Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Ter tapfere Offizier war Vertreter der Firma Jakob Kutz Nachf. in Bayreuth und der älteste Sohn der in Gunze;;hansen wohnhaften Handelstt;anns;oit)ve Maria Selter. Er war ein eminent tüchtiger und gebildeter Mann, der überall durch sein bescheidenes und höfliches Auftreten beliebt und für seine hervorragende Tapferkeit bereits mit dem Eisernen Kreuz dekoriert war. 2/D Frankfurt a. M., 3. September. Von dem verstorbenen Herrn I g n a tz A l b e r t Sichel ist eine „Jgnatz-und-Anna-Siche'l- Stiftung" zur Erziehung jüdischer Knaben mit einem Kapital von VA Millionen Mark begründet worden. Nach den Bestimmungen des Stifters soll aus den Beträgen ein Gebäude errichtet werden, in welchen; Kinder, die das 6. Lebensjahr znrückgelegt, gesund und gut veranlagt sind und von hilfsbedürftigen, vorzugsweise von gebildeten Eltern stanunen, erzogen werden sollen. Tie Verwaltung der Stiftung ist sieben hiesigen Bürgern übertragen, die von bestinnnten Vereinigungen zu wählen sind. Ter erste Vorstand, dessen Vorsitzender Herr Tirektor Tr. Adler, Hebelstraße 15, ist, hat mit Rücksicht auf die durch den Krieg geschaffene Notlage die landesherrliche Genehmigung erhalten, das; die Stiftung sofort in Kraft treten und bis zur Errichtung des Anstnltsgebäudes einen Teil der Zinsen für die Erziehung von Knaben venoenden darf, die infolge des Krieges verwaist oder deren Eltern infolge des Krieges in einen hilfsbedürftigen Zustand geraten sind. Bad Ems, 3. September. Ter soeben erschienene Bericht über das Israelitische Central-Waisen- und Mädchenheim E. V. zu Bad Ems umfaßt die Zeit vom 1. April 1913 bis 31. März 1915 und enthält folgende die Oeffentlichkeit interessierende Angaben: „Nachdem unsere Anstalt 4A Jahre in ihrer ursprünglichen Anlage und Einrichtung den Zwecken der Waisenpflege und Erziehung gedient hatte, hielt im Jahre 1902 die Aufsichtsbehörde eine Vergrößerung des Schul- und Speisezimmers für sehr wünschenswert. Im Vorstände neigte man zuerst zur Errichtung eines vollständigen Neubaues und ließ durch tüchtige Architekten verschiedene Pläne ausarbeiten. Tie Ausführung wurde jedoch von Jahr zu Jahr verschoben, bis das Vereins-Vermögen eine größere Ausgabe znließ. Ta legte schließlich die Konmüssion für bauliche Angelegenheiten in der Generalversammlung vom 21. September 1913 zu Frankfurt a. M. einen Plan zu einem Umbau vor, der nach eingehender Beratung die allgemeine Zustimmung fand. Ter Ban konnte noch im Dezember 1913 begonnen und Anfang Juli 1914 seiner Bestimmung übergeben werden. Die Leitung hatte in dankenswerter Weise Herr Regierungsbaumeister Julius Jacoby aus Berlin, dem die Ausführung der Neubauten des Kursaales in Bad Ems übertragen war, übernommen. Tie wesentlichste Umgestaltung ist die Vergrößerung des Schul- und Speisezimmers, der Anbau einer glasüberdeckten Veranda und die Gewinnung größerer Keller und Vorratsräume. Tie Anstalt, ein früheres herrschaftliches Gebäude, hatte eine große Toreinfahrt, die tiefer gegraben, neue Keller und darüber ein Schulzimmer von -341 Kubikmeter ergab, während das frühere Schul- und Eßzimmer durch Herausnahme der Verbindungswand zusammen zu einem großen Speisesaal von 340 Kubikmeter ansgebaut wurde. Diese neugenwnnenen Schul- und Eßzinnner wurden der ganzen Länge nach durch große Holzwände mit zwei Flügeltüren voneinander getrennt. Bei Anstaltsfeierlichkeiten sollen diese geöffnet und so zusammen mit der sich nach dem Hose anschließenden glasüberdeckten Veranda zu einem einzigen großen Ramne von 1124 Kubikmeter vereinigt werden. In ganz neuer Gestalt präsentiert sich nunmehr das Innere unserer Anstalt, derer; Säle dem modernen Geschmack entsprechend in hellen, grün mit gelb vermischten Farben gestrichen sind und eine dazu passende Fensterdekoration sowie elektrisches Licht erhielten. Das Treppenhaus erhielt einen in; gleichen Tone gehaltener; Anstrich und der Eirrgangsflnr eine mit elektrischen; Lichte installierte Säbbatlarrrpe. Tie Wär;de des Treppenhauses ur;d der beiden neuen Säle wurden mit der; bekannten Oppenheimschen Bildern ans dem jüdischer; Familienleben ur;d einer Kopie des von einen; jungen jüdischen Maler entworfenen Mosesbildes geziert. Ter innere Betrieb der Anstalt erlitt durch die Vornahme des Umbaues keine Unterbrechung. Tie Zahl der Zöglinge betrug fast stets 30, die durch Entlastung entstandenen Lücken wurden inrrner wieder durch Neuaufnahmen ansgefüllt. Tie Zöglinge sirid ir; den verschiedenster; Teiler; des Deutscher; Reiches beheirrmtet, mehrere sind russischer Natiorralität, zwei ar;s Galizien und einer aus Jerusalem türkischer Nationalität. Irr; Jahre 1913 wurden ir; Berlin-Schöneberg vor den; dortigen Polizeigebände vor; einen; aus Rußland stammenden Vater feine drei kleinen Mädcher; von drei bis sechs Jahren ausgesetzt und von der Polizei einen; christlichen Waisenhaus in Berlin provisorisch Übergeber;. Wir depeschierten kurz entschlossen an das „Berliner Tageblatt", das die ganze Angelegenheit in ihrer Ungeheuerlichkeit geschildert hatte, daß wir die Mädchen sofort aufzunehmen bereit seien. Sie befinden sich nun seit zwei Jahren in unserem Hause, ru;d wir hoffen, daß wir rückst vergebens ihnen die Pforten desselben geöffnet haben. Der Gesundheitszustand war in der Berrchtszeit eir; durchaus guter. Wir danken dieses nächst der göttlichen Hilfe der freien Lage der Anstalt, der heilkräftigen Einser Luft und der sachgemäßen Pflege in unserem Hanse. Während der Berichtszeit haben wir zehn Zöglinge entlassen können. Tie Fürsorge für unsere Zöglinge ist nüt dem Austritt derselben aus der Anstalt nicht zu Ende. Diese steht ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite und bleibt nach wie vor der Ersatz des Elternhauses. All unseren Freunden und Gönnern, die uns auch in der schweren Zeit des Krieges treu geblieben sind, sprechen wir hiermit unseren wärmsten Dank ans. Wir haben in der letzten Zeit wieder einige Zöglinge in Stellen entlassen können, die leer gewordene;; Plätze jedoch nicht wieder besetzt. Sie sollen leer bleiben für die Kinder der Kriegsfürsorge, damit wir ohne weiteres da eingreifen können, wo ein bisher für die Seinen sorgender Vater im schweren Kampfe gegen den Feind den Heldentod für sein Vaterland erlitt." 22 Straßburg i. Elf., 1. September. Am 24. v. M. verschied nach vierwöchigen; Krankenlager an Herzlähmung Oberrabbiner Adolf Ury. Mit ihm verliert die hiesige Gemeinde einen von hohen; Idealismus erfüllten Seelsorger, den Pflichttreue und unermüdlicher Fleiß, Herzensgüte und Friedensliebe, wahre Frömmigkeit und Duldsamkeit in gleicher Weise auszeichneten. Als Geistlicher, als Vizepräsident des Konsistoriums des Unterelsaß, als Mitglied zahlreicher jüdischer und interkonfessioneller Körperschaften und Anstaltsverwaltungen entfaltete er eine überaus vielfältige und segensreiche Tätigkeit, die ihn; die Wertschätzung und Liebe der ganzen hiesigen Gemeinde und des ganzen Konsistorialbezirkes und die Achtung und das Vertrauen seiner Mitbürger ohne Unterschied des Glaubens erwarb. Davon legte beredtes Zeugnis die Teilnahme an der Beerdigung ab, die Freitag vormittag stattfand und mit einer Trauerfeier in der Synagoge begann. Bis aus den letzten Platz war das große Gotteshaus beseht. Unter den Teilnehmern sah man den stellvertretenden kommandierenden General Ritter Hentschel v. G i l g e n h e i m b; der kaiserliche Statthalter war vertreten durch den Vortragenden Rat Tr. Dieckhofs, das Ministerium durch Unterstaatssekretär Tr. F renken; einen Hauptmann als Vertreter des Herrn Gouverneurs der Straßburger Festung; ferner waren erschienen Bezirkspräsident Pöhlm ann, der Präsident des Oberkonsistoriums der Kirche augsburgischer Konfession Freiherr v. d. Goltz, der Generalvikar des Bistums Jost, Beigeordneter Tr. T i n; n; e , Ministerialrat Tr. L a u ch e r , Negierungsamtmann Tr. Ahrendts als Vertreter des Polizeipräsidenten, eine Abordnung des städtischen Armenrats und andere, sodann fast sämtliche Rabbiner des Unterelsaß und Lothringens, während aus den; oberelsässischen Sperrgebiet nur einer hatte kommen können, sowie der Präsident des oberelsässischen Konsistoriums Bankier Mannheimer und für das lothringische Konsistorium Bankier Beer. Bei der Tranerfeier, die mit Gesang eingeleitet und geschlossen wurde, schilderten der hiesige Rabbiner Tr. Marx und Oberrabbiner Tr. Netter- Metz Charakter und Wirken des Entschlafenen. In der Leichenhalle des neuen israelitischen Friedhofes sprachen sodann noch der Präsident des unterelsässischen Konsistoriums Jnstizrat Tr. Schmoll in; Namen des Konsistoriums, der Geineindeverwaltung und sämtlicher jüdischen Vereine und Anstalten, Bankier Mannheimer für das oberelsässische Konsistorium, Fabrikant Bing für den Fürsorgeverein für entlassene Strafgefangene, Rabbiner Tr. L e v y - Hagenau als ältester Rabbiner in; Namen der Berufsgenossen und Rabbiner Dr. Drehfuß- Saargemünd für die Familie, worauf die sterbliche Hülle des Entschlafenen neben der seiner Gattin und eines Sohnes, die beide vor zwei Jahren ihn; in; Tode voransgegangen waren, in die Grus; gesenkt wurde. Ehre seinem Andenken! 1849 in Niederbronn i. E. geboren, hatte Ury das Gymnasium in Buchsweiler, dann das