Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-17 · Heft 38 (17.9.1915) · p. Seite 455

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229216--71629-3283980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

455 bleibt er fremd. Wenn ich mich erinnere, wie brüderlich-herzlich Moritz Hehmann gleich zu meinen Schwestern stand, wie vertraulich er sich mit ihnen neckte und wie besorgt und eingehend er aus Margotles schwachen Appetit achtete — es ist HM ein ganz anderes Verhältnis. Mit den Eltern beschäftigt sich Friedrich mehr, doch habe ich immer das Gefühl, er sieht sie als Faktor an in seiner LebLnsrechnung. Eltern gehören zu Kindern, sie müssen doch die Aussteuer und die Einrichtung besorgen, und wenn man bedenkt, daß die liebe Pastorin doch nur das eine Fremdenbett stopft, über das sie freilich mit so viel Ausführlichkeit und Wichtigkeit berichtete, und meine Eltern den ganzen eleganten Haushalt beschaffen, so scheint es fast natürlich, daß er sich mit den Schwiegereltern mehr zu sagen hat als mit den eigenen, sie mit größerer Aufmerksamkeit behandelt. Er wird sie doch nicht für Millionäre halten? Ich glaube, unsere Einrichtung sieht danach aus. Den.1914. Ich kann es nicht mehr mit anhören. Immer wieder die Gespräche, ob die Trauung in der Hauptkirche oder in der Altendvrfer stattfinden soll, immer wieder die Frage, wo man am schnellsten und bequemsten mir den geringsten Umständen getauft wird. Der Pastor Schwiegerpapa wird die Taufe nicht vollziehen. Er hat geschrieben: „Komm nicht eher zu mir, liebes Töchterchen, als bis du von dem Geist unserer heiligen Lehre wahrhaft durchdrungen bist, erst dann will ich ..." — Das ist Erna ein zu beschwerlicher Umweg. Sie weiß einen Geistlichen — allerdings nicht hier. Sie muß vier Stunden darum reisen. Aber das macht nichts, sie hat ja so viel in der großen Stadt gleich zu besorgen — der stellt nur ein paar Fragen gleich in der guten Stube, dann vollzieht er den Akt; hierauf zahlt man eine Summe in irgendeine Kasse und dann — ist man Christin. Nur keine Umstände auf Dinge verwenden, die sich schnell erledigen lassen; dem Pastor Schwiegerpapa gegenüber wird sich schon eine Ausrede finden. Besonders Friedrich macht mit dieser Frage wenig Umstände. Mama und das Brautpaar sprechen merkwürdig schamlos, nicht anders, als ob es sich um Empire oder Biedermeier für den Salon handelte, von all diesen Fragen. Gott sei Dank, daß sie wenigstens so viel Rücksicht nehmen, vor Papa von all dem zu schweigen. Den.1914. Wäre es besser, Josua hätte mir das Gewissen nicht wachgerüttelt? Ich lebte noch dumpf und stumpf dahin und enrpfände nicht mit tausendfacher schmerzvoller Scham, was'ich doch täglich, stündlich hier mit erleben und ansehen muß? Neulich fragte Erna mich sogar um Rat, wie sie den Brief an ihren Tauspastor aufsetzen solle. „Ich kann dir in dem Punkt wirklich nichts raten," sagte ich, „das liegt mir zu fern". Sie sah mit scharfem Blick hoch. Direkt antisemitisch sah sie aus. „Ach so, du bist ja Zionistin." Sie hat natürlich keine Ahnung von Zionismus, aber er scheint ihr als der Inbegriff alles Jüdischen, darum muß ich ihm zugehören. Und da fühlte ich einmal wie die Schwester: ich sehnte mich eigener Vorteile wegen nach einem Glauben, den ich nicht habe. Wie glatt, wie glücklich würde mein Leben verlaufen, wenn ich wäre, was sie mir als etwas besonders Herabsetzendes unterstellt. „Nein, Erna, leider nicht." Ich habe keine Ahnung, wie mein Schwager über Judentum und Juden vor seiner Verlobung dachte oder vielleicht heute noch denkt. Er ist sehr verschlossen und etwas farblos in Wesen und Miene. Aber eins weiß ich, Ernas Kinder werden bestimmt Antisemiten, solche von reinstem Wasser, unüberzeugbare, bei denen der Jude unter allen Umständen verbrannt wird. Den.1914. Ach, ich habe einen solchen Ekel an allem. Und so allein zu sein! So allein! Es ist doch so vieles, das ich mit dem Kind nicht besprechen will. Sonst müßte ich doch sagen: „Margotle, sieh, das ist unsere Mutter!" Und doch, Gott sei Dank, so weit ist es noch nie gekommen. Auch das Kind hat sich, Gottlob, noch nie zu mir beklagt. Auch nicht darüber, daß sie zurückgesetzt wird, fast so, wie — ich jetzt. Nicht daran rühren! Denn hätten wir erst angefangen, sprächen wir vielleicht täglich davon. Aber etwas anderes will ich mit ihr besprechen. Ich will ihren Rat, ihren kindlich unbefangenen Rat. Gerade, weil sie noch ein Kind ist und die Welt und die allzu weltliche Erziehung, die wir genießen, ihr noch nicht das Urteil über das Verhältnis von Mensch und Mensch, von Mann und Weib verbildet und eingeschnürt haben, soll sie mir sagen, was recht und unrecht ist, und ob ich mich schämen muß, wenn ich Josua frei und offen sage, er soll mich nun holen. Er hat mich gelehrt, mein Leben so nicht ertragen zu können, und darum muß er es mir nun anders gestalten. Ich kann nicht leben, wo man immer von der Taufe spricht ohne einen einzigen inneren Grund. Ich fühle mich geohrfeigt bei den Gesprächen, und Rücksicht nehmen sie doch nicht auf mich. Vielleicht hätte ich mehr Kraft, all das zu ertragen, wenn in all den Tagen der Sehnsucht ein Wort der Anteilnahme, wenigstens ein Lebenszeichen von Josua an mich gelangt wäre. Aber seit fast drei Wochen habe ich nichts von ihm gehört. An zwei Sonnabenden mußte ich ihm schriftlich absagen. Ohne ein Wort der Entgegnung nahm er es hin. Wenn er wenigstens zur Verlobung gratuliert hätte! Das hätte die Höflichkeit doch erfordert, er kennt doch meine Mama und meine Schwester. Morgen ist Sonnabend, morgen muß es zur großen, endgültigen Aussprache kommen. (Fortsetzung folgt.) Litrranlche Mitteüungm. — Die Psalmen. Bearbeitet von Dr. B. May und I. B. Levy. Frankfurt a. M., Druck und Verlag von M. Lehrberger, 1915. Der religiöse Geist lebt wieder aus, eine innere Frömmigkeit hat die M-assen ergriffen. Die Gotteshäuser sind voll von Betern und Andächtigen. Das ist die Wirkung der harten!, schweren Zeit, in der wir leben; Not lehrt beten. Aber nicht jeder Beter ist in der Lage, Lob und Dank, Not und Klage, Bitten und Hoffnungen zumwürdigen Ausdruck zu bringen. Daswar ja auch der Grund, der Anordnung feststehender Gebete, der Tesilla. Dieser Grund dürfte auch die Herausgeber dieses für die Zeitverhältnisse eingerichteten Psalmbuchs bei ihrer Arbeitgeleitet haben; es war ihnen „darum zu tun, ein wirkliches Gebetbuch zu schaffen". In der Tat, kein anderes biblisches Buch ist wie die Psalmen ein religiöses Volksbuch, dazu bestimmt!, als' Andachts- und Lesebuch zu dienen, den Leser zur Beschäftigung mit der Lehre Gottes und zur Befolgung, seiner Gebote anzuhalten. Als rechtes Volksbuch enthält es keine Dichtungen, deren Gedankeninhalt über das Verständnis des gewöhnlichen Frommen hinausginge. Das erklärt es, daß es so bald und so sehr populär wurde; es wurde ungemein viel gelesen, m.an hat Tillim. „gesagt". Es dürfte kaum, ein jüdisches Haus geben, in dem sich nicht die Psalmen mit oder ohne Uebersetzung vorfänden. An guten Ausgaben ist kein Mangel; es liegt auch unseres. Erachtens gar kein Bedürfnis nach einer neuen Ausgabe vor. Die Bearbeiter dieses vorliegenden Psalmbuchs denken anders darüber. „Von vielen Seiten angeregt," haben sie sich bemüht, „aus den in großer Zahl vorhandenen deutschen Uebertragungen die besten auszusuchen, haben, wo. diese den sicheren Ergebnissen -immer fortschreitender Forschung widersprachen, die Uebersetzung und, unseremjetzigen Sprachempfinden entsprechend, auch den Ausruck geändert." Das ist das eine Neue dieser Ausgabe; das andere besteht in der Prägung von Ueberschriften, die den- Inhalt der Dichtung möglichst scharf zum. Ausdruck bringen und gleichzeitig dem Beter im. Drange seines

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.