Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir dürfen aber wohl auch hier der Zukunft freudig entgegensetzen. Um so freudiger, als es den westlichen Gegnern, namentlich dem großen Geldgeber Englands, allmählich an Mitteln zu fehlen scheint. England will — und das ist für seine Finanzen ein überaus trauriges Zeugnis — eine große Anleihe in Amerika aufnehmen. Während einzelne Blätter triumphierend das Zustandekommen dieses Geldgeschäftes verkünden, ist nach anderen Nachrichten die Sache noch lange nicht vollendet, und es ist doch wohl möglich, daß Amerika sich auf seine Neutralitätspflicht besinnt, die durch Gewährung dieser Mittel an eine kriegführende Nation in keiner Weise gewahrt würde. Denn unsere Verhältnisse mit Amerika, die eine Zeitlang recht gespannt aussahen, glätten sich immer mehr. Hoffentlich treten keine neuen Zwischenfälle ein, die dieses Verhältnis verschlimmern. Die dritteKriegsanleihe wird, wie die Zeitungen melden, von den großen' Instituten, den bedeutenden Firmen, den Sparkasien und den großen Verbänden sehr eifrig und in ungeheuren Beträgen gezeichnet. Nach dem, was man hört, beteiligen sich auch die Privaten in lebhaftester Weise. Selbst diejenigen, die nur über kleine Mittel verfügen, schließen sich mit anderen zusammen, um eine Zeichnung zu ermöglichen. Der großartige patriotische Eifer, der sich schon bei der zweiten Kriegsanleihe bekundete, zeigt sich auch hier in schönster Weise. Es ist zu hoffen und zu wünschen, daß diese dritte Kriegsanleihe in ebenso glänzender Weise gezeichnet wird wie ihre Vorgänger. Deutschland würde damit nicht bloß dem Auslande ein wunderbares Bild seiner Opferwilligkeit und seines Patriotismus, sondern auch ein glänzendes Zeugnis seiner Kapitalkraft und seiner unerschöpflichen Mittel darstellen. Aber es würde auch für alle Zeiten damit bekunden, daß in den Zeiten der Gefahr jeder Deutsche seine Pflicht erkennt und bereit ist, für das Vaterland die Opfer zu bringen, deren es dringendbedarf. Wie Millionen auf den Schlachtfeldern freudig ihre Pflicht üben, so können die Zuhausegebliebenen durch Spenden von Geld, durch Zeichnen der Anleihe beweisen, daß sie wackere Deutsche sind. Wenn jeder in dieser Weise das tut, wozu er verpflichtet ist, so muß der Sieg, und wenn er auch erst in später Zeit erworben wird, aus unserer Seite sein. Mit diesem Gedanken und in dieser Hoffnung gehen wir freudig uüd mutig der Zukunft entgegen. Samuel lhirlch. Geboren am 8. Juni 1815, gestorben am 14. Mai 1889. rst Anfang Juli erhielt ich die Nummer des „Reform Advocate" vom 29. Mai 1915, in Chicago erschienen, die ausschließlich dem Andenken Samuel Hirschs gewidmet ist. Die Nummer enthält folgende Aufsätze: E. G. Hirsch: Mein Vater und Lehrer; derselbe: Samuel Hirsch als Prediger; K. Köhler: Samuel Hirsch, eine historische Studie; Joseph Krauskopf: Ein Beitrag zur Jahrhundertfeier von S. Hirsch: M. Landsberg: Hirsch als Philosoph; W. Armhold und S. Sale: Zur Erinnerung an S. Hirsch; A. M. Friedenberg: Die Juden von Luxemburg: endlich die Uebersetzung einer Reihe von Predigten Hirschs über die Religion der Humanität. Die Nummer umfaßt etwa 80 Seiten mit vielen Illustrationen: mehreren Bildern des Gefeierten, den Porträts der Beitragenden, das Grabmonument Hirschs und das Bild eines seinem Andenken geweihten Fensters in der Synagoge zu Philadelphia. Das hier folgende Bild ist der Festnummer entlehnt, die auch für die folgenden kurzen Ausführungen benutzt worden ist. Samuel Hirsch wurde in Thalfang, einem Eifeldorfe bei Trier, geboren. Sein Vater, ein armer Kaufmann, der des Hebräischen sehr wohl kundig war, unterrichtete selbst seinen Sohn in den Anfangsgründen, ließ ihn dann in dem Cheder unterrichten, schickte ihn 1828 in die Jefchiba nach Metz, später nach Mainz. Der Knabe hatte schon in seiner Vaterstadt unter den größten Schwierigkeiten die Anfangsgründe des Deutschen, Lateinischen, Französischen. Griechischen und der Mathematik sich zu eigen gemacht und setzte diese Studien trotz der dort herrschenden Strenge, die solche Arbeiten als ketzerisch verdammte, auch in den Tälmudfchulen fort. Mitte ' der dreißiger Jahre bezog er die Universität Bonn, studierte dort im wesentlichen semitische Philologie, weniger Arabisch, vorzugsweise Syrisch, und bereitete sich in dieser Weise zum jüdischen Theologen vor, obgleich er manchmal das Beiklängen zeigte, entweder Buchhändler zu werden oder rein gelehrte Studien zu treiben, und nicht immer Lust empfand, der rabbinischen Laufbahn sich zuzuwenden. Er wanderte zu Fuß von Bonn nach Berlin, wo er seine Studien fortsetzte. Dort bestritt er feinen Lebensunterhalt hauptsächlich durch das Erteilen von Privatunterricht im Französischen, hielt aber auch gelegentlich Predigten und Konfirmationen. Aus einer seiner Wanderungen kam er nach DMau und wurde bewogen, dort eine Predigt zu halten. Sie gefiel so, daß er, nachdem er bei dem damals noch orthodoxen S. Holdheim in Frankfurt a. O. sein Rabbinatsexamen abgelegt hatte, als Rabbiner angestellt wurde. Freilich mußte er, nachdem er dies Amt einige Jahre verwaltet hatte, die Stelle aufgeben, weil er sich durch freie Aeußerungen bei der Regierung mißbeliebig gemacht hatte. Er blieb aber in Dessau wohnen, gab Dr. Samuel pirsch.