Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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i untätigen «Ringen gegen Oesterreich kaum einen Schritt i ovwärts gekommen sind, sondern furchtbare Verluste * litten haben, und die keine Lust bezeigen, sich an , uem erfolglosen Abenteuer gegen die Dardanellen zu beteili- .?n, entschlossen zu sein scheinen, größere Heeresmassen nach nn Osten Frankreichs zu werfen und dort den Deutschen, denen e freilich bisher gar nicht den Krieg erklärt haben, entgegenntreten. Gewiß ist es ihnen bequemer, statt sich an unwegnnen Pfaden und steilen Gebirgsricsen die Köpfe 31t zer- 'bnettern, sich in der Ebene zu entfalten. Aber hoffentlich erden sie auch dort nur ihre Kriegsuntüchtigkeit beweisen und h die Schläge holen, die sie so redlich verdienen. Daß es mit den Angriffen gegen unsere westlichen Feinde llst wird, lehren auch die neuen, sehr erfolgreichen Angriffe ilserer Zeppeline gegen London und die englische Osteküste und die erneute, von großen Erfolgen begleitete Tätigit unserer Unterseeboote. Sie haben nicht bloß wie it Monaten reiche Beute in den 'englischen Gewässern davonckragen, sondern sind an den französischen Küsten an der lündung französischer Flüsse aufgetreten und haben der fränkischen Flotte starke Verluste beigebracht. Die Lage auf dem Balkan ist noch immer nicht geklärt, erbien, das seinen Widerstand gegen die Ententemächte oar aufgegeben hat, zeigt immer noch gegen Bulgarien und .adere Staaten seinen Widerstand. Bulgariens Vertrag it der Türkei soll perfekt sein, obgleich eine offizielle Beitigung des Bündnisvertrages noch fehlt. Rumäniens altnng bleibt unklar; auch von Griechenland weiß man enig, da der neue Ministerpräsident Venizelos, der beim Anitt seiner Regierung zwar strikte Neutralität in Aussicht geult hatte, sich in Schweigen hüllt. Die fortdauernde Beifügung und Bedrohung Griechenlands durch England und rankreich bringt freilich das arme Land in eine sehr üble age. Unterdessen schreiten die deutschen Truppen mit ihren Verendeten in Wolhynien weiter fort, und auch in den russischen r stseeprovinzen rückt die Stunde der Entscheidung, näher. Riga von den russischen Behörden geräumt, und wenn diese Stadt, üe wir erwarten, bald in deutschen Besitz kommt, so wächst ie Gefahr für Petersburg. Die Absperrung Rußlands vom Meere birgt furchtbare Gefahren für das Land in sich, dessen unerschöpfliche Hilfsmittel es zwar zu einem lang andauernden Widerstand befähigen, aber nicht mehr in den Stand setzen, zu inem mächtigen Schlage auszuholen. Je länger dieser furchtbare Krieg dauert, um so schmerzicher lastet auf den Zuhausegebliebenen das Gefühl des Unrützseins. Gewiß tut jeder seine Pflicht: unsere Frauen und Töchter in sozialer Hilfsarbeit als Pflegerinnen, wir Männer u Vereinen und Kommissionen und wir Schriftsteller als „Solaten der Feder". Aber was will das alles besagen gegen die Rühen und Anstrengungen, gegen die Entbehrungen und Riden unserer Teuren, die draußen für uns kämpfen! Um 0 mehr erwächst den Daheimgebliebenen die Pflicht, für die mtigen Mittel zu sorgen, die für die Fortführung und Beendi- Ulng des Krieges notwendig sind. Zeichnet die dritte ü r i e g s a n l e i h e! Der Erfolg der ersten war gut, der der '»weiten glänzend; sorgt dafür, daß der der dritten die früheren übertrifft'. Die Berichte über die bisherigen Anmeldungen sind ufriedenstellend; von den großen Firmen, Gesellschaften, Veranden, Sparkassen werden sehr erhebliche Summen genannt, -ie vielfach die Beiträge der früheren Anleihen übersteigen. 2lber jeder einzelne muß sein Scherflein beitragen. Keiner darf sich ausschließen. Auch derjenige, der kein verfügbares Geld besitzt, kann aus seinen sonstigen Besitz sich leicht Geld verschaffen. Er erfüllt damit eine nationale Pflicht. Es gilt dem Vaterlande zu dienen. Daran wird es hoffentlich keiner an sich fehlen lassen. Zeichnet die dritte Kriegsanleihe! * Wir lassen im folgenden aus dem „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde Berlin" weitere Berichte des Feldgeistlichen Rabbiner Dr. Baeck folgen. Den 7. August 1915. In der zweiten Hälfte des Juli habe ich Gottesdienste abgehalten in Noyen, Lagny, Ville, Roiglise, Chauny, La Fere und Epagny. Daneben fanden einige kleinere Andachten statt. Es sind, je länger, desto mehr, Mannschaften aus allen Teilen Deutschlands, die ich in diesen Gottesdiensten, in denen der Blick einen jeden treffen kann, nebeneinander sehe. Ein Bild der Gliederung der deutschen jüdischen Bevölkerung bietet sich so dein Beobachter hier im kleinen dar, in ihrer Mannigfaltigkeit, die sie in all ihrer eigenen Art aufweist. Deutlich tritt immer wieder die Bodenständigkeit des ganzen Wesens hervor; in fast jedem ist etwas von der Eigentümlichkeit seiner Heimat, etwas von ihrem Ton und ihrer besonderen Färbung, etwas Wnrzelhaftes. Der kleine Ort Prägt es stärker aus, aber auch die größere Stadt verwischt es nicht. Auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ist ein unverkennbarer Unterschied zwischen einem Soldaten ans dem Norden und aus dein Süden Deutschlands. Mer schon jede Provinz zeigt ebenso ihre eigene Besonderheit, etwas, was sie am Menschen schafft. Gerade der kleine Kreis, den die Gemeinden hier draußen darstellen, offenbart diese ganze Mannigfaltigkeit, die es innerhalb der deutschen Judenheit gibt. Sie spricht sich auch in der Art der Frömmigkeit ans, in den Formen, in denen das religiöse Bedürfnis seinen Ausdruck sucht. Auch die Religiosität erhält so den Reichtum ihrer Gestaltungen, gewissermaßen ihren heimatlichen Zug und ihren landschaftlichen Reiz. In einern kleinen Dorfe, in welchem ich des öfteren am Sabbatnachmittag einen Gottesdienst abhalte, vereint er meist Leute aus dergleichen Gegend, aus einem Bezirk, der die Vergangenheit des deutschen Kleinstaates hat. Es. ist mehr eine Familie als eine Gemeinde, welche zusammenkommt. Alle wissen voneinander und von den Ihren, viele kennen sich von lange her. Aber auch die ganze Empfindungsweise, die Art der Teilnahme am Gottesdienst ist bei allen die gleiche. Das ehemalige Gasthauszimmer, in welchem wir zusammen sind, verwandelt sich alsbald in die „Schule", in die Synagoge der kleinen Stadt mit ihrer Stimmung und ihrer Wärme. Einer unter den älteren Leuten versteht vorzubeten: in der alten Melodie des Sabbatuachmittags, in diesen Tönen, in denen im Auf- und Niedersteigen so viel Beruhigtes, Befriedigtes klingt, und alle die anderen stimmen darin in den antwortenden Sähell des Gebetes ein, und auch auf den Gesichtern prägt sich etwas von der Empfindung mr§, mit der daheim ein jeder in den Stunden der Ruhe nach den Tagen der Arbeit erfüllt war. Nach dem Gottesdienst werden dann auch die Fragen und die Meinungen laut, innig, obzwar ein wenig kraus, so wie sie gewiß zu Hause auch in der stillen Sabbatstunde sich aussprechen. Ter eine weiß, im Anschluß an die Predigt, ein Bibelwort anzusühren als Beweis für seine Ansicht und seine Hoffnung; der andere erwähnt einen Sah unserer Weisen, den er von seinem Großvater gehört hat. Rede und Gegenrede, Frage und Antwort gehen hin und her, bald ernst, bald heiter. Es ist der Sabbatuachmittag der kleinen Stadt, auch hier draußen im Felde. Dieses Bild ist nur ein Beispiel für viele. Denn in derselben Weise trägt hier ein anderer Gottesdienst den Charakter des Freitagabends in der Synagoge einer größeren Gemeinde im Norden Deutschlands: ein Lehrer, der unter den Mannschaften ist, weiß als Vorbeter die dort vertrauten Lewandowskischen Gesänge anzustimmen. Und wenn danach vor dem Abschied die Gedanken ausgetauscht werden, so tragen sie, fast alle, den nüchternen, prüfenden Charakter der Heimat. Oder wiederum erklingt aus der Art der Gemeinde deutlich ein rheinischer oder ein süddeutscher Ton. Immer wieder tritt es hervor, wie reich und vielgestaltig das jüdische Leben in Deutschland ist in seinen menschlichen und darum seinen religiösen Zügen. Chauny, den 20. August 19J 5. Ueber meine Tätigkeit in den beiden ersten Wochen dieses Monats berichte ich ergebenst: Ich habe in dieser Zeit, neben einzelnen kleineren Andachten in Audignicourt, Vezaponin, Laigle, Margival, Allemant, Chavignon und Filain Gottesdienste abgehalten, die vor allem der ernsten Feier der Jahreswende des Krieges galten.