Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
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462 mit 'bet Herstellung der dringlich nötigen Munition zu beschäftigen. Die einen schickt ein Armeebefehl des Großfürsten Nikolajewitsch, dessen blutige Ironie den verfolgten und maßlos gequälten Juden gegenüber seinesgleichen in der neueren Ge-' schichte sucht, an die kaukasische Front, um den Türken zu zeigen, daß sie -nicht Ueberläuser würden; die anderen werden gezwungen, die Kugeln und Ketten für ihr eigenes Sklavenschicksal zu schmieden. Beides wäre gut, und das letztere das Mildeste und Vernünftigste, geschehe es nicht Leuten gegenüber, die man für ein Vaterland kämpfen und bluten läßt, das ihr Vaterland nicht sein will. Der Regierungserlaß, der Tausende von Juden zu Arbeitern der Munitionsfabriken macht, und zwar auch solche, die früher vielleicht in Wohlstand und Selbständigkeit lebten, vergrößert natürlich das jüdische Proletariat mit einem Schlage enorm. Gleichzeitig zieht dieser Erlaß aber den Blick auf die Lage des jüdischen Proletariats in Rußland, wie sie vor dem Kriege war und wie sie sowohl in den ökonomischen wie in den politischen Verhältnissen Bedeutung hat und behält. Die nationalökonomische Wissenschaft Rußlands ist auf diesem Gebiete arm. Zum großen Teil ist man auf die Materialien angewiesen, die das Petersburger Komitee der jüdischen Kolonisationsgesellschaft über die ökonomische Lage der Juden in Rußland nach einer Enquete in den Jahren 1897 bis 1899 gesammelt hat. Man lernt aus ihnen sehr interessante Tatsachen kennen und manche hübsche Ironien der Zeitgeschichte. Zum Beispiel tut Rußland mit dem erwähnten Regierungserlaß jetzt das, wogegen es sich immer gesträubt hat, zwangsweise nämlich jüdische Arbeiter in christlichen, ja sogar staatlichen Fabriken zu beschäftigen. Denn bisher wurden die jüdischen Arbeiter fast ausschließlich in j ü d i sch e n Fa b r i k e n beschäftigt. Und wie es mit jüdischen Arbeitern und Fabriken bestellt ist — nein: war, denn dieser Krieg wälzt vieles und nicht nur diese Angelegenheit in Rußland um —, weist ein recht instruktiver Aufsatz von wissenschaftlichem Gehalt über „Die Lage des jüdischen Proletariats in Rußland" in dem Ruhlandhest der „Süddeutschen Monatshefte" aus. Er stammt von Wlad. W. Kaplun-Kogan in Berlin. Händler und Handwerker, wie sie die breite Masse der Juden ' in Rußland ausmachten, kämpften bei der rapiden industriellen Entwicklung naturgemäß einen weit schwereren Kampf als andere. Die von Juden geleitete Industrie war ökonomisch und Politisch vielfach gehemmt und konnte in ihrer Entwicklung nicht mit der freien Industrialisierung der anderen Bevölkerungsschichten Schritt halten. Für die Stadtbevölkerung insonderheit — und mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung, nämlich 2 631 809 Personen, wohnt in den Städten — bedeutete die durch die allgemeine Industrialisierung hervorgerusene Verschlechterung der Lage der Handeltreibenden und mehr noch der Handwerker eine Not, die zu einem Kampf um die Anteilnahme am Fabrikleben führte, gleichzeitig ein Herabsteigen von immerhin gesicherter wirtschaftlicher Selbständigkeit zu dem (bei Juden) Sklavenlos zu nennenden Schicksal des Fabrikarbeiters. So entstand, nach den Ausführungen Kaplun- Kogans, das große jüdische Proletariat. Die Statistik führt, wie so oft, auch in der Berechnung des jüdischen Proletariats zu Jrrtümern. Nach der einzigen russischen Volkszählung vom Jahre 1897 ergab sich die Summe von nur 392 903 Arbeitern, ein geringer Prozentsatz gegenüber der jüdischen Äevölkerungszifser. Den Tatsachen nach ist aber dieser Zahl die ungeheuere Masse der jüdischen Heimarbeiter und Kleinhandwerker hinzuzuzühlen, die das Proletariat im eigentlichen volkstümlichen (wenn auch nicht wissenschaftlichen) Sinne bildet und deren Ziffer nur schwer zu berechnen ist. Die Lage der jüdischen Industriearbeiter (von dem bejammernswerten Los der Heimarbeiter nicht zu reden) ist um so schlimmer, als sie g a n z a u f die Beschäftigung i.n jüdischen Fabriken angewiesen sind. Nur 426 jüdische Arbeiter sind in nichtjüdischen Fabriken (nach der erwähnten Statistik) beschäftigt. Die schlechte wirtschaftliche und politisch^ Lage des jüdischen Proletariats hängt aber wiederum aufs engste mit der (erzwungenen) Rückständigkeit der jüdischen Industrie zusammen. Hinzu kommt, daß die Art der Beschäftigung der jüdischen Arbeiter zu den anormalsten Erscheinungen im Leben der jüdischen Masse des Ostens gehört. Denn sie werden nur in solchen Betrieben beschäftigt, in denen die schädlichen Wirkungen der Arbeit auf den G e s u n d h e i t s z u st a n d der Arbeiterschaft nicht ihresgleichen haben und in denen naturgemäß christliche Arbeiter nicht Stellung suchen, so überall dort, wo die Technik am unentwickeltsten ist und wo es auf die mühseligste und am schlechtesten entlohnte Handarbeit ankommt. Die Zigarettenindustrie zum Beispiel arbeitet durchweg mit Juden. Ein Arbeitstag von 17 bis 18 Stunden war in den 80er Jahren keine Seltenheit, 14- bis löstündige Arbeitszeit die Regel — und das bei einem Lohn von 6 bis 10 Rubel für einen Monat." Genaue Angaben fehlen, aber die Zustände sollen nicht sich sehr gebessert haben. Jn Wilna verdienten dieStrumpswirker im Jahre 1908 meistens nur 2 bis 2A Rubel Wochenlohn. So erklärt sich leicht das Elend dieser Fabrik- und der Heimarbeiter in der berüchtigten Heimindustrie der A n s ie d l u ng sr ay o n s. Die Heimarbeiter setzen sich aus den unteren Schichten des (früheren selbständigen) Handwerks zusammen und bilden insgesamt mehr als die Hälfte des jüdischen Handwerks überhaupt. Daß dieses unbeschreibliche Unglück der wirtschaftlichen Lage hundertfache Gründe zu der ungeheueren Auswanderung der jüdischen Arbeiter nach Amerika gibt, ist klar. Allein in den letzten 15 Jahren (1899 bis 1913) sind nicht weniger als 513 862 Handwerker und Arbeiter nach Amerika ausgewandert. Die wirtschaftliche Notlage wird erheblich verschärft durch seelische und geistige Gründe. Denn die Bildungsverhältnisse der jüdischen Arbeiter gelten als verhältnismäßig günstig, besser aus jeden Fall als die der anderen. Denn eine ganze Anzahl jüdischer Intelligenzen, die im Westen erzogen und Politisch wie in den Geisteswissenschaften ausgebildet wurden, hat sie mit dem sozialen Leben und allen technischen und gewerkschaftlichen Erfolgen des europäischen Westens vertraut gemacht. Angehörige der alten jüdischen Kultur, fühlen sie den grausigen Abgrund zwischen ihrer wirtschaftlichen Lage und ihren vergrabenen Befähigungen um so schmerzlicher. Manches der Erfolge der westlichen Organisation haben sie sich ja in bitteren Kämpfen zu ertrotzen versucht. Und der Beweis davon ist der „Bund", indem sich im Jahre 1897 die jüdischen Arbeiter in dem „Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund für Litauen, Polen und Rußland" vereinigten. Aber diese verdienstliche Organisation hat trotz ihrer hervorragenden Einzelerfolge keinen ausschlaggebenden Wert, naturgemäß bei der politischen Lage der Juden im allgemeinen. So bleibt der in ihnen schlummernde Leitgedanke, politisch, nicht vom Standpunkt der gewerkschaftlichen Organisation gesehen, die Revolution. Und welcher geistige und politisch gerecht fühlende Mensch fühlte jetzt in Rußland nicht revolutionär? Ihr Anteil an der großen Freiheitsbewegung im Jahre 1905 ist noch nicht berechenbar, aber zweifellos von tatsächlicher wie heroischer Größe. (Nicht Kaplun-Kogan allein ist überzeugt von einem anderen Verlauf der russischen Revolution, wäre die jüdische Arbeiterschaft machtvoller an den für das Land wichtigen Produktionszweigen beteiligt.) Und diese leitende Idee des russischen Proletariats gewinnt gerade jetzt neue und a u cf» fü r. D e u t s chl a n d wichtige