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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-22 · Heft 39 (22.9.1915) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 39 (22.9.1915)
Date
1915-09-22
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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463 L ed eutu ng. Denn wenn Professor Schiemann, der ausgezeichnete Kenner der russischen Verhältnisse und bekannte Historiker, in seiner neuen Broschüre „Rußland auf dem Wege -ur Revolution" recht hat und in der Tat heute bereits 20 bis -’5 Prozent der Armee selbst von der revolutionären Propa- ,anda ergriffen sind, dann kann die große Armee des russischüdischen Proletariats unter ihren intelligenten Führern glü- ,ende Fackel, machtvolles Schwert werden. Dann fände das llend tausendfacher Opfer tausendfachen Lohn. Diese freiheitiche Erfüllung allein bedeutete Moral in dem schmählichsten, uoralwidrigsten Kriege, den je ein Staat führte. Dr. °>. Fr. Leo M. jfranh eboren in Paris (Texas) am 17. April 1887, ermordet bei Marietta . (Georgia) 17. August 1815. 'in amerikanischer Dreyfus oder das Opfer eines R i t n alm o r d e s. Von Gotthard Deutsch. chte Geschichtschreibung muß uns das Gleichartige in dem Verschiedenen und das Unterschiedliche in dem Gleichartigen der Erscheinungen zeigen. Darum fällt es mir ehr schwer, die entsetzliche Tragödie, die sich in den frühen Morgenstunden des 17. August 1915 in der Nähe des Städtnens Marietta im Staate Georgia zugetragen hat, zu klassisteren. Zur Analogie mit dem Dreyfus-Falle fehlt jedes politische 'intib, und zur Analogie mit dem Ritualmorde die Absicht, as Judentum als Religion zu verdächtigen. Trotzdem ist in er Tragödie, die zwei Jahre und drei Monate die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten in Atem hielt, die antimitische Stimmung ein wichtiger, wenn auch vielleicht nicht er wichtigste Faktor. Da ich in meiner Berufstätigkeit es so oft schmerzlich inpsinde, daß uns die chronologische Genauigkeit, das Gerüst er Geschichte, in der älteren Zeit fehlt, will ich hier bei der Darstellung einer wichtigen Episode modernster Geschichte ein Leser sowie mir selbst die Befriedigung eines detaillierten «ronologischen Aufrisses der Frank-Tragödie geben. Am 26. April feiern die Südstaaten der Union das Ende es Bürgerkrieges. Zum Verständnis eines weiteren Kreises er Leser mag es nicht überflüssig sein, daran zu erinnern, daß ach vierjährigem blutigen Ringen die letzte Armee der Südaaten sich am 26. April 1865 den nördlichen Bundestruppen gab. Man ist in den Südstaaten auf diese Erinnerungen hr eifersüchtig, denn man hält darauf, daß der Bürgerkrieg icht eine Revolution, sondern ein Krieg einer souveränen lacht gegen eine andere war. Darum haben sowohl die növdchen als die südlichen Staaten ihre besondere Feier zum Anrufen an dieses weltgeschichtliche Ereignis. Infolge des Feier- >ges ruhte die Fabrikstätigkeit. Mary Phagan, ein i erzehnjähriges Mädchen aus Marietta (Georgia), das in einer leistiftfabrik, National Pencil Company, in der Hauptstadt 's Staates Atlanta arbeitete, kam in die Fabrik um die Mittagsstunde, um sich ihren rückständigen Lohn zu holen, in nächsten Morgen, Sonntag, 27. April 1913, fand der cizer, ein Neger namens Newt Lee, ihre Leiche mit einem triefe um den Hals in einem Hausen von Asche, fast unkennth von dem Schmutze, aber äußerlich wenig verletzt. Er > urde zunächst verhaftet, aber bald wegen Mangels an Ver- ' ichtsgründen entlassen. Der Verdacht richtete sich zunächst gen einen anderen Neger, James Conley, der in der Fabrik is Hausknecht beschäftigt war. Ein wichtiges Beweismoment 1 ar ein mit Bleistift geschriebener Zettel, auf welchem in den 'szönsten Worten der Heizer eines unsittlichen Attentates beluldigt wurde. Der Verdacht war handgreiflich, daß Conley das geschrieben hatte, um den Heizer zu inkriminieren. , Gr leugnete zunächst, an diesem Tage in der Fabrik gewesen zu sein, wurde aber des Gegenteils überführt. Er leugnete, des Schreibens mächtig zu sein; das Gegenteil wurde ihm bewiesen und die Identität der Handschrift festgestellt. Dann begann die Jnkrimination Franks, der, nachdem er gleich von Anfang verhört worden war, ohne weiteres zugab, daß er am Samstag in der Fabrik gewesen sei und Mary Phagan ihren Lohn ausbezahlt habe. Dann sei er nach Hause zu Tische gegangen, um gegen drei Uhr in die Fabrik zurückzukehren. Der Neger Conley behauptete zuerst, Frank hätte ihm die Worte am Freitag diktiert, und er hätte, ohne den Zweck zu kennen, sie niedergeschrieben. Nachdem ihm bewiesen worden war, daß er an dem kritischen Tage, Samstag, 26. April 1913, in der Fabrik gewesen war, änderte er wieder seine Aussage und erklärte, Frank, der perversen Gelüsten frönte, habe ihn an diesem Tage, wie auch sonst, als Aufpasser bestellt. Er hatte an der zum Bureau führenden Türe zu warten und jeden Besucher abzuweisen, bis Frank durch ein Zeichen das Signal gab. So sei es auch an dem Tage gewesen, als Mary Phagan ins Bureau kam. Nach einer Weile sei Frank in furchtbarer Aufregung auf dem Treppenslur erschienen, habe ihm die Leiche der kleinen Mary gewiesen, ihm ausgetragen, sie nach dem Keller zu bringen und sie dort zu verbrennen. Da die Leiche noch nicht starr war, konnte er sie nicht allein tragen, und Frank habe ihm geholfen, sie nach dem Fahrstuhle zu bringen, wo sie sie gemeinsam hinunterschasften. Im Bureau habe dann Frank von dem aus seinem Schreibtische liegenden Notizblock ein Blatt herabgerissen und ihn, den Neger, geheißen, die später aufgefundene Notiz zu schreiben. Als Motiv der Tat habe Frank angegeben, daß er dem Mädchen einen unsittlichen Antrag gemacht habe, und erzürnt darüber, daß das Mädchen ihn abwies, habe er ihr einen Schlag ins Gesicht versetzt. Dabei sei sie nach rückwärts mit dem Kopfe an eine Drehbank gefallen und bewußtlos geworden. Da es ihm nicht gelang, sie ins Bewußtsein zurückzurufen, habe er sie erwürgt. Auf die Frage, weshalb er den Auftrag der Verbrennung nicht ausgeführt habe, erwiderte der Neger, bei Tage wäre -das nicht gut möglich gewesen, weil der Rauch aus dem Fabriksschornstein an einem Feiertage zu viel Aufsehen erweckt hätte, und bei Nacht, als er zu dem Zwecke nach der Fabrik zurückkehrte, habe er, ohne zu wissen warum, sich dazu nicht entschließen können. Die Erzählung mußte jedermann als im höchsten Grade unglaublich erscheinen. Der Neger Conley hatte nicht nur in jeder einzelnen seiner Aussagen sich widersprochen und klar den Anschein erweckt, daß er sich schützen wolle; er hatte «rkch sonst den denkbar schlechtesten Ruf. Obwohl erst 28 Jahre alt, hatte er bereits sieben Freiheitsstrafen hinter sich, die er innerhalb der letzten acht Jahre verbüßt hatte. Frank hingegen hatte bisher einen makellosen Ruf gehabt, und noch mehr als das sprach für ihn der Umstand, daß die Polizei, um Beweismaterial gegen ihn zu sammeln, allerlei Zeugen aufbrachte, die sein unsittliches Leben beweisen sollten, aber die immer im kritischen Augenblicke erklärten, sie hätten die ihnen zugeschriebenen Aussagen nicht getan oder seien dazu durch Suggerierung seitens der Polizei gezwungen worden. Wenn aber auf der anderen Seite die Defektives, die für Frank arbeiteten, einmal auf eine falsche Spur geraten waren, widerhallte gleich die feindliche Presse von Anklagen gegen die Juden» welche mit ihrem Gelde die öffentliche Meinung irresühren wollten. Die Tat selbst war nur durch den Gewohnheitsverbrecher Conley bezeugt. Das Widersinnige seiner Aussagen ist schon zum Teil dargestellt worden. Es ist einfach unbegreiflich, wie ein Mensch mit gesunden Sinnen glauben kann, Frank, ein. gebildeter, geschäftlich erfahrener Mann, hätte glauben können, durch eine so dumme Notiz der Polizei und dem

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