Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
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köstliches Kleinod im tiefsten Herzensschreine verwahren. Alle aber werden fühlen: der jüdisch-nationale Traum ist wieder einmal ausgeträumt und dürfte sich so bald nicht wiederholen; denn die „nachaugustische" Zeitatmosphäre wirt> Träumen überhaupt nicht günstig sein! Heimkehr nach Gallien. nun ist das Exil zu Ende und wir werden unseren Heimatboden wieder betreten können. Die Russen befinden sich im vollen Rückzuge, noch eine Spanne Zeit, und Galizien wird vom Feinde vollständig gesäubert sein. Ein Jauchzer schwellt die Brust, ein Jubel zieht durch die Lande und Segenswünsche steigen gen Himmel. Unsere prächtige Armee hat im Verein mit dem deutschen Bundesgenossen übermenschliche Arbeit geleistet, die verbündeten Truppen haben sich für ewige Zeiten mit Lorbeer und Ruhm bedeckt. Auf den Zinnen Przemysls und Lembergs flattert wiederum Habsburgs glorreiches Banner, und das arg verwüstete Galizien kann wiederum erleichtert aufatmen. Ter Moskowiter weicht, die Kosakenpferde traben zurück nach ihren Steppen und die gal-izische Grenzmark wird der Kultur der europäischen Gesittung neu gewonnen. Wohl sind deine Gaue öde, mein Heinratland, schamlos verheert, Städte und Dörfer zerstört, der Schoß der Muttererde von Granaten, Schrapnells und Schützengräben zerfleischt, bewegliches Hab und Gut geraubt und ganze Scharen deiner drangsalierten Bevölkerung vom barbarischen Feinde mitgeschleppt. Galizien, du hast auf dem Altäre des gemeinsamen Vaterlandes große Opfer gebracht, dein Karpathenwall hat den Ansturm der feindlichen Scharen zum Stehen gebracht, ist ein russisches Massengrab geworden, auf daß dle gesegneten Fluren Ungarns nicht von den russischen Horden überflutet werden. Das vergossene Blut wird die Völker der Doppelmonarchie noch enger aneinanderkitten und aus den Ruinen wird neues Leben erblühen. Die Wunden werden vernarben, der Organismus wird erstarken, das Reich der Habsburger wird seine Glieder strecken und seine Grenzen erweitern. Die zahlreichen Scharen der polnischen Flüchtlinge rüsten sich zur Heimkehr, ein Auge lächelt ob der Rückkehr, e i n Auge weint ob der Verheerungen. Hier im böhmischen Kurorte Marienbad, wohin die Kriegssurie mich verschlagen, weilend, sehe ich im Geiste meine geliebte Vaterstadt, das altehrwürdige Krakau. Dort, am steilen Weichselstrande, erhebt sich das sagenumsponnene, alte, polnische Residenzschloß, die WaweLbnrg, während am Horizont die Ausläufer des Karpathengebirges sich abzeichnen. Aus der Ferne entbiete ich dir die herzlichsten Grüße, und bald gibt es in der Heimat ein Wiedersehen ... S. H o r 0 w i tz. Der lange Nock. Roman von Anna Goldschmidt. (19. Fortsetzung.) meinem Schwager aber nehme ich es beinah übel, daß er seiner Eltern Reiseplan so unwidersprochen, ihren Abschied so ungerührt hinnahm. Er bekümmerte sich wenig um die alten Herrschaften, als sie hier waren, aber selbst das wenige scheint ihm schon eine Last gewesen zu sein. Und die Alten gehen auf in ihrem Sohn. Ich glaube, das ist anders bei der anderen Rasse als bei uns. Die Elternliebe ist wohl ebenso stark, aber die Kindesliebe und Dankbarkeit scheint mir karger. Ein jüdischer Sohn würde seinem Elternhaus, wenn es so ganz auf Liebe und Güte aufgebaut, ihn so ganz mit Liebe und Güte umfangen hätte, bis ins Alter hinein ein zärtlicheres Gedenken bewahren. Am schwersten quält Papa bei Ernas Heirat der Gedanke an seinen seligen Vater, der schon so lange tot ist, daß ich ihn nie gekannt habe. Die jüdischen Eltern sterben nie für ihre Kinder. Freilich gibt es auch unter uns solche, denen die Eltern und das Elternhaus nicht leben. Aber von den Armen will ich gar nicht reden. Unter allen Waisen der Welt sind sie die Verwaisesten. Den.1914. Mama schickt Margot jeden Abend um 9 Uhr zu Bett. Das ist Margotles größter Kummer. Ich finde es auch zu früh für ein fünfzehnjähriges Mädchen. Aber Mama läßt sich nicht davon abbringen. Das Kind ist noch sehr mager und eckig. Mama wartet mit Angst schon lange vergeblich auf das „Rausmachen" und „Hübschwerden". Nun soll es die viele Bettruhe zwingen. Wenn ich dann abends in unser Zimmer komme und mich noch so leise, selbst, im Dunkelü hinlege, spricht mich Margvt gleich an. Sie behauptet, noch nicht geschlafen zu haben. „Aber, Margotle, warum schlässb du denn nicht?" „Im Bett läßt's sich sv sein was ausdenken." „Das sollst du nicht, Margotle. - Sag mir alles, was du auf dem Herzen hast. Dann sprechen wir es durch. Das Phantasieren nn Bett ist so ungesund." „Ich bin aber ganz wohl," sagt sie naiv. „Ja, das weiß ich wohl," meine ich, „aber es macht so untüchtig und zerstreut, man verlegt und vergißt dann den nächsten Tag so viel". „Ja, das stimmt. Das tue ich," sagt sie treuherzig, und nun plaudern Margot und ich alle Abend noch eine halbe Stunde zusammen. Mehr nicht, und wenn sie noch so bettelt. Sie soll ausschlafen. Aber die halbe Stunde hat sie nötig. „Wenn man's dir gesagt hat, ist alles nicht mehr schlimm," meint sie immer. Das Kind braucht mich so. Und dann - es plaudert sich so wunderbar im Dunkeln — flüstere ich mir immer wieder warnend zu: „Nicht deine Schwere auf das Kind legen! Nicht deine Schwere!" Ach ja, das Margotle mit seinen hundert kleinen Nöten hat mich, ich aber mit meiner einen großen Not kann sie nicht haben. Es wäre grausam gegen ihre Kindlichkeit, wollte ich ihr sagen, wie schwer ich leide. Den.1914. Gestern sage ich: „Margotle, wenn nun Josua die Stelle in der Jaffaer Bank bekäme, die er sich so wünscht, und er wollte mich mitnehmen, was sagtest du da?" Nicht eine Sekunde besinnt sie sich aus ihre Antwort. „Ich ging einfach mit euch mit," sagt sie so bestimmt, als sei es das Selbstverständlichste von' der Welt. Ich umfasse sie und sage mit wehmütigem Lächeln: „Siehst du, Margotle, nun sind wir beide schon reisefertig. Er braucht uns nur zu holen." Und sie, genau so fest und altverständig wie vorhin: „Er wird uns schon holen. So ein Schaf kann er doch nicht sein, dich nicht zu wollen." Da fange ich an zu weinen, ich weiß aber nicht, ob über das Margotle oder über den andern. Den.1914. Ich glaube, ich könnte hundert Jahre alt werdekr neben meinem Schwager, wir würden keinen Streit miteinander bekommen, aber wir würden uns auch um keinen Schritt näherkommen. Er ist immer korrekt und höflich, aber selbst dem Kinde, das doch noch nicht über alle möglichen Fragen nachgedacht hat, die ihm die Unbefangenheit hätten nehmen können,