Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
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als Auflehnung und revolutionäre Versuche qualifizierte. So wurden die Juden schutzlos den Plünderern preisgegeben. Tie sich geltend machende Verurteilung der russischen Greuel in der gesamten Kulturwelt, noch mehr das Bedürfnis Rußlands, Kredite von der europäischen Finanzwelt für den japanischen Krieg zu erlangen, zwangen die Negierung, allerdings äußerlich, die Wiederholung der blutigen Exzesse gegen die Juden zu verhindern. Pogrome, die im stillen systematisch vorbereitet waren (so z. B. zu Ostern 1904 in Odessa), sind in letzter Stunde doch unterblieben. Es lag nicht in der Einstellung des Haders der rechte Wille, das verderbliche System vollkommen aufzuheben, sondern das ministerielle Zirkular an sämtliche Regierungsorgane weist an: in der schweren Kriegszeit alles zu vermeiden, was den regelmäßigen Gang des inneren Lebens stören und die Unzufriedenheit der Bevölkerung erregen könnte, sowie arge Verfolgung der Juden „zeitweilig bis zur Wiederherstellung des Friedens" zu inhibieren. Trotzdem wurde der von der Regierungsmacht notgedrungen zur Schau getragene „Burgfrieden" nicht gewahrt. Im Laufe des Sommers 1904 fanden weitere Pogrome statt in Smela, Rowno, Sosnowice und in kleineren Plätzen, welche die jüdischen Bürger an Gut und Blut schwer geschädigt haben, und an welchen die Regierungsorgane weiterhin passive Haltung einnahmen. Die russischen Juden hatten trotzdem während des japanischen Krieges hinreichende Beweise ihrer Vaterlandsliebe und ihres patriotischen Opfermutes gegeben Tatsachen, die einen um so schöneren Charakter tragen und ethisch um so höher zu bewerten sind, je stiefmütterlicher die Staatsgewalt sich ihnen gegenüber zeigte. Die Juden standen in der mandschurischen Armee in doppeltem Verhältnis zu ihrer Anzahl, und ihre Heldentaten wurden anerkannt. Von den Reserveärzten, die zum Heere geschickt wurden, waren sogar 9/io Juden, deren Tätigkeit von dem Kriegsminister in rühmendster Weise amtlich beurteilt lvurde. Die Verwundeten aber, die nach der Heimat transportiert wurden, warf man aus den Lazaretten aller derjenigen Orte hinaus, wo die Juden keinen gesetzlichen Wohnsitz hatten! So lohnte die russische Regierung den todesmutigen jüdischen Kämpfern I. IX. Schon während des Russisch-Japanischen Krieges (1904 bis 1905) hatten die Juden nicht nur unter dem Jammer der wirtschaftlichen Krise zu leiden, der Begleiterscheinung jedes großen Krieges, sondern die Unglückssälle der russischen Heere in der fernen Mandschurei bewirkten in den ärmlichen Ghettos des "Niederlassungsbezirks einen unmittelbaren Gegenschlag. Bald war es eine zur Abreise nach dem Kriegsschauplatz beorderte Reservistengruppe, die sich für die kommenden Niederlagen durch gefahrlose Beutezüge in die Judenviertel schadlos hielt; bald waren es gewissenlose Agitatoren, die offen die Juden verleumdeten, die Agenten Japans zu sein und Rußland zu verraten, die unter wohlwollender Duldung oder sogar unter Mitschuld der Behörden förmliche Plünderungen in genau umgrenzten Bezirken veranstalteten, Mord und Totschlag und alle Greuel verübten. So kam es an den Osterfeiertagen 1905 31t ernstlichen Pogromen in Bialystok, Kischinew, Simferopol, Dussialy, Melitopol. In Schitomir begnügte man sich nicht mit der Plünderung der jüdischen Häuser und Läden, man begann eine förmliche Schlächterei in den Straßen. Mordszenen kamen in Siedlec im Mai, in Lodz und Brest-Litowsk im Juni, in Kertsch und Krementschug im August und wiederum in Kischinew im September vor. Doch das waren nur die blutigen Vorspiele eines grauenhaften Massenmordens. st Philippson n. a. O. III. 3. 193 bis 194. Im September machte der Vertrag von PortsmouU Nerrk^ unpopulären Krieg ein Ende. Der unglücklich beendete Krieg hatte so viel Zündstoff in der inneren Politik Rußlands angehüuft, so zahllose Verbrechen in der ganzen russischen Verwaltung ans Licht gebracht, daß sich eine mächtige Freiheitsbewegung gegen das tyrannische wie unfähige Regime geltend machte. Das Volk verlangte das Ende des Bureaukratismus,' der das Land erdrückte; es forderte eine ehrliche und aufgeklärte Regierung, die die Wiederkehr ähnlicher Katastrophen und ähnlicher Schmach verhüten sollte. Man fühlte die ganze Verantwortlichkeit des alten Regierungssystems, das durch den unklilgen und unmenschlichen Druck, den es auf gewisse Teile Rußlands geübt, die Unglücksfälle hervorgerusen hatte. Notgedrungen schien die überraschte bestürzte Regierung den Wünschen der öffentlichen Meinung nachgeben zu wollen. Am 17./30. Oktober erschien ein kaiserliches Manifest, worin Nikolaus II. seinem Volke kundgibt, er hätte den verschiedenen Behörden anbesohlen, die notwendigen Maßregeln zur Verhinderung der Unordnung und jeder Gewalttätigkeit zum Schutz der friedlichen Untertanen zu ergreifen. Der Zar legt der Regierung die Pflicht auf, seinen „unbeugsamen" Willen zu erfüllen: „Der Bevölkerung soll als unerschütterliche Grundlage der auf tatsächlicher Unverletzlichkeit der Person beruhenden bürgerlichen Freiheit Gewissens-, Versammlungs¬ und Vereinsfreiheit gegeben werden." Des Zaren erster Minister, Graf Witte, erläutert in seinem dem Reskript anhängenden Bericht wie folgt: „Die Fragen, um die es sich handelt, betreffen die Gleichheit aller Russen ohne Unterschied der Bekenntnisse und der Nationalitäten vor dem Gesetz und die Feststellung gesetzgeberischer Formen, die die Wohltaten der bürgerlichen Freiheit zu gewährleisten bestimmt sind." Der Minister erklärt ferner, daß die Tätigkeit der Macht sich nach folgenden Prinzipien richten muß: „Geradheit und Aufrichtigkeit in der Befestigung und Sicherung der bürgerlichen Freiheit. Streben nach Beseitigung der Ausnahmegesetze und Uebereinstimmung in den Handlungen aller Regierungsorgane." Dieses „konstitutionelle" Manifest, diese großzügigen schönen Worte erwiesen sich sofort trügerisch, als eine arge Irreführung. Während dieses wichtigtuende Dokument „Gewissensfreiheit, Gleichheit aller Russen ohne Unterschied der Bekenntnisse" verkündet, ist die Behandlung und Lösung der Judenfrage der künftigen Duma überlassen worden, und zugleich mit der Proklamation dieser kaiserlichen Kundgebung, die eine Versöhnungssprache zur Schau führte, ist in der Tat ein furchtbarer Gegenschlag verübt worden. Für den Tag nach der Veröffentlichung des Manifestes vom 17./30. Oktober verbreitete sich im geheimen die von den höchsten Stellen aüsgegangene Parole: die Revolution im Blute der Juden zu ersticken. Zar und Regierung hatten innerlich heillose Furcht vor den selbst ausgesprochenen Reformen und ersannen, um die Unzufriedenheit und Verzweiflung der Bevölkerung billig abzuleiten, einen Ablenkungsangriff auf die Juden zu inszenieren. In großen Städten wie Odessa und Kiew läßt sich jederzeit ein Haufen von Taugenichtsen und Banditen finden, die bereit sind, einen schlechten Streich zu unternehmen und in der Aussicht aus Belohnung oder Beute über die Juden herzusallen. In kleinen Städten organisierte die Polizei auf einen Wink von oben zahlreiche Banden von Dieben, Mördern, von ungefähr aus Schlupfwinkeln und Gefängnissen Entsprungenen, steckte sie mitten unter verkleidete Polizisten und warf sie gleichzeitig oder nach der Reihe auf die von Juden bewohnten Städte und Dörfer. Die Anregung gaben die weit verbreiteten unb verzweigten reaktionären Verbände „Echt russische Leute" und die „Schwarzen Hundert", deren Mitglieder, die Holigans, das teuflische Werk der Pogrome