Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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448 Es ist eine Frage, die sich in dieser Zeit dem Berichtenden ausdrängt, was wohl dieses Jahr dem einzelnen in seinem Wesen und Charakter, in seiner Welt- und Lebensanschauung gebracht hat. Tie Frage hat hier im Westen vielleicht eine etwas andere Antwort als im Osten, wo die Bewegung ilnd die wechselnden immer neuen Ereignisse dem, der sie unmittelbar mitwirkend und mithelfend erlebt, eine starke Spannung und mit ihr ein immer neues Erlebnis geben. Hier haben, wenn auch besondere Kampfeswochen immer wieder kamen und auch jeder Tag, der als ruhiger gilt, seine Unruhe und Sorge hat, doch die Ereignisse den gleichen Raum und damit denselben Horizont behalten. Für manchen spielt seit zehn Monaten sich das gefahrvolle, mühereiche Dasein stets in dem nämlichen Gebiete ab, in demselben Grabenstück, in welchem er dem Feinde gegenübersteht, und in demselben Grabenstück, in welchem er seine Ruhestellung hat. Tie Wege des Gehens und Kommens haben sich in dieser ganzen Zeit nicht geändert. Dieses immer Gleiche gibt auch dem Erlebnis, das sich in die Seele einprägt, den Charakter. Es ist kein Zweifel, daß es an die seelischen, sittlichen Eigenschaften die stärkeren Anforderungen stellt. In dem harten Tagewerk bleibt für die Feiertagsstimmung wenig Raum: die schwere Tapferkeit der Geduld muß bewiesen werden, diese Fähigkeit, innerlich nicht müde zu werden. Ter Zufall bringt es gelegentlich mit, daß einzelne Leute ans dem östlichen Kriegsgebiete hierher kommen. In den Unterhaltungen mit ihnen tritt oft die Ansicht entgegen, das; die Aufgabe, die hier gestellt wird, die schwerere ist, schwerer als das harte, anstrengende Vorwärtsdrängen, in dem der einzelne dafür ein bestimmtes Ziel vor sich sieht, zu welchem er hiukämpft und zu welchem die Begeisterung des Vorwärtsschreitens ihn hintreibt. Hier ist das Ziel die immer gleiche Pflicht des Tages, der immer gleiche Weg und der iunner gleiche Platz. Tort gilt es, neben der Gefahr die körperliche Müdigkeit immer wieder zu überwunden: hier ist das innerliche Ermatten die Gefahr, die besiegt werden muß. Was diese Monate dem einzelnen gebracht haben, ist daher vor allem eine Festigung des Willens zur Pflicht, der Fähigkeit, auszuhalten und auszuharren, die Augenblicke seelischer Müdigkeit zu überwinden. Ter einzelne ist hier meist auf sich gestellt, er verdankt seinen Platz der ihm anvertraut ist, seinen; Können und seiner Zuverlässigkeit. Das Wort Platz ist hier weit kennzeichnender als das andere Wort: Reih und Glied. Damit wird das Bewußtsein der Selbständigkeit gegeben, das Gefühl, selbst für sich verantwortlich zu sein; die innere Sicherheit wird gefestigt. Wohl ein jeder ist hier draußen iu dieser Zeit männlicher geworden, selbstbewußter in dem guten Sinne des Wortes und eben damit zugleich schlichter und bescheidener; er hat den Ernst der nüchternen Anforderung, die Alltagspflicht des Feststehens kennengelernt. Gerade weil hier an der Stelle der großen Tage mit ihren großen Siegen der Alltag mit seiner immer gleichen gefahrvollen Pflicht steht, muß die sittliche Kraft um so stärker sein. Sie ist hier in vielen gewachsen, und diese werden auch in den Jahren des Friedens es verstehen, ihren Weg zu gehen und aus ihrem Platze festzustehen, zu wissen, wer sie sind. * Tie Männer und die Jünglinge, die hier draußen stehen, sind unsere Zukunft. Wir dürfen zuversichtlich hoffen, daß sie, wenn Gott ihnen die kommenden Pflichten gibt, es vermögen werden, ihnen gerecht zu werden. * Wie in jeder Woche, so ist auch in dieser wiederum von r u s s i i dt) c n G r euel n zu berichten. Im „Berliner Börsen- Eourier" plaudert Eck-Troll anmutig von polnischen Inden und berichtet die Unterhaltung mit einer kleinen Jüdin in folgender Weise: Wir sprachen mit ihr und erfuhren von ihr, daß sie und ihre Familie von Ostrolenka seien und anderen Tags dorthin zurückkehren würden. „Papa," fuhr sie fort, „war schon in Ostrolenka und hat ins gesagt, daß der Rüß hat abgebrennt ünser Haus. Aber wir wellen wieder aufbaueu." Und weiter erzählte sie uns manches Interessante aus der Russenzeit Ostrolenkas: „Sind sich gekimmen eines Tags 200 deitsche Gefangene. Hat sich der Rüß geführt die gefangenen Deutschen kreiz und quer und quer und kreiz durch Ostrolenka durch alle Straßen, mn zu zeigen die Gefangenen alte Leit. Wir haben gespreeht uüt einige Deitsche. Und es sind sich vergangen einige Täg. Und wieder hat gebracht der Rüß deitsche Gefangene. Hot sich gefihrt deitsche Gefangene kreiz und quer und quer und kreiz, Hot sich geführt Deitsche durch alle Straßen der Stadt. Hob ich gesagt zu meinem Tatte: Tatte, sind sich dieselben Deitschen wie vor vier Tag. Waren sich genau die nemmlichen Ponims. Hot sich geführt Rüß die Deitschen um Ostrolenka, um sie wieder zu bringen in die Stadt, um zu zeigen: Rüß viele Deitsche hat gesaugt. Und hob ich gesagt zu Tatte: Tatte, werden sich sichren Deitsche durch ganz Rußland zum Zeigen. Aber wir haben üns nix machen lassen weiß, haben gewißt: Sind nemmliche Gefangene wie vor vier Täg. Jedden Tag wir hatten gebetet zu Gott: Lieber Gott laß kimmen den Deitschen. Deitscher Soldat is güt. Deitscher Soldat nix anstecken Haiser, nix plündern. Deitscher Soldat is güt. Rüß nix -mehr derf kimmen zerück. Sonst er macht alle Juden kaput!" Und das, was mir die kleine Jüdin von Ostrolenka da in der Stockfinsterheit einer nordpolnischen Kleinstadt erzählte, habe ich auch anderwärts bestätigt gefunden. Die Polnischen Juden erhoffen vor; Deutschland eine bessere Zeit. Und ihre Gebete kommen aus aufrichtigem Herzen, wenn sie den deutschen Waffen Sieg über den Russen wünschen. Kann man ihre Feindschaft gegen das russische Regime etwa nicht verstehen nach der russischen Pogromwirtschaft unb nach dem alles verwüstenden Rückzug des russischen Brandstifters? Minder erfreulich ist folgender Bericht aus der „Rheinisch- Westfälischen Zeitung": R u s s i s ch er Jude n h a ß. K o p e n Hagen, 31. August. Die russischen Judenverfolgungen dauern unvermindert an. In der Reichsduma wurde eine Interpellation eingebracht, worin die Regierung aufgefordert wird, über die neuen Judenverfolgungen Aufklärung zu geben. In der Interpellation wird bekanntgegeben, daß die russischen Zeitungen von oben herab gezwungen wurden, zn melden, daß die Inden die russischen Heere in Polen und Kurland verraten haben, infolgedessen vom ganzen Lande die schärfsten Maßnahmen gegen die Inden verlangt würden. Als die Blätter mitteilten, daß die dortigen Landesteile jetzt von den Juden befreit wären mrd die nach Sibirien verschickten Verräter eine gerechte Strafe erhalten hätten, fand in vielen Orten auf höhere Anordnung Dankgottesdienst für die Befreiung Rußlands von den jüdischen Verrätern statt. Der russische Haß ging sogar so weit, daß selbst die zu Erntearbeiten auf Land geschickten jüdischen Kinder von dort wieder entfernt und nach Sibirien verschickt wurden, weil sie für politische Verbrecher galten. Petersburg, 1. September. „Rjetsch" berichtet: In der Jnterpellationskommission der Duma erklärte der Kadett Alexandrow im Hinblick auf die Vertreibung der Juden: Da sich als Grund für die militärischen Mißerfolge die Nachlässigkeit der Bureaukratie ergeben habe, sei es Wahnsinn, sechs Millionei; guter jüdischer Bürger als die Alleinschuldigen hinzustellen. Mit Stimmenmehrheit wurde die Einkerkerung von russischen Juden als Geiseln als ungesetzliche und unmenschliche Handlung verurteilt. Aussehen erregte die Mitteilung, daß an einigen Stellen Dankgottesdienste für die Entlarvung und Unschädlichmachung der jüdischen Verräter abgehalten wurden. Wilhelm Feldmann berichtet im „Berliner Tageblatt" aus einem kleinen polnischen, von den Russen verlassenen, durch die deutschen Truppen eingenommenen Orte einen beklagenswerten .Vorgang: Vor dem Abzug haben die Russen hier einen Mord verübt. Zwe Soldaten legten auf einen Juden an. Die Frau warf sich schützend vor den Gatten und brach mit zwei Kugeln in der Brust tot zusammen. Am Tage darauf wurden russische Gefangene durch die Stadt geführt. Die beiden Mörder waren darunter. Sie wurden vor ein Schwurgericht gestellt, das aus Einwohnern der Stadt gebildet war. Sieber; Zeugen beschworen die blutige Schuld der Angeklagten, und die Richter fällten das Todesurteil. Die „National-Zeitung" läßt sich aus Odessa schreiben: In der Stadt verbreitet das Gerücht Schrecken, daß die Verbündeten einen direkten Vormarsch auf die reiche Handelsstadt beabsichtigen. Der hier besonders stark vertretene Verband der echt-