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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-08 · Heft 37 (8.9.1915) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 37 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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441 und Gemetzel unter Assistenz der Gouverneure und Generale, in den wenigen Tagen unmittelbar nach der Verkündung des kaiserlichen Verfassungsmanisestes vollbracht haben. Es war eine amtliche Veranstaltung; die Flugblätter und Aufrufe zu den verruchten Taten waren in den Reichsdruckereien hergestellt. In vielen Städten waren Juden und intellektuelle Christen in Festeskleidung versammelt, eine friedliche Kundgebung anläßlich des kaiserlichen Versprechens einer Verfassung zu veranstalten, da feuerte das Militär aus einem Hinterhalt auf die Festversammlung. Die Bilanz der mörderischen Oktoberpogrome und Metzeleien ergibt etwa 725. Bei diesen wurden 1000 Juden getötet, 8000 verwundet oder auf lebenslang zu Krüppeln geschlagen; dann der imense materielle Verlust: 201 000 Juden waren um 63 OOO 000 Rubel geschädigt worden, und das war der unmittelbare Verlust — viel größer und dauernder war der mittelbare. 300 000 Juden verließen dieses Land des Fluches; die Einwohnerschaft von Odessa, wo die Wut am schrecklichsten war, nahm in einem Jahr um 67 000 Seelen ab; die Ein- und Ausfuhr in dieser großen Handelsmetropole von 178 Millionen Rubel im Jahre 1902 sank 1906, dem Jahre nach dem Oktoberpogrom, auf 121 Millionen, zum empfindlichen Schaden des russischen Reiches selbsU). Blutige Pogrome gegen Juden wiederholten sich noch äußerst grausam im Jahre 1906 in mehreren Städten, so auch wiederum in Homel, Bialystok und Siedler. In dieser Stadt war die jüdische Bevölkerung das Opfer nicht von geworbenen Mördern, sondern eines regelrecht vorbereiteten Angriffs von seiten der regulären Truppen. Ein heftiger Schauder der Entrüstung ergriff Europa und die Vereinigten Staaten, als man die ganze Größe des Unheils, die ganze verbrecherische Schwere des Unternehmens erkannte. Die russische Regierung aber erreichte ihren Zweck, die Wogen der Freiheitsbewegung wurden stark gedämpft, die Reaktion triumphierte. Allerdings, eigentliche Pogrome sind nicht mehr veranstaltet worden; der Generälgouverneur von Kiew, Suchomlinow, teilte seinen Untergebenen mit, Judenkrawalle könnten nicht mehr geduldet werden, weil sie für die allgemeine Politik sehr schädlich seien. Das heillose System der Verfolgung und der Maßregelung aber wurde um so strenger betrieben. (Schluß folgt.) Der lange Nock. Roman von Anna Goldschmidt. (18. Fortsetzung.) Den.1914. 3osua hat mir das Wort mit dem „Geschäft" übelgenommen. Ich habe Dr. Barth unrecht getan, habe überhaupt der ganzen Partei unrecht getan. Es gibt keine Partei, die sich nicht freut, wenn ihr aus dem taktischen Fehler eines Gegners Vorteile erwachsen. Wenn ich'nicht so heillos wenig von Politik verstünde, würde ich das aus allen politischen Versammlungen her wissen. Gut, ich gebe es zu. Ich verstehe die Politik nicht und werde sie auch wohl nie verstehen lernen. Ich werde nie begreifen, daß die heiligsten Ueberzeugungen, die wärmsten und echtesten Gefühle, für die du, mein Jvsua, dich doch stündlich opfern würdest, zu kühlem Rechenexempel werden, wenn die Politik es h Philippson a. a. O. S. 225 und 259. Ferner Einzelheiten im Jahresbericht der „Alliance" 1995. so erheischt. Sie ist wohl wirklich nichts für einen Frauenkopf und ein Frauenherz. Den.1914. Ich mnß so benommen sein von all dem, tvas mich beschäftigt, daß ich nicht höre und sehe. Wie hätte mir sonst Ernas Verlobung so überraschend kommen können! Ich kenne doch die Schwester so genau. An ihrem siegessicheren, beinahe herablassenden Wesen zu Margot und mir hätte ich doch den Gang der Ereignisse voraussehen müssen. Nun ist der große Empfangstag schon vorüber, nur die lieben Pastorslente, Ernas Schwiegereltern, sind noch da (zu Mamas innerer Verzweiflung). Ueberhaupt, Mama ist mir ein Rätsel. Ihr lebelang hat sie sich bei den Christen angeschmeichelt, nun hat sie das Glück, sich mit Pastorsleuten zu verschwägern, hat einen Schwiegersohn, der ebensogut Geheimrat Knolls Schwiegernefse hätte werden können, und ganz so innerlich froh, so aus innerstem Herzen zufrieden — ich sehe ihr das ja so an —, wie bei meiner Verlobung damals ist sie doch nicht. Merkwürdig, die Schwiegersöhne nimmt sie doch lieber aus den Reihen der Juden, sie hat scheinbar mehr Vertrauen zu den jüdischen Ehemännern. Wir hatten schrecklich viel zu tun die Tage vor dem Empfangstag. Vielleicht wäre es gar nicht so viel gewesen, wenn Mama nicht so übernervös wäre. Sowie mal etwas Außergewöhnliches im Haushalt vorgeht, ist sie ganz aus dem Häuschen. Und da sie sich vor den beiden Mädchen nicht so gehen lassen kann — es ist kurz vor dem 15. —, kriegen wir Töchter, das heißt Margot und ich, alles. Papa hält sich so viel wie möglich fern, Margotle hat auch das Glück, den größten Teil des Tages nicht daheim zu sein — ich bin die Bevorzugte. Ich hätte nicht schreiben können all die Tage, so müde, so zermürbt war ich von dem fortwährenden Gehetzt- und Getadeltwerden. Mama hat gar keine Ahnung, wieviel sie einen beleidigt, wenn sie in dieser Laune ist. Am Empsangstag selbst war sie wieder die entzückend liebenswürdige Wirtin. Diesmal kam Frau Geheimrat Knoll nicht kurz nach elf, und sie blieb sehr lange da. Sie saß mit Ernas Schwiegermutter Hand in Hand. Sie sind Pensionsfreundinnen. Ueberhaupt hatten wir sehr viel christliche Gäste, und Mama hatte ein gelasseneres Wesen als sonst gegen sie, sicherer und nicht gar so übereifrig liebenswürdig. Ja, ich fand, Mama beschäftigte sich beinahe noch eifriger mit dem alten Fräulein Lesser als mit der Frau Geheimrat, die sich ja auch sehr viel mit der Pastorin zu erzählen hatte. Fräulein Lessers Gesicht strahlte süßsäuerlich. Ich bin so unfreundlich zu ihr, wie ich nur kann. Ich kriege immer eine Wut, wenn ich sehe, wie diese simple Person meine weltgewandte Mama übertölpelt und durch ein paar Komplimente über mich, die sie ihrem nichtsahnenden Unausstehlikus von Bruder in den Mund legt, sich Mamas Aufmerksamkeiten sichert. Sonst haben wir Pferdehändler Lessers nie angeguckt. Mir wird die Unfreundlichkeit nicht sauer. Das Gegenteil ist mir viel mehr wider die Natur. Sag einer, was er will, steh einer noch so weit über den Eitelkeiten der Welt oder abseits von ihnen, es ist hart für eine ältere Schwester, wenn sich die jüngere eher verlobt. Man kommt sich auf einmal um eine ganze Generation gealtert, so ganz ins alte Register geschoben, vor. Und nun gar noch die Beileidsbezeugungen und Trostworte der lieben Freunde. „Fräulein Edith, auf glückliche Nachfolge!" Anders stößt keiner mit mir an. Oder: „Das nächste Mal kommen wir nun zu Ihnen zum Gratulieren," oder gar die dumme Frage von Leuten, die uns haben aufwachsen sehen: „Welche von Ihnen beiden ist denn eigentlich die Aeltere? Was? Sie? Ach was! - Sie sehen wirklich beide noch so furchtbar jung aus, daß man nicht weiß, welche die Jüngere ist."

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