Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-17 · Heft 38 (17.9.1915) · p. Seite 446

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229216--71620-3283971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

446. Allein, die uns Juden das vorwerfen, begehen insofern einen kulturhistorischen Fehler, als sie diese betrübende Erscheinung nicht aus der Geschichte des Judentums, sondern aus einer angeblichen Stammeseigenheit und aus unserer Religion erklären. Wer einigermaßen mit der jüdischen Geschichte vertraut ist, weiß es, warum die Inden so wurden, wie sie sind. Wer. immerwährend berechnen mußte, nicht nur die geringsten Ausgaben seiner Notdurft, sondern auch Fürstengunst und Pöbelgunst, weil von ihrer Laune und Willkür die Sicherheit des Vermögens, der Ehre, seiner Heiligtümer und seines Lebens abhing, bei dem mußte am Ende der Rechengeist sich einwurzeln. Die Erlebnisse des Judentums konnten gar nichts anders tun, als das Judentum zu dem verstandsnüchternen Volk zu machen, das es ist. Was aber die Geschichte aus uns gemacht, das kam von außen, nicht aus dem innersten Geist des Judentums. Im Haushalt der Natur hat die weise Vorsehung gerade die zarten Organe des Lebens, die am meisten der Gefahr ausgesetzt sind, von starken Gewalten erdrückt zu werden,mit Schutzmitteln ausgerüstet, daß sie den Kampf des Daseins bestehen können. Die weichen und zarten Organe liegen wohl beschirmt hinter der Festung des Brustkastens. So legt das zarte Weib gegenüber dem starken Manne einen höheren Grad von Schlauheit an den Tag, und die schwachen, unkriegerischen Stämme greifen zur List, wenn ihnen die ebenbürtige Waffe fehlt. So hat die Vorsehung auch den Juden in seinem Kampf gegen eine Welt von Feinden mit einem Teil von Geistesgewandtheit, von scharsspähender Vorsicht und Klugheit ausgestattet, durch die er allein in Zeiten der Verfolgung sich wehren konnte. Allein, das ist, wie gesagt, nur das Zerrbild, nicht die wahre Gestalt der Juden. Nicht der mit dem kalten Verstand berechnende Jude, sondern der wie ein Fürst bei den Seinen, das Haus zum Gottespalast weihende, das Wissen der Zeit wie ein Philosoph umfassende, das Herz der Menschheit in seiner Brust tragende Jude — das war der erste Jsraelssohn des Mittelalters, das ist der wahre Kern seiner Natur. Folgt doch diesem kalten Verstandesjuden in seine Häuslichkeit, beobachtet ihn in seiner Sorge für Weib und Kind, belauscht ihn, wenn die Hilferufe leidender Unschuld an sein Ohr schlagen, wenn er für Menschenrecht und Wahrheit das rechte Wort reden, die rettende Tat üben soll — und ihr findet den edleren, himmelwärts strebenden Geist, die bessere Natur, die Oberhand gewinnen. Wenn sich auch die Religion Israels nicht die Religion der Liebe nennt, so ist sie doch durch und durch eine Religion der werktätigen Liebe. Sokrates hat die herrlichsten moralischen Lehren verbreitet, dem es aber nicht gelungen ist, die Athener zu ethischen Personen in seinem Sinn umzugestalten. Sencca hat in seinen Schriften so prächtig-ethische Grundsätze ausgesprochen, daß man sie mit denen des Apostels Paulus verglich. Sein Freund aber war Nero, und sein zeitgenössisches Rom war voll ethischer Ungeheuerlichkeiten. Dem Judentum aber ist es gelungen, nicht bloß durch schöne Worte, sondern durch seine ganze kulturhistorische Entwicklung das echte jüdische Herz zu erziehen, das leicht bewegt, gerührt, ergriffen wird von Mitleid und Erbarmen. Dir Woche. Berlin, den l4. September 1915. wei besonders wichtige Ereignisse haben sich im Laufe der . letzten Woche vollzogen: die Verabschiedung des Großfürsten Nikolai N i k o l aj ew i t sch als Generalissimus der russischen Armee und der siegreiche Vorstoß der Armee des deutschen K r v n p r i n z e n i n d e n A r g o n n e n. Daß die Verabschiedung des fluchwürdigen Großfürsten, des Onkels des Zaren, obgleich sie mit'seiner Ernennung zum Generalgouverneur im Kaukasus verbunden war, mag sie nun aus sein Ansuchen erfolgt sein oder mag sie als ein Zeichen der allerhöchsten Ungnade betrachtet werden, eine Bestrafung für die Niederlagen ist, die seine Armeen erlitten haben, sowie für den Fall der Festungen, die seiner Obhut anvertraut waren lind die nach seinem oft wiederholten Worte um jeden Preis gehalten werden sollten, steht außer Frage. Durchaus unentschieden ist freilich, ob durch diese Absetzung und durch die fernere Tatsache, daß der Zar selbst den Oberbefehl über die Truppen übernommen hat, an der Sachlage etwas geändert werden kann. Denn kurz nach seiner Entfernung ist eine neue Festung, Dribno in Wolhynien, gefallen und die Verfolgung der Russen oder, wie sie angeben, ihr planmäßiger Rückzug dauert fort, so zähen Widerstand sie auch leisten, und so sehr sie da und dort die Offensive ergreifen und dabei kleine Erfolge erzielen. Nach den russischen Berichten stellen sich sogar diese Erfolge als große dar. Denn sie sprechen von bedeutenden Siegen, die sie am 6. und 8. September errungen haben, und melden eine sehr erhebliche Zahl von Gefangenen, auch von Maschinengewehren, die sie erbeutet haben wollen. Wir jedoch haben die Ueberzeugung, daß die russische Armee demoralisiert ist, daß ihr Munitions- und Osfiziersmangel weiter fortschreitet. Wir glauben, daß jene Desorganisation und dieser Mangel nicht durch einen Personenwechsel abgestellt werden können, um so weniger, als, während der frühere Oberbefehlshaber ein tüchtiger Kriegsmann war, der gegenwärtige Höchstkommandierende, der sich während seiner ganzen Regierungszeit in seinem Palast verborgen hielt und mit allem mehr als mit der Heeresleitung beschäftigt war, vom Kriegshandwerk wenig oder gar nichts versteht. Wir hoffen daher, daß Rußland trotz allen Geredes der russischen Blätter, in das übrigens die auswärtige Presse, selbst die der Verbündeten, nur sehr schwach einstimmt, außer dem ruhmredigen Prahlen der italienischen Blätter, daß Rußland seinem Geschicke unaufhaltsam entgegengeht. In dieser Hoffnung werden wir dadurch -bestärkt, daß die Not in Rußland durch -das wahnsinnige Vorgehen der Regierung, Millionen Menschen (die Blätter berechnen die Zahl dieser gezwungenen Flüchtlinge auf 12 Millionen) aus den von den Deutschen okkupierten Gebieten zu vertreiben und in das Innere des Reiches zu verpflanzen, wo die meisten, ihrer Mittel beraubt und ihrer Tätigkeit entzogen, der öffentlichen und privaten Wohltätigkeit zur Last fallen, sich täglich und stündlich ins Ungemessene steigert, und daß die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Regiment in stetem Wachsen begriffen ist. So weit aber ist Rußland nicht, daß die Erkenntnis der begangenen Fehler eine sofortige Abstellung möglich macht; zu einer neuen -Organisation — dessen glauben wir gewiß zu sein — fehlen die Kräfte, die Zeit und die Mittel. Das zweite Ergebnis, der Vorstoß der kronprinzlichen Armee, bei dem 2000 Soldaten sowie eine größere Zahl Offiziere gefangen und eine überraschend große Zahl — 54 — von Maschinengewehren erbeutet worden ist, erscheint uns nicht bloß des schönen Erfolges wegen, sondern deshalb besonders wichtig, weil wir ihn als den verheißungsvollen Anfang einer neuen deutschen großen Bewegung betrachten. Die deutschen Armeen, die Ruhmredigkeit anderen überlassend, Pflegen nicht prahlerisch eine Offensive anzukündigen, sondern durch die Tat die Welt zu überraschen, und so leben wir der Erwartung, daß die nächsten Tage und Wochen gewaltige Taten unserer Armeen im Westen verkündigen werden. In dieser Hoffnung werden wir nicht irre durch die in den letzten Tagen verbreitete Nachricht, daß die Italiener, die in dem mehr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.