Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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442 - In, in, ich danke euch allen für eure Teilnahme, aber helfen kann mir keiner. Doch, einer kann es. Ob er cs tut? Ob er es mm endlich, endlich bald tut? Den.1914. Der zweite Tag vorüber. Man ist wie zerschlagen von allem Lächeln und Hinausbegleiten und heimlichem Getadeltwerden. Ich muß sehr häßlich aussehen, daß Mama solch gereizten Ton zu mir annimmt. Erna braucht natürlich nichts weiter zu trm, als im Arme ihres Amtsrichters lächelnd für die Glückwünsche zu danken und sich die Blumen und Geschenke zu beschauen. Sie fließen diesmal spärlicher. Die jüdischen Bekannten haben sich etwas zurückhaltender gezeigt, und die anderen schenken bescheidener. Heute waren Geheimrats erst offiziell da — gestern kam Frau Geheimrat allein, ihre liebe Pastorin zu begrüßen und zu beglückwünschen. Mich erfaßte auf einmal mitten im großen Empfang so ein Ekel vor all dem, was um mich war, daß ich mir eine Minute leistete, anszureißen und mich in die Garderobe zu verkriechen. Einmal vom Herzen heraus verstimmt aufstöhnen, einmal so ein verdrießliches Gesicht machen, wie es der inneren Verdrießlichkeit entspricht, das ist schon Wohltat. Durch den Türspalt hörte ich, wie Knalls sich verabschiedend im Korridor noch ein Weilchen mit dem Brautpaar, das ihnen umschlungen gefolgt war, plauderten. Die Frau Geheimrat war sehr herzlich zu Erna, küßte sie auf die Stirn und drückte sie an sich. Sie hat, glaube ich, den Sohn ihrer Freundin besonders gern, und ich sah, wie er befriedigt lächelnd auf diese Zärtlichkeit niederschaute. „Nicht war, Kindchen, Sie treten doch über?" Habe ich recht gehört? Zwischen Tür und Angel, zwischen zweien, die nie ein vertrauliches oder auch nur ein gemütliches Wort miteinander gewechselt haben, wird diese heikelste aller Fragen berührt? Und schon höre ich Ernas treuherzige Antwort: „Ach ja. Ich möchte doch mit meinem Zukünftigen zu einein und demselben Gott beten." Daß ich nicht lache! Daß ich nicht laut und höhnisch auflache! „Mit meinem Zukünftigen zu einem und demselben Gotte beten." Ganz gewiß, Erna stellt sich vor Christen dümmer als sie ist. Schon dieser ausdruckslos einfältige Tonfall ist gemacht. Sie kann witzig sein und von raschem, scharfem Geist. Aber sie will keine eigene Note, auch im Wesen keinen hervorstechenden Zug haben, man könnte — auch geistig — „jüdisch anssehen". Und jetzt wieder die Frau Geheimrat gerührt, innig: „Ja, das dachte ich mir auch so. (Diesmal ein noch zärtlicherer Kuß auf die Stirn.) Sie haben ja eigentlich schon immer zu uns gehört." Mit all meinem Ekel im Herzen mußte ich wieder hinein ins Zimmer. Mama hatte mich schon vermißt. Zwischen einem süßen Lächeln zu einem Gast und einem freundlichen Scherz zu ihrem Schwiegersohn hin warf sie mir einen bösen Blick zu. Ich war todmüde, als ich endlich in unser Zimmer kam, beinahe zu müde, inein Haar noch auszukämmen. Aber ich tat cs doch. Josua hat doch mein Haar gern, und nun denke ich mir immer aus, wenn mich der schwarze dichte Mantel umfließt, wie es ihm wohl gefallen würde, wenn er mich einmal so sähe. „Ich ärgere mich." Das kam aus Margotles Bett her. Ich denke, das Kind schläft schon und fahre erschreckt herum. „So? Warum denn?" „Daß ich kein Alaun bin." „Was möchtest du denn tun, wenn du ein Mann wärst?" „Dich heiraten." Ich springe auf. Das war die erste freundliche Minute, die mir der Tag schenkte. Ich werfe mich über Margotles Bett. „Den Berlvbungskuß kriegst du auch so, Schatz," sage ich und küsse das geliebte Kerlchen. Und da wird sie frech. Sie hat auch den ganzen Tag nur artig sein und sich herumschupsen lassen müssen; da erwacht die lang zurückgedämmte Ausgelassenheit — sie packt mich bei meinen langen Haaren, und wir balgen uns, balgen uns wie zwei regelrechte Straßenjungen. Sie ist mir über trotz meiner längeren Glieder. Bei ihr ist es noch nicht so lange her, als sie diese Wissenschaft praktisch übte. Ganz außer Atem komme ich vorm Spiegel wieder an. Nun kann ich mir mein verwirrtes Haar noch mal bürsten. Im Tone eines vertrotzten Kindes sage ich: „Das lasse ich mir nicht gefallen. Das sag' ich meiner Mama." Und sie aus dem Bett her: „Ich mir auch nicht. Ich sage es Herrn Djaloszinski." Die Hand mit dem Kamm bleibt mir auf halbem Wege starr in der Luft, ich drehe mich um: „Wieso gerade dem?" Und das Kind ganz trocken: „Dumme, denkst du vielleicht, ich weih nicht, daß du den gern hast?" Und da bin ich wieder auf ihrem Bett, da ist mein Gesicht an ihrem Hals, und ich weine, weine unaufhaltsam und heftig. An ihren kurzen, unregelmäßigen Atemstößen höre ich, daß sie auch weint. Sonst rührt sie sich nicht, sie gönnt mir die Wohltat, mich auszuweinen. Ich hatte immer ein liebes, liebes Schwesterchen, nun habe ich eine Freundin. Den.1914. Ich muß mich in acht nehmen, daß ich nicht die Schwere meines Empfindens auf das Kind lege. „Sie hat auch schon geliebt, dreimal sogar. Aber sie hat das alles hinter sich. Jetzt liebt sie nur noch mich und Frärrlein Oberlehrerin Botmar, ein ganz klein bißchen auch den Kandidaten, der Ostern zugekvmmen ist. Bloß, der ziert sich so." Ich möchte ihr Seelchen noch so frei und unbeschwert hin und her schwirven lassen, damit es nicht durch das trübe Beispiel der Schwesternseele frühzeitig flügellahm und müde werde. Den.1914. Vielleicht ertrüge ich alles, auch meine Pflichten, die keine richtigen sind, besser, wenn ich nicht den Sonnabendspaziergang mit Josua hätte versäumen müssen. Wenn ich den nicht habe, habe ich nichts mehr auf der Welt. Freilich, ich habe das gute, kleine Schwesterchen, für das ich sorgen und das ich behüten muß, aber nur die ältere Schwester einer kleineren zu sein, dazu bin ich noch nicht alt, noch nicht wunschlos genug. Mein Zuhause ertrage ich schlechter als je. Die alten Pastors sind liebe Leute und doch — ich fühle mich so fremd, so überflüssig im Familienkreis, daß ich manchmal fortfliegen möchte. Mama wünscht sich innerlich sehnlichst, daß die Schwiegereltern wieder abreisen. Es ist ihr ein großer Zwang und eine große Last. Dabei finde ich, die Pastorin macht ihr die Gastfreundschaft sehr leicht. Es ist nicht zu leugnen, Mama imponiert der bescheidenen, etwas kleinbürgerlichen Frau. Ich bin überzeugt, Friedrich hat seine Eltern bitter enttäuscht und schwer herumbekommen, als er ihnen mit seinem Plan, eine Jüdin zu nehmen, kam. Nun aber, wo es geschehen ist, sind sie in ihrer Herzensgüte versöhnt, und der Pastormama erscheint bei uns alles riesig reich und großartig und hochinteressant. Auch meine Mama. Sie sieht sie wie ein Wunder an in ihrer weltgewandten, eleganten Art. Mama dagegen sagt von der Pastorin nicht anders als „die alte Muttel". Unglaublich aber auch, daß die beiden Frauen so ziemlich in einem Alter sind, das verhutzelte, zusammen-