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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-08 · Heft 37 (8.9.1915) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 37 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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ftn, wie sie es nur «dem Dichter tut." Der Verkehr Heines mit der genannten Fanny Hensel geb. Mendelssohn hörte damit nicht auf; als Fanny mit ihrem Gatten in Paris war, 1835, werden sie Heine wohl gesprochen haben, und als sie von dort nach Boulogne gingen, waren sie sicher mit ihm zusammen. (Vergleiche die ganz amüsante Heine-Anekdote in dem Buche: Die Familie Mendelssohn Band I, Seite 362 s. die oben angezvgene Stelle daselbst Band I, Seite 197.) Heine hat gewiß den jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy bei seinem Berliner Aufenthalte gesehen und durch die Schwester über den Bruder gehört. Trotzdem sagt er in seinen bisher bekannten Briefen nichts von ihm, auch kein Wort von der Familie, denn der in den Briefen (vgl. das Register in der Ausgabe von K arpeles) mehrfach erwähnte Joseph Mendelssohn hat mit der berühmten Familie nichts zu tun, ist vielmehr ein obskurer Schriftsteller aus Leipzig oder Hamburg, der als Heines Werkzeug in manchen deutschen Journalen für ihn das Wort ergriff. Als nun Heine im Jahre 1844 über Pariser Musik in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" zu reden kam, sprach er sich ausführlich über Mendelssohn und über Liszt, und zwar über beide in heftiger Erregung und grimmer Feindschaft aus. Kolb, der Redakteur der „Allgemeinen Zeitung" wollte die Artikel nicht so drucken lassen, wie sie geschrieben waren, und verlangte namentlich für Mendelssohn Schonung. Diese zu geivähren, erklärte sich Heine bereit, obgleich er an manchen Stellen seiner Schriften schon etwas heftig gesprochen hatte. Wenn man daher den Abschnitt über Mendelssohn in der Lutetia (vgl. z. B. die schöne Walzelsche Ausgabe Bd. 9, S. 400 s.) liest, so merkt man eigentlich keine große Feindseligkeit: „Welch ein ordentlicher moderner Mensch ist dagegen unser Felix Mendelssohn-Bartholdy, der hochgefeierte Landsinann, den wir heute zunächst wegen der Symphonie erwähnen, die im Konzertsaal des Conservatoire von ihm gegeben worden. Dem tätigen Eifer seiner Freunde und Gönner verdanken wir diesen Genuß. Obgleich diese Symphonie Mendelssohns im Conservatoire sehr frostig ausgenommen wurde, verdient sie dennoch die Anerkennung aller wahrhaft Kunstverständigen. Sie ist von echter Schönheit und gehört zu Mendelssohns besten Arbeiten. Wie aber kommt es, daß dem so verdienten und hochbegabten Künstler seit der Aufführung des Paulus, den man dem hiesigen Publikum auserlegte, dennoch kein Lorbeerkranz auf französischem Boden hervorblühen will? Wie kommt es, daß hier alle Bemühungen scheitern und daß das letzte Verzweiflungsmittel des Odeontheater: die Aufführung der Chöre zu Antigone ebenfalls nur ein klägliches Resultat hervorbrachte? Mendelssohn bietet uns immer Gelegenheit, über die höchsten Probleme der Aesthetik nachzudenken. Namentlich werden wir bei ihm iinmer an die große Frage erinnert: »vas ist der Unterschied zivischen Kunst und Lüge. Wir bewundern bei diesem Meister zumeist sein großes Talent für Form, für Stilistik, seine Begabnis, sich das Außerordentliche anzueignen, seine reizendschöne Faktur, sein feines Eidechsenohr, seine zarten Fühlhörner und seine ernsthafte, ich möchte fast sagen, passionierte Indifferenz." Darauf folgt dann ein Vergleich Mendelssohns mit Tieck, worin der Satz vorkommt: „Dem begabteren Mendelssohn würde es schon eher gelingen, etwas ewig Bleibendes zu schaffen, aber nicht auf dem Boden, wo zunächst Wahrheit und Leidenschaft verlangt wird, nämlich aus der Bühne." Der letztere Satz enthält eine wahre Prophezeiung. Mendelssohn hat in der Tat kein bleibendes Bühncnwerk geschaffen. Sonst aber enthält die Ausführung, abgesehen von vielen Phrasen, die nicht immer einen rechten Sinn besitzen, weit mehr eine Wendung gegen die Lauheit des Pariser Publikums und gegen die vergeblichen Bemühungen der Parteigänger des Komponisten als gegen diesen selbst. Ganz anders lautet es im Original. Der oben erwähnte Vergleich mit Tieck ist geblieben, aber sonst ist die Polemik gegen die Beförderer Mendelssohns und gegen sein Talent unendlich viel schärfer als in der blassen Fassung des gedruckten Textes. Um davon einen Begriff zu machen, seien folgende Sätze des Originals wiedergegeben. „Welch ein ordentlicher, moderner, königlich preußischer Mensch ist dagegen unser Felix Mendelssohn Bartholdi, unser hochgefeyerter Landsmann, den wir hier zunächst besprechen müssen. Wir haben der Aufführung seiner Symphonie im Conservatoire-de-Musik leider nicht beywohnen können. Sie erfreute sich des ausgezeichnetsten Fiaskos, wie alle Werke dieses Meisters ihn zu Paris eingeärndtet haben. Der Durchfall seines Paulus blüht uns noch frisch im Gedächtniß und wir haben zuweilen ernsthaft darüber nachgedacht warum dieses Prachtwerk geistlicher Musik, das in Dland so viel Begeisterung erregt, dennoch in Frankreich nur Gähnen u Achselzucken hervorbringt. Haben die Franzosen vielleicht weniger Sinn für das Religiöse und finden die frommen Melodien keinen Eingang in die stählernen Herzen des Unglaubens? Ich weiß nicht. Vielleicht liegt auch vieles in dem zufälligen Umstand, daß mit den hiesigen Conzertsälen, nicht wie in Deutschland, ein Büffet in Verbindung steht, wo man während den Pausen sich erfrischen kann durch Punsch, Bischof, Cardinal und sonstige geistliche Getränke, welche die Stimmung für Kirchen musik unterhalten, wo nicht gar steigern. Es wird noch eine geraume Zeit verfließen ehe man hier der Mendelssohnschen Musik Geschmack abgewinnen möchte Unterdessen aber lassen sich die Beförderer derselben nicht abschrecken. So wird jetzt der Versuch gemacht die Musikstücke welche den berlinisirten Sophokles begleiteten, auch dem hiesigen Publiko vorzusühren und wie man mir erzählt hat der Bankier Leo, vieljähriger Agent des Mendelssohnschen Hauses und ein sehr feiner, nach Bildung strebender Mann, in seinem Hause jene Musikstücke exekutiren lassen; der Umstand daß di: geladene Zuhörerschaft zumeist aus Angehörigen von mosaischem Bekenntnisse bestand, wirkte jedoch nicht vorteilhaft, de einige derselben entdeckt haben wollten als habe der Componis; an den althebräischen Melodien der sogenannten Kinnes, der Klaglieder ob der Zerstörung Jerusalems, hie u da ein Plagia begangen. Wie weit dieser Vorwurf begründet sehn mag, können wir nicht ermessen; er ist übrigens nicht neu in der Ge schichte der Musik, schon Marcello hat ihn erdulden müssen, v namentlich feine Psalmen sollen mit den alten Synagogen gesängen eine auffallende Aehnlichkeit bieten. Es ist immerhin möglich, daß Mendelssohn, der gelehrte Nachahmer Marcellos, nur diesem Vorbilde etwas zu ent lehnen glaubte und also ganz unschuldiger Weise einen Haus diebstahl beging." Was ist nun aber, so wird man fragen, der Grund des Aus tretens gegen Mendelssohn? Ein musikalischer Gegensatz ha nicht existiert, denn Heine besaß kein so gründliches Musik Verständnis, um gegen Mendelssohn eingenommen zu sein Auch eine persönliche Feindschaft kann man nicht annehmen es muß daher eine andere Ursache zu diesem heftigen Auftretei angenommen werden, und hier kommt man auf einen merk würdigen psychologischen Umstand. Heine hatte sich in seine Jugend, während seiner Universitätsjahre taufen lassen. Men delssohn ist gleich nach seiner Geburt durch seine Eltern den Christentum zugeführt worden. Trotz seiner Taufe rechne sich Heine zu den Juden und verlangt, vielleicht nicht ganz mi Recht, von Mendelssohn, daß er ein gleiches tun solle. Diese; war nun aber Christ aus wirklicher Ueberzeugung und gal mehrfach Zeugnis von dieser seiner religiösen Ansicht. Danahm ihm Heine sehr übel. Schon in seiner Dichtung: Deutsch land, ein Wintermärchen, kommt darüber eine merkwürdig; Stelle vor. In der von Heine fingierten Unterredung des

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