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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-17 · Heft 38 (17.9.1915) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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unter Zuhilfenahme aller psychischen Energien, damit gute, tüchtige und glückliche Menschen h e r a n g e b i l d e t w e r d e n. Zugend ist nicht für stetes Martyrium geschaffen, Heroismus nicht von ihr zu verlangen. Ter bisherige Religionsunterricht hat nur in der Methodik Fortschritte gemacht; es bedarf einer vollständig neuen Pädagogik. Haben wir erst das Ziel, den jüdischen Willen, die Erziehung zum (Stück im höchsten, ethischen Sinne klar erkannt, dann ordnet sich sowohl die Methode diesem Prinzip unter, als auch ergibt sich leicht die Wahl des Stoffes. Als Fächer kommen nur in Betracht Geschichte und Hebräisch; auch erstere möglichst durch das Medium des letzteren. „Ter Jude betet Geschichte." Für die Pflege des Hebräischen muß der Hang des lindes, ein Eigentum ganz für sich zu besitzen, nutzbargemacht werden; hier wird das vielberufene „Erbe der Väter" wirklich durch Arbeit erworben und als treuer Besitz festgehalten. Religionslehre, besonders in apologetischer Absicht, ist abzulehnen; denn jede Defensive zerstört das Gefühl des ureigenen Rechts. In unserer Religion sollen wir die eigene Kultur haben, ihren trennenden Charakter hervorzuheben wissen, ihre unerhörte moralische Kraft lind Ueberlegenheit in die Herzen der Zugend pflanzen, die unser einzig wertvoller Anteil an der Kultur der Menschheit ist. Zudeutum als Eigenwuchs und Eigenwert 311 lehren, muß das Ziel der jüdischen Erziehung sein; ' das jüdische Kind muß die Forderung begreifen lernen: Sei du! Tas mit großer Aufmerksamkeit entgegengenommene Referat (die Einleitung zu einer zur Veröffentlichung bestimmten Erziehungslehre) regte zu lebhaftem Meinungsaustausch cm. Reben mancher Zustimmung im einzelnen kamen auch stark abweichende, zum Teil die Grundtendenz bekämpfende Meinungen zum Ausdruck. Tr. Jacob: Tie Erziehung zum jüdischen Willen bezweckt offenbar die Stärkung der jüdischen Rasse. Ties ist aber ein irdisches Ziel. Religion soll den Menschen über alle mir irdischen Interessen hinaussühreu; ihr Ziel ist Gottesfurcht. Wir sollen die Juden nicht Israel lehren, sondern Gott. Tr. Rosenthal (Köln): Ter neue Versuch ist schon deshalb dankenswert, weil die Unterrichtserfolge in der Religion oft unbefriedigend sind. Tie Betonung des psychischen Willenssaktors darf nicht das Höchste sein, wir sollen in der Religion lernen, den Willen einzuschränken, und eben dazu gibt uns das Judentum die vornehmste Anleitung. Tr. K r o n h e i m : Ter Referent erfaßt das Erziehiungsproblem zu einseitig; der übrige Schulbetrieb, die Familie und aldann das Leben werden seinem Ziel unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellen. Tr. Samuel: Unter Willen zum Judentum ist der Wille zur Betätigung jüdischer Gesinnung zu verstehen. Judentum als Aufgabe auch für die Jugend löst Freudegefühle aus, besonders wenn die Jugend aufgerufen wird, nicht nur zu wahren und zu hüten, sondern fortzubilden und zu veredeln. Ter Ehrgeiz, daran mitzuwirken, verleiht neue Kräfte. Tr. Tavid (Bochum): Tas Unglück, immer in der Minderheit zu sein, wird reichlich ausgewogen durch das weltbeglückende Ideal, oas unserer kleinen Gemeinschaft anvertraut ist. Nicht der edelste j Eudämonismus kann das strenge Pflichtbewußtsein ersetzen. Tas Ideal des Tr. Emil Cohn geht vom nationalen Judentum aus, es betont die realen Faktoren zu stark und läßt die religiösen zu kurz kommen. Das neue Erziehuugsideal mag für Kinder passen, es versagt aber als bestimmender Lebensfaktor für die Erwachsenen. Tr. Jacob (ergänzend): Zweifellos komme das pädagogische Ideal aus dem zionistischen Gedankenkreise. Judentum soll die Jugend beten und verehren lehren. Tr. N e u m a r k vermißt die Betonung des religiösen Moments. In seinem Schlußwort betont Tr. Cohn: Sein Erziehungsideal fei durchaus von religiösem Geiste erfüllt. Rur kann er sich ein Jndeutuln ohne Israel nicht denken. Was als Rassenstolz Anstoß erregt, ist in Wahrheit nur ein anderer Ausdruck für die Ause r w ä h l it n g. Von dieser kann keine Richtung im Judentum abseheu. Es folgte ein Vortrag von Tr. All a x E sche l b a che r (Düsseldorf) über S a m s 0 n R a f a e l H i r s ch. Religion und Politik wollen die Welt ändern, sie wachsen oft auf einem Holz. Selten war der Wille, ändernd in die Welt einzugreifen, so stark, wie in Samson R. Hirsch lebendig, der eine politische Kraft und religiöses Genie zugleich gewesen ist. In den schlimmen Zeiten der sogenannten Heiligen Allianz wurde Hirsch zum abgesagten Feind des damals gangbaren Begriffes von Religion. Er legte Wert darauf, daß Judentum nicht eigentlich Religion, sondern Gesetz sei; die Grundlage dieses Gesetzes ist ihm die Thora; Die Vollziehuugsbestimmungen enthält der Schulchan aruch. In steten Kämpfen gegen alle freieren Regungen im Judentum langte er bei seiner extremen Forderung an, die zum Kampfruf seiner Jünger geworden ist: liberale und orthodoxe Juden dürfen nicht mehr als Glaubensgenossen betrachtet werden. Für diese Theorie sucht er die staatliche Anerkennung zu erzwingen; zunächst, indem er nachwies, daß die Steuererhebung von Orthodoxen in nichtorthodoxen Gemeinden zur Gewissensbedrückung' führe und die Möglichkeit zum. Austritt aus solche» Gemeinden wegen religiöser Bedenken zu verlangen fei. So wurde er der Vater des Laskerschen Austrittsgesetzes und der Begründer der Neuorthodoxie. Der Angelpunkt seiner Dogmatik ist die Theorie: die Thora ist unmittelbar von Gott; Judentum aber ist Thora. Jede wissenschaftliche Theologie, gleichviel ob heidnische, christliche oder liberaljüdische, ist eine Art von Meteorologie, im besten Falle Anthropologie, denn in ihr wird Gott gesehen durch das Auge des Menschen. Im Judentum wird aber der Mensch gesehen durch das Auge Gottes; nach einer göttlichen Idee ist der Mensch da; alle Dinge sind nur Symbole, an denen sich die Taten in strengem Gehorsam gegen das Gesetz vollziehen. Wissenschaft ist von untergeordneter Bedeutung, weil sie nur die zeitlichen, überhaupt irdischen Bedingungen der Erscheinung des Göttlichen erforschen kann; die Thora aber als Idee ist ewig. Erkennen ohne Ausüben ist im Judentum wertlos. Die scharfe Bekämpfung, die S. R. Hirsch selbst von Strenggläubigen erfuhr, hemmte ihn nicht, sondern trieb ihn ins äußerste Extrem. Erstaunlich ist seine Vielseitigkeit gewesen; er war nicht allein Rabbiner, sondern Exeget (zum Pentateuch, zum Gebetbuch); Politiker und Gemeindeorganisator (Frankfurter Religionsgesellschaft), Schuldirektor (Realschule), Begründer und Herausgeber einer Zeitschrift („Jeschurun"), pädagogischer Schriftsteller und vieles andere. Wie immer man sich zu ihm stelle, kein Zweifel sei, daß das Judentum einen Großen in ihm zu ehren habe. Reicher Beifall lohnte den Redner für sein tief eindringendes, umfassendes Referat. Von einer Besprechung konnte abgesehen werden, da Tr. Eschelbacher jede Stellungnahme für oder wider Hirsch streng vermieden hatte. Ein wissenschaftlicher Vortrag über Genesis 3,22, den Tr. R 0 r den angekündigt hatte, wurde Zurückgestellt, um für eine Besprechung dringender, vom Kriege herbeigeführter Fragen noch Zeit zu gewinnen. Die Abhaltung und Ausgestaltung besonderer Kriegsandachten hat besonders Tr. Jacob in Dortmund zuwege gebracht; er gibt auf Wunsch darüber gern erschöpfende Mitteilungen. Aus Essen melden Dr. Samuel und Dr. Lazarus, daß die dort eingeführten allwöchentlichen Freitagabend-Ansprachen von selbst den Charakter von Kriegsbetrachtungen erhalten hätten. Ueber Seelsorge in Gefangenenlagern, in Lazaretten und bei Truppenvereidigungen werden wichtige Anregungen ausgetauscht. Ein schwieriges Problem bildet die religiöse Versorgung der jüdisch-polnischen Arbeiter aus den okkupierten Städten Lodz und Kalisch. Solche sind zu Hunderten für die rheinisch-westfälischen Industrien angeworben worden und bedürfen in vieler Hinsicht der Rabbiner als Vermittler bei ihren neuen Arbeitgebern, die ihren religiösen und sozialen Bedürfnissen wenig Verständnis entgegenbringen. Die Herren Eschelbacher und Samuel erörtern die Frage nach ihrem augenblicklichen Stande. — Es ist bereits 7 Uhr vorüber, als Dr. Scheftelowitz die inhaltreiche Tagung schließt, nicht ohne Tankesworte für die Redner und nicht, ohne dem Wunsche nach einem baldigen glorreichen Frieden beredten Ausdruck verliehen zu haben. Kations!? Von R a h e l E d e l st e i n - F r i e d m a n n. Zürich, August 1915. er Jahrestag des Kriegsbeginnes, den alle beteiligten Völker mit Begeisterung gefeiert haben, wird für alle Zeiten ein historisches Datum von tiefeinschneidender Wirkung sein. Die geistige Richtung, welche die Völker Europas am ersten August 1914 mit der Plötzlichkeit eines aus gedankenlosem Schlummer Erwachten erfaßte, hatte sich am ersten Jahrestage zu bewußtem Wollen verdichtet, wie Gewöhnung und Anpassung uns auch in materieller Hinsicht manches Ungeahnte ertragen lehrten. So durchgreifend sind die Veränderungen, die unser ganzes Dasein sozusagen revidieren, daß ein künftiger Schilderer derselben nicht umhinkönnen wird, es in

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