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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-08 · Heft 37 (8.9.1915) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 37 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
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436 Etapp-enkommandantur. Die Lehrer wirken mit großem Fleiß und viel Liebe zur Sache. Ter Zustand der Kinder in bezug auf Kleidung, Benehmen auf der Straße gibt deutlich davon Kunde. So saubere Kinder, wie die in den Schulen, hat Sz . . . wohl noch nie gesehen. Die Fortschritte der Schule sind nach den Allssagen der Lehrer im Verhältnis zu der Zeit, seit der die Schulen bestehen, ganz erstaunlich. Der ganze Schulbetrieb mutet überhaupt heimatlich au; man wähnt, gar nicht in Feindesland zu sein, überhaupt wenn man die Kinder deutsche Lieder singen hört in der Schule wie auf den Straßen der Stadt. Den Einfluß der Schule kann niemand verkennen, in mancher Hinsicht macht er sich bereits geltend. So wird der Arbeit tüllstiger Zeitell schon jetzt der Weg gebahnt. Die „Frankfurter Zeitung" enthält folgende belehrende Ausführung: „S ü h ll e h o ch z e i t." Zu der unter diesen: Titel im erstell Morgenblatt von Nr. 218 erschienenen Schilderung aus G a l i z i e n sendet uns Herr Ober r a b b i n e r Dr. M. G ü d e in a n n aus Wien die folgenden b-erichtigeudeu Bemerkungen: Ter Herr Verfasser schreibt in der siebenten Spalte: „Seit mehreren Menschenaltern lvar dies nicht mehr geschehen" (nämlich die Vornahme einer nächtlichen Traullng armer Brautleute auf dem jüdischen Friedhofe zlir Beschwörung der „Kränke", d. i. der Cholera). „Damals hatte ein Rabbiner dieses dlnlkle talm irdische Mittel angewandt, und die Krankheit war gewichen." Dieser Herleitung mllß jedoch lviversprochen lverden. Weder dem Talmud noch den älteren Dezisoren ist diese „Sühnehochzeit" bekannt, sie ist vielrnehr eine ursprünglich gegen den Willen besonnener Rabbiner eingesührte, laugst obsolete und sogar den ältesten Leuten kaum noch erinnerliche Veranstaltung, die, wie ans dem Feuilleton hervorgeht, in Galizien und Polen hier und da wieder auftauchen mag. Wenn auch die Berheiratullg armer Brautleute von der jüdischen Religion als eine „Guttat" empfohlen wird, so scheint mir doch ihre Veranstaltung als S ü h n e oder Beschwörung einer Seuche auf eine Vorstellung zurückzugehen, die mit der Religion zunächst nichts zu tun hat und bereit Spuren ich hier aufzudecken versuchen möchte. Wer einmal etwas Näheres über die in Florenz während des Mittelalters wütende Pest, sei es aus Boecaccios „Dekameron", sei es aus Alessandro Manzouis Roman .,1 promossi sposi“ („Die Verlobten"), oder durch die malerische Darstellung erfahren hat, der wird wissen, daß Hand in Hand mit den schauerlichsten Szenen, die damals der Tod aufführte, auch solche ausgelassenster Lust und Vergnügungssucht vorkamen. Die Gegensätze lassen sich psychologisch leicht so erklären, daß die durch die Todesschrecken verursachte allgemeine Niedergeschlagenheit und Verzweiflung bei eingetretener Entspannung in ihr Gegenteil, Sinnestaumel und Lebenslust, .umschlug. Mitgewirkt mögen bei diesem Umschwung geistliche Znsprüche haben, die in guter Absicht dem Volke den entschwundenen Lebensmut wieder einflößen wollten. Es ist bekannt, daß die Geistlichen angewiesen waren, durch ihre Osterpredigten das Volk zu erheitern und in den Kirchen das sogenannte „Ostergelächter" hervorzurufen. Möglich, daß 'diese Anordnung aus einer Senchenperiode stammt und bezweckte, den Lebensmut auszufrischen, möglich auch, daß die Winterstimmung dadurch verschärft lverden sollte. Auch bei den Juden lvar es Sitte, loie der Talmud berichtet, die Lehrverträge mit einem guten Spaß zu beginnen. Auch das mittelhochdeutsche Lesebuch „Schimpf (d. h. Scherz) und Ernst", vermutlich das Werk eines getauften Juden, enthält einen derartigen Spaß, den bereits der Talmud erwähnt. Was übrigens den Berzlveiflnngstaumel betrifft, wie er gelegentlich der Pest in Florenz stattfand, so kann man sich keine bessere Schilderung eines solchen Taumels denken, als die schon bei dem Propheten Jesaia (22, 12) vorkomm ende: „Und siehe da, Wonne und Freude, Rinderwürgen und Schafeschlachten, Fleischessen und Weintrinken. Essen und trinken laßt uns, denn morgen sterben lvir." Ich bin nun auf Grund der geschilderten Tatsachen der Meinung, daß die in Rede stehende Hochzeitsfeier zunächst und hauptsächlich als Gelegenheit zur Entfaltung von Freude und Lebenslust in einer von der Seuche heimgesuchten und niedergedrückten Umgebung ihre aufheiternde Wirkung üben sollte. Denn auch in dem Feuilleton erschallt nach der Rückkehr vom Friedhof in das Hochzeits- Haus der allgemeine Ruf: „Das Nachtmahl!" — „Jetzt wird gegessen!" Das lvar ursprünglich die Hauptsache und vielleicht ein sehr wirksames Antidoton gegen das Seuchengift. Später hat man dann der ursprünglich als Lustbarkeit zu wirken bestimmt gewesenen Hochzeit den religiösen Stempel der „Sühne" aufgedrückt und, um sie wirksame; zu gestalten, die Nachtzeit, den Friedhof und die Toten zur Beteiligung herangezogen, lvas allerdings stark in das Gebiet des Aberglauben:' hinübergreift. Man darf sich aber nicht darüber wundern, daß ich be i seltsamen Vorgang in einer kleinen jüdischen Gemeinde Galiziens nvt der Pest in Florenz in Zusammenhang bringe. Der Aberglaube de-: Mittelalters ist international und interkonfessionell. Das will fngei;, daß die Juden dieser Zeit die Superstitionen ihrer Umgebung ai - genommen haben, und wer die Quelle für die in den jüdischen Schriste.i des Mittelalters vorkommenden abergläubischen Meinungen anssuch:, wird sie nicht im Talmud, wohl aber in des tirolischen Dichters Hau: Dintlers „Blumen der Jugend" und in ähnlichen christlichen Schriste.i finden. Zum Schluß möchte ich nur noch bemerken, daß ein „Ringlv e ch s e l" bei der so interessant geschilderten „Sühnehochzeit" gewi'i nicht stattgefunden hat. Bei einer jüdischen Hochzeit steckt der Bräut - gam der Braut einen Ring an den Finger. Ein zweiter Ring komun nicht in Verwendung. Leider müssen wir auch diesmal, wie beständig, vo i r u s s i s ch e n Greuel n berichten. Tie „Frankfurter Zeitung' schreibt: Nach einem Bericht des „Nusskoje Slowo" hat das Dumamitglü) D z i n b i n s k i E e r s i ch, der als Vertreter der Tobolsker Lazaret: an der Front war, in der Tumasitzung über die entsetzliche, G r a u s a m k e i t e n bei der Evakuierung der I u d e n aus dem Gor vernement Radvmsk berichtet. Der Evakuierungsbefehl kam nacht-. Bei Todes-androhung mußten Greise, Frauen, Kinder und Kranke soso:: zu Fuß abrücken. Essen und Getränke dursten unterwegs den unglücklichen Judo, nicht verabreicht werden. Zahlreiche Geiseln sitzen noch im Gesängni . Biele Juden wurden gehenkt, ohne den Grund erfahren zu habe,. Die russischen Soldaten wurden sogar in den Schützengräben vo r den Offizieren gegen die mitkämpfenden jüdischen Soldaten aufgehetz. # Dieselbe Zeitung bringt nachstehenden erschütternde, Bericht: Die Judenverfolgung in R u ß l a n d. Ans der Rede des Abgeordneten Friedman in der russischen Reich: dmna hat die Welt von den furchtbaren Greueln erfahren, mit dene i die Vertreibung der Juden aus dem von den russischen Armeen g; räumten Gebiet und den anstoßenden Gouvernements begleitet wird Der in New Port erscheinende „Tog" bringt nun darüber, wie uv; dem „Israelit" entnehmen, noch weitere einwandfrei belegte Eiuze heiteu, die als Zeugnis russischer „Kultur" festgehalten werden müsse,. In Kowno wurden 32 000 Juden auf dem Bahnhof zusamme, getrieben, darunter die Insassen des Altersasyls, der Krankenhäusc und der Irrenanstalt. Selbst die jüdischen Verwundeten, die sich i, Spitälern oder auf Urlaub befanden, wurden zu dem großen Haufe, gejagt. Von der alten historischen Judenstadt blieben nur noch vu; Menschenruinen zurück: drei Typhuskranke, die dem Ende entgege, gingen, und ein Wahnsinniger, der als gemeingefährlich gefürchtet wa . Mit Nagaiken wurden die Menschen in die Wagen getrieben, uo > zwar nicht nach Familien gruppiert, sondern wie sie gerade in wirre > Haufen dastanden. Man warf Kinder und Säuglinge, nach denen d-; Mütter verzweifelt jammerten, in andere Wagen zu fremden Mensche, hinein. Dabei verlor eine Frau, deren Mann seit Kriegsausbruu, im Felde steht, alle ihre fünf Kinder. Sie bat von der nächste i Station aus telegraphisch den Festungskommandanten von Kown . auf einige Stunden zurückkehren zu dürfen, um ihre Kinder zu suchen, erhielt aber nicht einmal eine Antwort. Bis Minsk rollten die Züge unaufhaltsam tagelang weiter. Hie: spielte sich eine schreckliche Szene ab. Die ganze große Minsker G. meinde hatte sich in Bewegung gesetzt, um das „vertriebene Kowno anfznnehmen. Es ging eine telegraphische Bitte ans Ministerin, : ab, ihnen, den Minskern, die ganzen 30 000 Menschen zu überlasse: - Alle, ohne Ausnahme, selbst die Aermsten, erklärten sich bereit, eil e oder mehrere Familien in ihr Hans aufzunehmen. Keine Antwort. Da rüstete man sich wenigstens, die Durchziehenden gastlich zu ve> pflegen, und in wenigen Stunden waren Mengen von Kleidern uiw Lebensmitteln gesammelt, mit denen man an die Bahn hinau-sfuh Der „Judenzug" war von Kosaken und Gendarmen umgeben, und

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