Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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437 iiier bekam Zutritt. Da drang plötzlich ein verzweifelter Schrei ur Wagenfenster hinaus und das verstörte Gesicht einer jüngeren rau wurde sichtbar, die händeringend bat, ihr ihr sterbendes Kind izunehmen. Jetzt war ein paar jüdischen Studenten aus Minsk r Geduldfaden gerissen und sie drangen durch die Soldatemnauer. in hartes Ringen begann, es wurden Schüsse gewechselt, so daß einige .-r Jünglinge zu Boden fielen, während es anderen gelang, sich auf ls Wagenbrett zu schwingen und das kranke Kind, einen im Hocheber glühenden achtjährigen Jungen, aus der Hand der verzweifelten iutter zu nehmen. Rasch wurde das kranke Kind in Betten und i'lcher gehüllt und zum jüdischen Spital gebracht. Aber schon war :v% Vorgang von der Wache bemerkt worden, und es begann eine ilde Jagd der. berittenen Kosaken durch die Straßen von Minsk ich dem sterbenden Kinde. Bald waren die „Verbrecher" erreicht id das Kind wieder in den Wagen geworfen. Die Studenten wurden utig geschlagen und in Haft genommen. Noch schlimmer als in Kowno erging es den Juden in den Kleinidtchen und Dörfern, die oft sehr weit von der Bahn entfernt sind, ü Sereduik, auf dem rechten Njemenufer, in der Mitte zwischen owno und Jurburg, wohnten etwa 20 jüdische Familien. Als die eutschen das Städtchen besetzten, zeigte sich kein einziger Jude auf r Straße. Als noch am gleichen Abend die Russen wiiederkmnen, ar ihr erstes, sämtliche Juden, die in ihren Kellerverstecken von r Wendung der Dinge noch nichts wußten, auf dem Markte zulnmenzutreiben und sie grausam mit Nagaika und Kolben zu bedecken. Dann wurden die 19 anwesenden Männer in Reih und lieb aufgestellt, und es wurde bekanntgegeben, daß sie alle erschossen ürden. Mehrere Stunden standen die Delinquenten vor den Geehrläufen der Soldaten, die des Konnnandos zum Abseuern harrten, rauen und Kinder standen dabei und mußten die Todesangst der äckiner und Väter uriterleben. Im letzten Augenblick erklärte der fsizier, daß er von einer Füsilierung vorläufig ab sehe, sie sollten 'er alle einen „Laufmarsch" nach dem zwölf Werst entfernten Städten Armenischki antreten. Das verzweifelte Lausen der Geängstigten ganu, hinter ihnen die Kosaken zu Pferde. Die Alten und Schwachen ßten sich bei den Händen und liefen weiter. Atemlos, mit Schweiß :ib Blut bedeckt in Armenischki angelangt, wurden sie in einen rller gesperrt, in dem drei Personen erstickten oder ihren Wunden lagen. Tags darauf wurden sie in der gleichen Weise wieder nach erednik getrieben. Auf diesem Marsche fiel der 60jährige Wundarzt aplan und stand nicht mehr auf. Den Schluß bildete die Erschießung s 19jährigen Melnik und eines angesehenen Juden aus dem Städten, namens Schamauski. Zwölf Tage lang lagen hier Frauen und inder im Walde versteckt, wo sie sich förmliche Schützengräben auseben, um sich vor den Kosaken zu verbergen. * Heber die schon erwähnte Nachricht, daß der sogenannte n s i e d l u n g s r a y o n aufgehoben und den Juden die Erubnis erteilt sei, überall zu wohnen, äußert sich die „Köln, eitg.": Die I u d e lt f r a g e i n R it ß l a n d. Wie gemeldet, hat der Zar genehmigt, daß die Einschränkungen, e für die Juden bei der Wahl ihres Wohnsitzes bisher galten, bis i einem gewissen Maße aufgehoben werben. Diese Maßnahme findet Rußland keine allgemeine Zustimmung, wie sich aus folgender Meldung der „Times" aus Petersburg unterm 24. August ergibt, e noch vor der Bekanntgabe der kaiserlichen Entschließung nach mdoir telegraphiert wurde. Die Meldung, heißt es darin, daß die issische Negierung beschlossen habe, die Beschränkungen für die Juden üznheben, wird als verfrüht erklärt. Eine ungeheure Anzahl galischer und polnischer Juden ist zwangsweise nach den Provinzen s Innern gebracht worden. Infolgedessen erschien es notwendig, in rem Interesse die Wohlyätzbeschränkungen aufzuheben. Einige einißreiche Mitglieder des Ministerrats haben, wie berichtet wird, -e lieberzeugirng geäußert, daß der Fortbestand der Wohnsitzbeschränngen verkehrt und unnötig sei, und daß durch diese Beschränkungen an che Fabriken von Schießvorrat, die ans den den Juden offenen ebieten ins Innere verlegt worden seien, wenn nicht lahmgelegt, ' doch behindert würden. Da die neue Maßregel von solchen Eräglmgen ausgeht, daß die Aushebung übrigens nur zeitweilig ist, abeu die Inden in Rußland einstweilen nur wenig Erleichterung zu aoarten. Dagegen läßt sich die Wiener „Zeit" folgendermaßen vernehmen: Die „Rjetsch" meldet: Das Gerücht, wonach der Ausenthaltszwang für die Inder: aufgehoben sei, bewahrheitet sich keineswegs. Den flüchtigen Juden wurde zwar der Aufenthalt in gewissen ihnen sonst verbotenen Gouvernements mit Ausnahme von Petersburg, Moskau und den dazugehörigen Gouvernements gestattet, jedoch kann die Polizei ihnen den Aufenthalt verbieten, wenn sie nicht Nachweisen können, daß sie dort entweder Geschäfte, Arbeit oder Verwandte haben. Der neue Handelsminister sprach die Befürchtung aus, daß die Juden infolge ihrer Befreiung der: ganzen Handel an sich reißen könnten. Der Justizminister erwiderte, es wäre beschämend für das russische Volk anzunehmen, daß ein geringer Bruchteil der Bevölkerung den ganzen Handel an sich ziehen könne. Vvn Ludwig Heine u n d F cüg^fen delssohn-Bartholdy. eber Hein^sM?mzIich unmusikalisches Wesen, seine völlige Unkenntms der Musik erzählt Börne eine ganz lustige Geschichte. Sie saßen zusammen in einem Konzert und Börne erkannte, daß Heine beim Anhören einer Symphonie, nicht wissend, daß die vier Teile eines solchen Tonstuckes durch Pansen voneinander getrennt seien, geglaubt, daß nach dem Ende der'Symphonie das fünfte Stück des Programms gespielt werde, während in Wirklichkeit das zweite an der Reihe war. Ob diese Geschichte wahr oder eine von Börne erfundene Anekdote ist, mag dahingestellt bleiben, ein wirklicher Musikkenner war Heine jedenfalls nicht. Trotzdem schrieb er auch über Musik, wie er über Bilder schrieb, von denen er auch nicht übermäßig viel verstand, und geriet mit zwei bedenkenden Musikern jener Zeit, mit Meyerbeer und Mendelssohn, in rechte Differenzen. Der Streit mit dein ersteren ist bei Gelegenheit der Publikation wichtiger und unbekannter Briefe schon an dieser Stelle erörtert worden. Es handelte sich dabei um ein ganz eigenartiges Verhältnis, in dem unangenehme Geldgeschichten die Hauptrolle spielen. Während Heine mit Meherbeer jahrelang in Paris zusammen war und vielfach Briese mit ihm wechselte, hat er zu Felix Mendelssohn in keinem dauernden Verhältnis gestanden und sich über ihn nur ein einziges Mal ausführlicher ausgesprochen. Diese letztere Stelle soll hier mitgeteilt werden, da sie jetzt zum ersten Male in ihrem Wortlaut veröffentlicht worden ist (von Professor Fr. Hirth im Literarischen Echo, 1. Februarheft 1915). Heine kannte Felix Mendelssohn schon als Knaben, da er Anfang der zwanziger Jahre in Berlin lebte und auch bei seinem zweiten Aufenthalt 1828 — in demselben Jahre, in dem auch Börne, freilich ein paar Monate früher, in Berlin weilte — verkehrte er viel im Mendelssohnschen Hause, dem Mittelpunkte feinster und erlesenster Geselligkeit. Fanny, damals verlobt, später verheiratete Hensel, berichtete in einem Briefe an Klingemann, 23. März 1829, darüber folgendes: „Heine ist hier und gefällt mir gar nicht, er ziert sich. Wenn er sich gehen ließe, müßte er der liebenswürdigste ungezogene Mensch sein, der je über die Schnur hieb. Wenn er sich im Ernst zusammennähme würde ihm der Ernst auch wohl anstehen, denn er hat ihn, aber er ziert sich sentimental, er ziert sich geziert, spricht ewig von sich und sieht dabei die Menschen an, ob sie ihn ansehen. Sind Ihnen aber Heines Reisebilder aus Italien vorgekommen? Darin sind wieder prächtige Sachen. Wenn man ihn auch zehnmal verachten mochte, so zwingt er einen doch zum elften Mal zu bekennen, er sei ein Dichter, ein Dichter! Wie klingen ihm die Worte, wie spricht ihn die Natur