Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
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461 ist dieser Entwurf der Freizügigkeit nicht mehr aus der Kommission herausgekommen; er wird wohl da sein stilles Grab gesunden haben, an dem die Juden bei Ser herrschenden finsteren Reaktion kaum irgendwelche Hoffnung aufpflanzen konnten. Die reaktionäre Regierung griff nämlich zu einem entsetzlichen Wahnwitz, um durch hetzerische Pamphlete und blutrünstige Schriften den ewigen Haß gegen das Judentum zu schüren und daher für etwa schwebende Besserungen den Resonanzboden ganz zu entziehen. Die Pogrome hatten viel Lärm in der Welt verursacht und sollten aus politischen Gründen nicht mehr veranstaltet werden; da besann sich die Tyrannenmacht auf die lügenhafte abergläubische Blutbeschuldigung und suchte einen langwierigen, tendenziösen Prozeß heraufzubeschwören. Es verhält sich eben, wie ein zeitgenössiseher hervorragender Gelehrter sagt, bei allen diesen Prozessen wie mit den Gespenstern, die nur dort Vorkommen, wo man eben an sie glaubt; es sind Einbildungen derer, die sie annehmenJ. Am 12. März 1911 ist in Kiew ein Christenknabe Justschinsky von einer Bande übelbeleumdeter Leute aus dem Schlamm der Gesellschaft im Hause einer gewissen W era Tscheberiak ermordet worden; der plump und furchtbar zugerichtete Leichnam wurde nach einer Höhle unweit einer Ziegelei, in der ein Jude Mendel Beilis angestellt war, verschleppt. Es war alles bestellte Arbeit. Die zahlreichen Indizien, welche sich durch polizeiliche Nachforschungen, wiederholte gerichtliche Untersuchungen und sonstige notorische Enthüllungen durch die tatsächlichen Verbrecher — welche in keiner Beziehung mit irgendeinem Juden waren —, ergaben, wurden konsequent ignoriert, und in einer ganz unglaublichen Weise sollte der Verdacht auf irgendeinen Juden gelenkt werden, um aus dieser Affäre einen Ritualmord zu konstruieren. Der unschuldige Beilis wurde dessen bezichtigt und in Untersuchungs- Hast genommen. Der angestrengte Prozeß, verbunden mit dem albernen Geschwätz von einem jüdischen Blutritual, wurde von der gesamten Staatsverwaltung als eine hochpolitischeAffäre betrachtet, deren Verlauf in der öffentlichen Meinung eine womöglich noch schärfere Bedrückung der Juden rechtfertigen sollte. Alle polizeilichen Organe und sonstige Funktionäre, welche pflichtgemäß die wirklichen Verbrecher herbeizuschaffen bestrebt waren, wurden gemaßregelt, ihres Amtes enthoben oder strafweise versetzt. Ein vollkommen Unschuldiger, Beilis, war eingekerkert und sollte büßen, damit das frivole mittelalterliche Vorurteil des Blutaberglaubens in Fluß komme, die gesamte Judenheit zu diffamieren. Selbst ein konservativer, stockrussischer Publizist, der sogar unverfälschter Antisemit ist, wie der Dumaabgeordnete Schulgin, Herausgeber des „Kiewljanin", fand sich gedrängt, in fulminanten Artikeln vor der schmachvollen und lächerlichen, von der Staatsanwaltschaft wider besseres Wissen gegen Beilis erhobenen Anklage zu warnen. Denn in Kiew konnte man auf die tatsächlichen Mörder mit den Fingern zeigen, die frei herumliefen. Trotz allgemeiner Proteste der höchsten zivilisierten Kreise der gesamten Kulturwelt, allen voran aus Deutschland, währte der Prozeß weit mehr als 214 Jahre, währenddessen die russische Regierung und die Reaktion eine sinnlose und maßlose Hetze gegen die Juden führten, Ausweisungen, Beschränkungen und Entrechtung sich vollzogen hatten. Nach 34 tägiger Dauer der Schwurgerichtsverhandlung wurde Beilis am 10. November 1913 freigesprochen; die Nichtigkeit der Anklage war erwiesen, die Wahrheit triumphierte. Trotzdem bleibt die bornierte Regierung in ihrem Fanatismus, die verlogene Fabel der Blutbeschuldigung als Kampfmittel sestzuhalten. Als Ehrenrettung des besseren Teiles des russischen Volkes, der leider keinen Einfluß aus die Entwicklung der reaktionären *) Angeführt in Dr. Kanrinkas Bericht in der Israelitischen Allianz zu Wien für das Jahr 1913. Regierung besitzt, muß nachgetragen werden, daß die russischen Gelehrten und Schriftsteller einen kräftigen Einspruch gegen das unhaltbare Märchen vom Ritualmord erhoben haben, dessen wesentlichste Stelle lautet: . „Alte Lügen werden von neuem verbreitet, um neue Mordtaten zu veranlassen; aus diesen Lügen spricht derselbe Haß, den ehemals die heidnischen Völker auf die Bekenner des Christentums geworfen haben. Die blinden Leidenschaften haben den Zweck, die Menge zu blenden und die Gerechtigkeit irrezuleiten. Der christliche Märtyrer Justin hat dem römischen Senat die Worte zugerusen: „Schämt euch, unschuldige Menschen solcher Verbrechen anzuklagen!" Wir vereinigen unsere Stimmen mit der des berühmten christlichen Schriftstellers, der aus der Tiefe der Jahrhunderte an unsere Vernunft appelliert. Schande über alle Lügen!" Die Reaktion aber in Rußland, von dem Zaren selbst gefördert und großgezogen, entbehrt jedes Schamgefühls. Die fortgesetzte Zurückdrängung der Juden aus allen wirtschaftlichen Berufen, die fortwährende Schikänierung und Erniederung ihrer verschiedenen Lebensstellungen haben ein fürchterliches Massenleid unter der jüdischen Bevölkerung erzeugt, daß sie seit Jahren der Anspruchnahme der Wohltätigkeit ihrer westeuropäischen und amerikanischen Glaubensgenossen bedarf. Die russische Regierung selber kümmert sich nicht im geringsten um das grausame Elend, das sie selbst unter ihren eigenen Landeskindern angerichtet hat. Ein hervorragender russischer Schriftsteller, Tann, entwarf vor zwei Jahren im „Rjetsch" schauerliche Bilder von der unsäglichen Not unter der jüdischen Bevölkerung in Wilna. Er schildert da, wie Hunderte der ärmsten jüdischen Familien in finsteren Kellern wohnen, die mit Gräbern zu vergleichen wären, „wenn nicht für die Toten eine fast doppelt so große Bodensläche vorgeschrieben wäre, wie sie hier durchschnittlich auf einen Einwohner entfällt". * Das panslawistisch-zarische Regime in.Uußland hat zu „guter" Letzt noch den gegenwärtigen größter! Weltkrieg mitangezettelt, der sich zum großen Teil in den von Juden zahlreich bewohnten Gebieten blutig abspielt. Deutschland und seine Verbündeten führen einen gerechten Kampf, einen ausgezwungenen Krieg zur Abwehr der schnöden Ziele und der bösen Triebe der Feinde von Ost und West. In hoffnungsvoller Zuversicht blicken wir dem siegreichen glänzenden Stern Deutschlands nach, der lichtstrahlend aus dem gewaltigen Völkerringen hervorgehen wird. Blut und Verderben, Unheil und Unglück sind des Krieges Flammenzeichen, doch ist der Krieg der größte Wendepunkt in der Geschichte, gerechte Vergeltung für angetanes Unrecht übend, manche Fäulnis am russischen Staatskörper mit dem Schwerte des Siegers abzuschneiden und im rückständigen Zarenreiche der bürgerlichen Freiheit eine Gasse zu schaffen. Die aus dem Weltbranö sich ergebende Schwächung des Panslawismus wird entschieden nach menschlicher Voraussicht die höhere Wertung von Menschenrecht und Gerechtigkeit Hervorrusen, und auch die russischen Juden erfahren dann endlich die volle, gleiche, gebührende Geltung. Der deutsche Dichterheros Schiller prägt in einer Lobpreisung des Friedens das Wort: „Aber der Krieg auch hat seine Ehre, der Beweger des Menschengeschicks." Das Wilchr Proletariat in SutzlsM ftiin russischer Regierungserlaß aus der letzten Zeit befiehlt, die jüdischen Arbeiter und Handwerker jeder Art zwangsweise in den Munitionsfabriken änzustellen, aber auch jüdische Flüchtlinge, wo man sie treffe, aufzügreisen und sie