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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-08 · Heft 37 (8.9.1915) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 37 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
Seite 443 (sequence 11)
Language
German
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443 geschrumpfte Altfrauchen mit dem dünnen graumelierten Haarringelchen mitten am Hinterkopf und meine kerzengerade, mollige hübsche Mama mit der vollen rotbraunen Frisur. Papa sieht um zehn Jahr älter aus seit der Verlobung. Bei uns ist ja nie aus Papas Aussehen geachtet worden. Erst seit ich selber Leid erfahren habe, habe ich gelernt, ein Auge zu haben für die Leiden -anderer. Wie sonderbar, der Pastor, der berufene Diener und Verkünder seiner Religion, hat sich aus Liebe zu seinem einzigen Sohn mit vollem Herzen entschließen können, die Andersgläubige Tochter zu nennen. Und Papa, der seine religiösen Gefühle ewig hat verleugnen müssen wie ein Unrecht, ist schwer gealtert durch diesen Heiratsplan. Gewehrt hat er sich wohl kaum dagegen. Was hätte er auch gegen Mama und Erna zusammen ausrichten sollen! Nur einmal hat er zu mir gesagt: „Wenn das mein seliger Vater wüßte!" Die Frau Pastorin ruft ihren Mann in einemfort, so wie sie wieder etwas zu bewundern findet, und sie findet immer etwas. „Nun sieh nur, Franz, wie wunderschön!" Mama bewertet dieses unverwöhnte Urteil nicht so hoch, sonst müßte sie doch eigentlich sehr auf die Kosten kommen. Und der Pastorpapa sagt: „Höchst geschmackvoll, in der Tat, höchst geschmackvoll!" Aber er weiß nicht recht, soll er jetzt die Portieren bewundern oder die Urne daneben. Seine Augen gleiten suchend die Wände entlang. Er wundert sich wohl, daß man so elegant eingerichtet sein und keinen richtigen Bücherschrank haben kann. Mamas Salonschränkchen, in dem rechts Bücher und links Nippes stehen, scheint ihm nicht ausreichend. Da nehme ich ihn mit in unser Stübchen. Meine Bücher sind zwar auch nicht seine Bücher, aber hier taut er doch ein bißchen auf. Im Grunde genommen kann ich es ihm nicht verdenken, daß er mit leiser Ungeduld darauf wartet, daß seine Frau Pastorin, die das „Weltstädtische" in Wostock und ihr Herzenssohn noch fesselt, einen Abgang findet. Den . . 1914. Wenn wir anderen alle ein wenig erleichtert ausatmen, weil Pastors abgereist sind, so ist uns das vielleicht nicht zu verdenken. Was sollen sich Papa und Mama viel mit ihnen zu erzählen haben! Und ich selbst? Ja, wäre ich glücklicher, könnte ich aus der Fülle meiner Freude etwas abgeben; es wäre ja nichts Schweres, sich mit zwei so guten alten Leutchen zu befassen, sie ein wenig umherzuführen und zu unterhalten. Aber ich habe Josua seit 14 Tagen nicht gesehen. Wo soll ich den inneren Frieden hersinden, anderen freundlich und gefällig zu sein? (Fortsetzung folgt.) koschhaschoim 1915. Von Jenny Bergmann. eute, wo das alte Jahr entschwindet Und der Hauch des neuen uns umweht. Wo der Mensch erschauernd bang empfindet. Daß sein Schicksal ihm vorübergeht. Wo die Leiden, Freuden sind «vergangen. Die sein Herz jüngst wechselvoll bewegt, Wo für das, was er nun soll empfangen. Noch die Stund' nicht der Enthüllung schlägt! Wenn des Schofars machtvoll ernstes Klingen Uns erschütternd durch die Seele bebt: Seht, da kommt auf seiner Töne Schwingen Die Erinnrung mahnend angeschwebt; Leise zieht sie aus des Herzens Gründen Ach, von Schuld und Fehl' manch trübes Bild, Wie sie sich in Wort und Taten künden, Die doch besser blieben stets verhüllt! Und sie führt uns zu den ew'gen Höhen, Wo ein Gott der Menschen Schicksal schreibt. Und sie lehrt es ahnend zu verstehen, Was uns Menschen sonst verborgen bleibt: Daß da lebt ein Gott des Zorns, im Grimme Straft er offene und geheime Schuld, Und ein Vater, der mit güt'ger Stimme Gnade uns verheißt und ew'ge Huld. — In dem hehren Buch der Weltgeschichte Lesen wir die letzte Seite nach. Wie im schrecklich grausigen Strafgerichte Gott aus der Kanonen Donner sprach: Lenrberg, Warschau und Przemysl fielen. Und ihr Fall lähmt Rußlands blut'ge Faust, England büßt schon sein verwerflich Spielen, Frankreichs Gau'n der Todessturm durchsaust. Allen denen, die den Frieden brachen. Die ein strebsam friedlich Volk verhöhnt. Die mit Lüge und Verleumdung stachen, Der Vergeltung Donnerstimme dröhnt. Doch mit Deutschland war des Höchsten Walten, Unsre Waffen lenkte seine Hand. Und das Recht, den Frieden zu erhalten Bluten Deutsche heut fürs Vaterland. Unsre Enkel werden's einst verkünden. Wenn ein schönrer Lenz blüht deutscher Flur, Wenn sich deutscher Geist und Fleiß verbinden, Neu zu zeugen friedliche Kultur, Daß im Staatenbund dem Deutschen Reiche Jene Stelle ward, die ihm gebührt, Daß nicht ungestraft die deutsche Eiche Feindestück' und Feindesneid berührt. Denn er ist ein Gott des Zorns, im Grimme Richtet streng er der Vernichter Schuld, Doch ein Vater, der mit güt'ger Stimme Liebe uns verheißt und ew'ge Huld. Laßt zu ihm uns heut die Hände heben Im Gebet, wie nie eins auswärts stieg, Nicht um Einzelglück und Einzelleben: Für des Vaterlands gerechten Sieg! jfrjrdenshoffnung. (Rosch-Hafchono 1915.) 112 ine Todessichel ließt du schwingen. Altes, nun verrauschtes ehernes Jahr! Heil'ge Opfer mußten wir dir bringen; Grausam nahmst du, was uns teuer war. Hast du stolzen Sieg uns auch gegeben. War doch jeder Sieg ein Schwert fürs Herz, Daß der Seele freudiges Erheben Jäh verstummte vor dem Leid und Schmerz. Unser Auge sucht nun in den Fernen Nach dem Frieden über lichten Sternen. Alles Flehen, alles Hoffen, Sehnen Rang zum Himmelsthrone sich empor. Doch nur tiefer floß der Strom der Tränen, Und verschlossen blieb der Gnade Tor. Komme, neues Jahr, es zu erschließen; Bau' uns neu des Friedens hehres Zelt; Laß den Born der Freude wieder fließen; Nimm hinweg den Hader dieser Welt, Daß die Völker alle hier auf Erden, Durch die Lieb' versöhnet, Brüder werden.

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