Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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451 (Aachen) hatten ihr Ausbleiben entschuldigt. In seinen Eingangsworten begrüßte der derzeitige Vorsitzende Dr. Caro die neu eingetretenen Konferenzmitglieder Galliner und Lazarus und wies auf die Stockung aller friedlichen Vereinstätigkeit hin, die auch den Rheinischen Nabbinerverband in Mitleidenschaft gezogen habe. Als Ergebnis seines Amtsjahres gab er die Anregung zur Ausarbeitung neuer Satzungen behufs Herbeiführung engeren Anschlusses der Mitglieder an den Verband und der Wahrung eines erhöhten Kollegialitütsgefühls. Die Anregung wird vom Verbände beifällig entgegengenommen; den Entwurf der Satzungen wird Samuel (Essen) in der nächsten Tagung vorlegen. Derselbe berichtet sodann über das erste Thema: „Washabendie Rabbiner für die kommende Friedenszeit anzustreben?" Vor allem die Pflege und den Ausbau des geistigen und religiösen Kriegsgewinnes. Noch schwanke das Urteil darüber, ob ein solcher überhaupt vorhanden und wahrnehmbar sei; er selber glaube an einen solchen. Aber die neue Zeit müsse auch eine Entfesselung vieler bisher gebundenen Kräfte im Judentum zum Nutzen des Allgemeinwohls bringen. Was unseren Gegnern im Frieden nicht abzuringen war, das muß uns fortan gewährt werden. Die Besserung der s o z i a l e n, r e ch tl i ch e n und wirtschaftlichen Verhältnisse sollen wir vertrauensvoll den jüdischen Verbünden überlassen. Die Anerkennung des Judentums als religiösen Faktors müßte dagegen das Hauptziel des Rabbinerverbandes sein. Denn jene Wertung kann nur zum Ausdruck kommen durch Anerkennung des Rabbiners als G e i st l i ch e n oder R el i gi v ns di en er im S i n ne des Gesetzes. Wichtige Anfänge dazu sind in Gesetzgebung und Verwaltung vorhanden; sie müssen weitergeführt werden und als Allsfüllung der empfindlichsten Lücken des Gesetzes vonl 23. Juli 1847 dienen oder dieses auf eine ganz neue Grundlage stellen. Von den bestehenden Verbänden (Verband der deutschen Jirden, D. I. G. B. usw.) ist in dieser Hinsicht keine Initiative zu erwarten, da die augenblicklichen Wortführer von der unumschränkten Autonomie der Einzelgemeinde alles Heil erwarten und den Rabbiner nur als Privatangestellten gelten lassen wollen. Die Zeit ist da, um demgegenüber" der rabbinischen Tätigkeit den gesetzlichen Rückhalt zu geben; vor allem ist dem Rabbiner beratende Stimme im Vorstand zu gewähren. Dies ist nötig für eine umfassendere Seelsorge, nötig für den Religionsunterricht, nötig auch für die materielle Sicherstellung des Rabbiners. Eine Anlehnung an die Gesetzgebung in den neueren preußischen Provinzen und ein Ausgleich sind zu empfehlen. Zur Vorbereitung so weittragender Dinge ist die Gewinnung eines rechtsgelehrten Syndikus, ferner eineselb st ändigePresseanzu streben. Was der Rabbinerstand damit für sich erreichen will, ist im wohlverstandenen Interesse des Judentums und seiner Stellung im Vaterlande. Vor Eröffnung der allgemeinen Erörterung ergänzt Dr. Rosenthal das Referat durch Darlegung der krassesten Mißstände in der Stellung des Rabbiners als Religionslehreranden höheren Schulen. Beschämend sei der Zustand, daß der Staat der israelitischen Jugend beim Eintritt ins Leben die Zurücksetzung durch Ausschaltung einer Zensur in Religionslehre fühlbar mache; so unwürdig, daß christliche Schuldirektoren darüber mit ihrer Mißbilligung nicht zurückhielten. Ein Teilerfolg wäre hier zu begrüßen, und der Verband der deutschen Juden oder der Rabbinerverband zu ersuchen, diesmal unverzügliche Schritte zur Beseitigung dieses schreienden Mißstandes zu tun. Die Versammlung will folgende Entschließung an den letztgenannten Verband richten: Der Rheinische Rabbinerverband hält den Zeitpunkt für geeignet zur Erneuerung des Versuchs, die beschämende Ausnahmestellung zu beseitigen, die der jüdische Religionsunterricht bei der Reifeprüfung wie auch im Reifezeugnis einnimmt (Ministerialerlaß vom 14. März 1899 II. 2, 229). Es muß sich ermöglichen lassen, so gut wie an den jüdischen Lehrerseminarien so auch an den Gymnasien usw. die jüdische Religionslehre zum ordentlichen Prüfungsfach unter Aufsicht der zuständigen Schulbehörde zu erheben. Nunmehr folgte eine allgemeine Aussprache über weitere von Dr. Samuel berührte Gesichtspunkte. Befremden wird darüber geäußert, daß auch die seelsorgerische Tätigkeit an den jüdischen Kriegern i m F e l d e von einer politischen anstatt von einer religiösen Zentralstelle aus geleitet werde; die ungünstigen Folgen werden nicht ausbleiben. Dr. David empfiehlt in der Frage des Religionsunterrichts, die Fachblätter für das höhere Schulwesen mit geeigneten Artikeln zu versehen; Dr. Lazarus tritt nachdrücklich für Begründung einer rabbinischen Fachzeitung ein. Die Versammlung spricht endlich ihre Zustimmung zu folgender, von Dr. Jacob vorgelegten und redigierten Entschließung aus: „Von allem Großen und Herrlichen, was diese gewaltige Zeit in dem gegen eine Welt von Feinden k ä m p f e n d e n d e u t s ch e n V o l k e weckt und offenbart, gilt uns alsdasHöchsteundBeste, daß sie die M e n s ch e n wieder näher zu Gott bringt. Daß diese religiöse Erneuerung auch unsere jüdische G lande n s g e m eins ch a f t dauernd beherrsche und die Religion wie e i n st i h r e stärksteLebensm a ch t b l e i b e, ist für Ge genw a r t und Z u k u n f t die v o r - n e h m st e A ufgabe ihrer Vertreter und Verkünder. Um so schmerzlicher empfinden wir e s,d a ß diejüdische R e l i - gions Genossenschaft in unserem engeren V a t e r l a n d e Preußen noch immer diejenige gesetzliche O r d n u n g u n d V e r f a s s u n g e n t b e h r t u n d namentlich die amtliche Stellung des R abbin er s in den Gemeinden diejenige gesetzliche Grundlage und Sicherheit entbehrt, welche die Erfüllung jener h ö ch st e n Aufgabe ungemein fördern würde. Wir erhoffen die Gewährung dieser Wünsche, w e l ch e die rheinische Rabbinerkonserenzbereits in frühe r e n Resolutionen ausgesprochenhat, vondergesetzgeberischen Arbeit der kommenden Friedenszeit u n d find ü b e r z e u g t, d a ß s i e d a z u b e i t r a g e n w e r d e, das Judentum zu einem wertvollen Element in der idealen Einheit unseres deutschen V o l k e s z u mache n." Nach der Mittagspause geschieht die Neubildung des Vorstandes derart, daß Dr. Scheftelowitz (Köln) den Vorsitz, Dr. Caro die Stellvertretung und Dr. Samuel das Schriftsühreramt übernehmen. Das Wort nimmt sodann Dr. Emil Cohn (Bonn) zu seinem Referat „Ziele, Grenzen und Methoden der jüdischen Erziehung." Der Staat berücksichtigt in seinen Schulen die christlichen Bekenntnisse mit solcher Ausschließlichkeit, daß die jüdische Jugend sehr früh den Schmerz, immer in der Minorität zu sein, bitter empfindet. Das jüdische Kind darf aber auch verlangen, daß es zu seinem Recht auf Glück komme. Auch die jüdische Familie versäumt in dieser Hinsicht häufig ihre Pflicht. Da muß der Religionsunterricht die verkannte Krone ausnehmen. Nicht nur ein besonderes religiöses Bewußtsein (wie im christlichen) darf der jüdische Religionsunterricht wecken wollen, er muß vielmehr die Auslösung eines jüdischen Willens anstreben. Nicht I Unterricht allein darf geboten werden, sondern umfassende Erziehung, Grabstätte des Dr. Mühlfelder.