Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Privatstunden, zum Beispiel dem später so berühmt gewordenen H. Steinthal, und veröffentlichte den ersten Teil seines groß angelegten Werkes „Die Religionsphilosophie der Juden". Diesem ersten Bande sollten weitere unter dem Titel: „Kultusphilosophie"; „Historische und praktische Theologie"; „Anthropologie und Ethik"; „Pneumatologie", folgen, die aber nicht erschienen sind. Zur Würdigung von Hirschs Wirken wäre es durchaus nötig, die Grundlehren dieses Werkes darzustellen. Ich fühle mich dazu aber nicht berufen und muß es einer späteren ruhigeren Zeit überlassen, daß ein Fachmann einmal Hirsch als Religionsphilosophen würdigt. Hirsch hatte das Glück, in Dessau einer Prinzessin bekanntzuwerden, von der er dem Könige von Holland, der damals auch Beherrscher von Luxemburg war, empfohlen wurde. Durch die Gunst dieses Monarchen wurde er, nachdem er in Leipzig sein Doktorexamen gemacht hatte, zum Großrabbiner von Luxemburg ernannt und blieb in dieser Stellung bis zum Jahre 1866. Er nahm während dieser Zeit an den zwei ersten Rabbinerversammlungen teil und gehörte durchaus der Resormpartei an. Auch politisch bewährte er seinen Freisinn und schrieb politische und religiöse Broschüren im liberalen Sinne, zum Beispiel unter dem Pseudonym Gottlieb Treuherz: „Die Religion eines freien Luxemburgers." Er gestaltete den Gottesdienst in freisinniger Weise, weigerte sich, den Soldaten (Luxemburg war eine deutsche Bundesfestung) den Eid more juäaieo abzunehmen, erklärte in einem Gutachten, daß es gestattet sei, Juden mit Andersgläubigen zusammen auf einem und demselben Friedhof zu beerdigen, vorausgesetzt, daß dieser keine (christlichen) Symbole besäße. Im Jahre 1866 wurde Hirsch nach Philadelphia berufen und wirkte dort als Rabbiner bis zum Jahre 1888. Im letztgenannten Jahre zog er zu seinem Sohne nach Chicago; er starb daselbst am 14. Mai 1889, bis fast zu seinem letzten Augenblick mit eifriger Lektüre und sorgsamen Studien beschäftigt. Nach seinem ersten großen Werke ist Hirsch schriftstellerisch verhältnismäßig wenig aufgetreten. Ueberall aber verteidigte er mit Lebhaftigkeit die Grundsätze des Judentums. So bekämpfte er die weit verbreitete Meinung, daß das Christentum humaner sei als das Judentum, und führte aus, daß das Judentum nicht Gesetz, sondern Lehre sei. Er wurde in Amerika einer der großen Führer der Reformbewegung, richtete den Sonntagsdienst ein, um wenigstens einen Tag der Ruhe und der Erhebung zu sichern, da er zu der Ueberzeugung gekommen war. daß es in Amerika unmöglich sei, dem Sabbath seine ursprüngliche Stellung zu wahren. Er war ein bedeutender Prediger. Er memorierte nicht, sondern suchte nach gewissenhafter, teils mündlicher, teils schriftlicher Vorbereitung nach gründlichem Studium des Wvchenabschnitts und der Erklärungsschriften die Rede im Augenblick frei zu gestalten. Er sprach einfach und schlicht, männlich und ohne Scheu, ohne oratorische Kunst, aber eindringlich und wirksam. Er verstand es auch, in der Predigt die Vorgänge des Tages und die Bedürfnisse seines Adoptivvaterlandes zu behandeln. Während Hirsch in Deutschland der gemäßigten Reform angehörte, nahm er in Amerika radikale Gesinnungen auch in der Auffassung der Bibel und der Gestaltung des Talmuds an. Hirsch war ein vortrefflicher Mensch; die Begeisterung, mit der der Sohn und der Schwiegersohn (K. Köhler), die Schüler und jüngeren Freunde von ihm reden, ist herzerhebend und beweist, welchen außerordentlichen Eindruck sein Leben und Wirken gemacht hat sowie die große Bedeutung, welche auch die gegenwärtig in Amerika wirkenden Rabbiner und Lehrer ihm Zuschreiben. L. G. Dir „Wohltaten" des lhsulrs Romanow, Von Leo Scheinhaus. X. (Schluß.) ie erste Duma war eine durch und durch ehrliche liberale Versammlung, die entschieden gleiche Menschenrechte für alle forderte; da verurteilte die Regierung die informatorischen Rechtsansprüche des Parlaments, und bald wurde die erste Duma aufgelöst. Die Regierung übte ihren Machteinfluß an der neuen Wahlbewegung und unterstützte die Kandidaten der Reaktion; dennoch war die zweite Duma in ihrer Majorität noch immer aufrichtig konstitutionell gesinnt. Die Folge davon waren wiederum Konflikte mit der Regierung, und auch die zweite Volksvertretung verfiel nach dreimonatiger Dauer (16. Juni 1907) dem Schicksal der Auflösung. Da erließ der Zar Eigenmächtig ein neues verfassungswidriges Wahlgesetz, das die reaktionären Elemente außerordentlich begünstigte. Es konnte daher für die dritte Duma ein bedeutender Teil Anhänger der „Schwarzen Hundert" gewählt werden, und diese „echtrussischen Leute" unternahmen einen wahren gesetzgeberischen Kreuzzug gegen die Juden. Und der Zar selber, der das freiheitliche Oktobermanifest 1905 verkündet hatte, worin auch die Verhinderung jeder Gewalttätigkeit feierlich versprochen wird, schenkte allen verurteilten Pogromhelden jede Buße, bestrafte dagegen die Offiziere empfindlich, die es gewagt hatten, sich gegen diese Pogrome auszusprechen. Die Judenplünderungen und Niedermetzelungen wurden so von der allerhöchsten Stelle des Staates gutgeheißen. AlsnochdiefreiheitlicheAeranachwirkte,Ende 1906, hatte der Ministerrat eine Reihe von Erleichterungen für die ökonomische Lage der unglücklichen Juden beschlossen; da war es allein der Wille des Zaren, der den Besserungsvorschlägen seine Zustimmung versagte. Der Zar bekundete deutlich seine Vorliebe für den „Verband echtrussifcher Leute", empfing dessen Deputationen und legte demonstrativ selber besten Zeichen an, wenn hohe Beamte sich bei ihm über besten Ausschreitungen zu beklagen kamen. Dubrowin, der Vorsitzende des Verbandes, ein bekannter Judenfeind, wurde der Freund des Zaren und erhielt bedeutenden Einfluß aus die Regierungssphären. Fortdauernd erwies der Zar seine höchste Gunst diesem reaktionären judenfeindlichen Verbände; er schenkte ihm persönlich zu Ostern 1909 100 000 Rubel. Den Führer der äußersten Rechten in der Duma, Markow, lud er zu einer Sonderaudienz ein und beauftragte ihn, seiner Fraktion den kaiserlichen Gruß zu entbieten. Zu einer Tagung des Verbandes drahtete der Zar: „Bald wird die Sonne der Wahrheit über der Erde erglänzen." Es ist geradezu komisch, wenn es leider nicht traurig wäre, für die trüben Bestrebungen der „Schwarzen Hundert" die Wahrheitssonne herbeizuwünschen. Es ergibt sich daraus zur Genüge, inwieweit der Zar selber an erster höchster Stelle für all das „seinen lieben" Juden angetanene Leid, für all das geschehene Unrecht verantwortlich ist. Denn in der Volksvertretung haben sich doch manchmal liberale, vernünftig denkende Elemente Geltung zu verschaffen gesucht; da haben oft der Zar und seine Regierung jedes gute Vorhaben durch irgendein böses Zwischenspiel vereitelt. Anfang 1911 haben 166 Dumaabgeordnete folgendes Gesetzprojekt eingebracht: „Die in unserer Gesetzgebung bestehenden Beschränkungen der Juden in bezug auf die Wahl ihres Wohnortes und die Uebersiedelung aus einer Gegend in die andere sollen abgeschafft werden." Dieser Gesetzentwurf, der im Interesse der russischen Monarchie selbst das Niederlasiungsrecht der Juden in ganz Rußland unumschränkt bedingt, wurde in der Reichsduma mit 203 gegen 138 Stimmen der Kommiffion für die Unantastbarkeit derPerson übergeben, die innerhalb eines Monats der Duma Bericht erstatten sollte. Trotz der anerkannten Dringlichkeit