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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-17 · Heft 38 (17.9.1915) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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453 eine „voraugustische" und „nachaugustische" Periode einzuteilen. Wie viele Fragen, welche der Verschönerung und Veredlung des menschlichen Lebens gegolten haben, müssen heute zurückgestellt werden, um jenen Fragen den Platz einzuräumen, welche sich mit der Verhütung der krassen Notdurft aller Bevölkerungsschichten, mit der Versorgung von Witwen und Waisen, mit der Genesung Schwerverletzter und mit der Wiederausrichtung Verstümmelter befassen. Wie kleinlich erscheint uns heute so manche ideale Forderung und wie hinfällig manches Streben, für welches wir unser bestes Können einsetzen zu sollen glaubten! Schneller und gründlicher, als uns vielleicht lieb ist, hat der Weltkrieg Fragen entschieden, welche Parteiungen unter sonst Gleichgesinnten hervorgerufen hatten, und Diskussionen zum Schweigen gebracht, welche für viele von uns eine Lebensfrage bedeuteten. So war es für alle, welche das Judentum liebten, eine Frage von Sein oder Nichtsein, ob dasselbe nur als ein Glaubensbekenntnis auf Achtung und Duldung von seiten der Völker dieser Erde Anspruch machen könne und in der vorwurfsfreien Realisierung dieses Bekenntnisses die Erfüllung seiner Aufgabe zu suchen habe oder ob es als literarischer Ausdruck eines lebenskräftigen Volkstums die nationale Seite seines Charakters herausarbeiten und durchsetzen müsse. Viel schöne und kräftige Argumente wurden zur Behauptung des letzteren Standpunktes aus Schrifttum und Leben herbeigeholt, geistvolle Köpfe schufen eine ihm dienende Presse und Literatur, Feste der Verbrüderung wurden gefeiert und bei Kongressen strömten die Vertreter dieser Gesinnung aus aller Herren Länder in glücklichem Selbstbewußtsein zusammen. — Noch sind kaum zwei Jahre seit der jüngsten imposanten national-jüdischen Kundgebung, dem Zionistenkongresse zu Wien 1913, verflossen, und schon hat der Krieg die durch denselben ausgelösten Gedankengänge fast bis aus die Erinnerung daran aus unserem Denken hinweggewischt. Die Gegenwart ist eine Zeit der brutalen Tatsachen. Und so dürfen wir uns nicht verhehlen, daß dieser Krieg, in welchem Sprachverwandte und Kulturverbrüderte gegeneinander wüten, auch die Frage des jüdischen Nationalismus mit brutaler Verneinung entschieden hat. Wohl mochte manches jüdisch-treue Herz in der Brust eines deutschen oder österreichischen Jünglings höher schlagen bei dem Gedanken, einmal Vergeltung üben zu dürfen an den Peinigern des jüdischen Volkes im Osten Europas, und viele jüdisch-national gesinnte Soldaten der Zentralmächte zogen mit heißer Begeisterung dem dickfelligen russischen Bären zuleibe. Allein wie bitter mußte ihre Enttäuschung sein, wie groß ihr Weh, wenn die Spitzen ihres Bajonetts, die sie auf einen Pogromhelden gerichtet glaubten, den russisch-jüdischen Bruder traf! Wohl mochte der in den Heeren Deutschlands, Oesterreichs und der Türkei kämpfende jüdische Soldat sich auch über diese Opfer, welche die Züchtigung des russischen Regierungspöbels auch unter den Juden Rußlands erfordert, mit dem tröstenden Gedanken hinwegsetzen, daß diese Opfer zur Befreiung des jüdischen Stammes von der russischen Gewaltherrschaft nicht umsonst gebracht seien und daß damit die Besserstellung der nachwachsenden jüdischen Generation selbst um diesen Preis nicht zu teuer erkauft sei. Allein, mit welchen Gefühlen sollte der englisch-jüdische Soldat, der französische Jude, der italienische Jude dem deutschen und österreichischen gegenübertreten, aus welchen Reserven der Seele sollten sie die Kraft zu ausdauerndem Ringen gegen den religions- und stammesverwandten Feind schöpfen, wenn sie das jüdisch-nationale Gefühl nicht aus ihrem Gefühlsleben gestrichen hätten, wenn sie nicht mit übermenschlicher Entsagungskraft die Zusammengehörigkeit mit ihren Stammesbrüdern entwurzelt und der bedenkenlosesten Selbstaufopferung und der schrankenlosesten Unterwerfung unter die Interessen und Ziele ihres Geburtslandes den ganzen Raum ihres Gefühlslebens überlassen hätten. Ein doppelt und dreifaches. Heldentum haben jene bewiesen und beweisen solches noch alltäglich, welche, den Banden ihrer Familie und der Befriedigung des Berufslebens entrissen, auch noch ihre nationalen Hoffnungen auf dem Altäre des Vaterlandes geopfert haben! Und so hat dieser Krieg wie mit anderen menschlichen Jrrtümern auch mit der nationalen Hoffnung Israels aufgeräumt. Aber es waren schöne, es waren erhebende Jrrtümer, und sie bildeten für die, die sie gehegt und gepflegt haben, einen Lichtblick im freudenlosen Alltag. Wie aber der Tod des Gerechten die Ueberlebenden versöhnt, so mögen auch diejenigen, die nun am Grabe edler Verbrüderungsideen stehen, sich mit ihren einstigen, nicht weniger schwer betroffenen Gegnern zu neuem gemeinsamen Streben vereinigen. Befinden wir uns doch allesamt in einer Lage, welche der des Till Eulenspiegel nicht unähnlich ist, als dieser lachende Philosoph der Deutschen den mühevollen Aufstieg einer Bergwanderung mit Heiterkeit und guter Laune ertrug, während er die mühelose Talwanderung mit Murren und Unzufriedenheit begleitete. Als wir noch im Tale des Friedens wandelten, da fühlten wir mit Beklommenheit und Sorge, daß die Kriegsnotwendigkeit wie ein hoher Berg vor uns läge, dessen Schatten frostig und düster in das lachende Tal fielen, dessen schwierige Ersteigung uns aber nicht erspart bleiben würde. Nun aber sind wir in den Mühen und Opfern der Ersteigung des Berges mitten drinnen, und nun dürfen wir voll Zuversicht an das Tal, das folgt, denken und wie Eulenspiegel „ein Herz fassen". Und dürfen von den vielen Lehren dieses Krieges hauptsächlich die eine sesthalten, daß ein Sondernationalismus unter den Angehörigen eines Staatswesens ein Unding ist, das den Lebensinteressen desselben nicht standhält und im gegebenen Augenblicke von denselben rein hinweggefegt wird. Sind es doch die Vertreter der bloß gedanklichen sozialdemokratischen Internationale, welche in allen kriegführenden Staaten das Staatsinteresse hoch über den Parteigedanlen stellen und dem Lande der Geburt — auf Generationen hinaus — ein freigewähltes Verfügungsrecht über Tod und Leben seiner Staatsbürger zuerkennen. Nationalität und Staatszugehörigkeit sind eins, unzertrennlich und unwandelbar: ein Axiom, das von den Lenkern der Staaten trotz zeitweiliger Duldung von Gegenbestrebungen niemals außer acht gelassen wurde, nun aber durch den Krieg mit Nachdruck und Schärfe unterstrichen worden ist. Es braucht somit nicht näher erörtert zu werden, daß die Juden aller Länder in erster Linie dem Lande ihrer Staatszugehörigkeit national verbunden sind und daß gerade sie, die für das nichtjüdische Vaterland nebst Gut und Blut auch noch ein drittes, die Eigennationalität, dahingeben, geradezu berufen sind, als Blutzeugen für den staatlichen Nationalismus einzustehen und diesen Grundpfeiler des „nachaugustischen" Staatsgebildes unverrückbar fest einzurammen. Und so sind denn die Juden mit ihrer starken Gesühlsinitiative wieder einmal am Werke, einer Neuschöpsung, dem Staats national i s m u s, Wegmacher zu sein und sie finden hierzu manches gute Rüstzeug vor in ihrer leidensgestählten, durch die Erfahrungen von Jahrtausenden geschulten Seele. Auch diese Forderung der nächstkünftigen Zeit wird sie aus ihrem Posten finden und sie werden sich des Sondernationalismus entänßern, die einen, indem sie sich seiner als eines störenden Ballastes entledigen, die anderen, indem sie ihn als

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