament bewandert!" Josua, Josua, quäle mich nicht tot! Ich weiß es ja gar nicht, woher ich das Wort habe, dachte mit keiner Silbe an seinen Ursprung. Es fällt mir nur ein, weil es auf meine Gefühle paßt, weil es ein gutes, wahres, schönes Wort ist. Gehört es auch zu deinen Pflichten, zu verdammen und zu verhöhnen, was im Neuen Testament steht? Da kann ich freilich nicht mit. Das Gute ist gut, wo es auch steht und welche Religion es uns predigt. Wir sagen ja Aehnliches, haben es noch früher gesagt, nur mit anderen Worten und an anderer Stelle. „Ja, ja, Fräulein Edith" — (warum sagt er Fräulein und warum Edith zu mir? Es tut mir so weh) „nun sind Sie aus halbchristlicher Familie". „Ich habe beinahe das Gefühl," sage ich ganz ruhig, so sehr der Schmerz des Erlebten und die Erregung der Stunde mich von neuem überfällt, „als sei ich aus gar keiner Familie. Als stehe ich mutterseelenallein, losgelöst von allem, auch von den Einflüssen meiner Kindheit und vielleicht gerade darum, weil ich ihn mir denkend erworben, so fest in meinem Glauben." „Das ist unjüdisch gedacht," sagt er, „wir Juden können uns nicht loslösen von unserer Familie." „Josua, wo bleibe ich dann?" Und nun spreche ich doch weinend, in höchster Not. „Zu Hause bin ich fremd, und, wo ich eine neue Heimat suche, da stößt man mich auch als Fremde zurück. Den Meinen bin ich zu jüdisch, Ihnen bin ich zu christlich. Josua, wo gehöre ich hin? Auf der ganzen Welt ist kein Geschöpf, das so einsam, so heimatlos ist wie ich." Es dauert lange, ehe er mich so weit beruhigt hat, daß ich wieder mit ihm sprechen kann. Er spricht sanft und gütig zu mir, aber ich habe das Gefühl, als wolle er nur, daß mein Schluchzen aufhöre. Nicht die vielen inneren Tränen, die ich schon geweint, auch um seinetwillen geweint habe, rühren ihn, sondern ihn schreckt der Schmerzensausbruch, mein heftiges Aufweinen, das ihm unheimlich ist, und das ihn ratlos macht. Er streicht leise und gut mit der Hand über meinen Scheitel, und ich hebe meinen Kopf nicht aus den vorgehaltenen Händenauch als das innere Schluchzen nachgelassen. Ich will die Hand aus meinem Kopf nicht missen. „Esther, Kind," sagt er ganz sanft, „denken Sie sich einmal. Sie stehen bei meinem alten Muttchen auf dem Markt" --