Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229215--71601-3283951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
434 uneingeschränkt bekennen, hat Israel seine von der Geschichte ihm gestellte Aufgabe, die Verwirklichung dieser Lehre herbeizujühren, nicht erfüllt. Diese Aufgabe aber, die der Prophet init den Worten zeichnet: „Ich, der Herr, habe dich berufen zum Heile, dich eingesetzt zum Lichte der Völker, auf daß du den Blinden die Augen öffnest, die Gefesselten der Freiheit und die Bewohner der Finsternis der Tageshelle entgegenführst"Z, kann Israel nur dann erfüllen, wenn es in der Treue p seiner Abstammung die Grundlage jener Treue wahrt, die seine religiöse Mission von ihm fordert. Mit anderen Worten: Der religiöse Gedanke des Judentums ist nur dann von Dauer und weltbezwingender Kraft, wenn er auf jener das gleiche Ziel verfolgenden altjüdischen Auffassung beruht, die, ohne die nationalen Regungen und Strömungen der Völker zu perhorreszieren, den Gedanken einer allgemeinen Völkerverbrüderung, des Kvsmvpolitismus, zum höchsten und heiligsten Ideal der Zukunft erhebt. Das lehrt uns mit besonderer Deutlichkeit unser Rosch haschnna, das neben dieser Benennung auch die Namen „Tag des Pvsauncuschalls" und „Tag der Erinnerung" führt. Diese Rainen, die sicherlich nicht willkürlich gewählt sind, machen uns mit den Gedanken vertraut, die diesem unserem Feste zugrunde liegen. — Zunächst begehen wir den Ersten des siebenten Monats als „Tag des Posaunenschalls", der uns mitten im Gewühle des Lebens an den MD “in “IDl'D Offenbarungsakt am Sinai erinnert, den die Heilige Schrift mit folgenden Worten 'uns vergegenwärtigt: „Und es geschah . .. als es Morgen war, da waren Donner und Blitze und ein schweres Gewölk auf dem Berge und sehr starker Posaunenschall, so daß das ganze Volk im Lager erbebte. Und immer mächtiger ertönte die Stimme des Schophar: Moses redeteund G o t t a n t w v r t e t e ihm lau t."°) „In den biblischen Erzählungen, namentlich in den Reden der Propheten, tritt gerade der Schophar als das national-religiöse Instrument durchweg auf. Er erscheint als Begleiter der Offenbarung Gottes und ist zu den gewaltigen Naturstimmen, die in diesem erhabenen Vorgänge erschütternd und erweckend vernommen wurden, gleichsam der eigens der religiösen Seite desselben entsprechende Ton. Dies gibt ihm die Weihe; er wird eine Art himmlische Stimme, fehlt darum auch nirgends, wo eine erhabene Zukunft der Erlösung und Wiederbelebung, der Wiederherstellung und Erneuerung Israels und der ganzen Welt sowie eines Weltgerichtes, in prophetischer Schau verkündet wird."') Der Schopharton greift aber nicht bloß in die wunderbare Vergangenheit Israels zurück, sondern auch in seine ideale Zukunft voraus: Rosch haschana ist auch ein Erinnerungstag, der Vergangenheit und Zukunft geschickt miteinander verbindet. Er weckt in uns Hoffnungen und Wünsche, die, so alt wie Israels Leidensgeschichte, noch immer die ringeschwächte Kraft besitzen, den jüdischen Stamm zu verjüngen und zu neuen Lebensäußerungen anzuhalten. Sinnig bemerken unsere Weisen: h Jesaia 42, 6—7. ") Exodus t9, 16 u. 19. Das laute Beten <selbst der sonst leise zu sprechenden Tcfillah) am Rosch haschana dürste damit im Zusammenhänge stehen. Bemerkenswert ist, daß die Knräcr, die den ersten Tischri weder als Jahresanfang begehe», noch an ihm den Akt des Schopharblnsens vollziehen, den 7!I?VIFl DT’ als Tag des „lauten Gebetes" feiern. Einige ihrer Schriftcrklärer deuten fälschlich nmn wie DI?MFl <Ps- 2, 7) und ermahnen, den Ersten des siebenten Monats alz einen Tag der Zerknirschung zu begehen; eine Anschannng, die auch dem rabbinischcn Judentum nicht fremd ist. Siehe auch I o st, „Geschichte des Jndentnms und seiner Sekten", Teil H S. 305. 7) M. Sachs, „Vom Schofar", in Festgebete der Israeliten, Teil l. Str jnSixjS nnsD pa rwi matt bir jnirtr ropn baj 8) DM3 Der Heilige, gepriesen sei er, nahm der Väter inbrünstiges Flehen und bildete daraus einen Schlüssel für die Erlösung der Nachkommen. Die ausrüttelnde Schopharstimme, die am Neujahrstage unser Herz immer aufs neue für die sinaitische Lehre empfänglich macht, wird in Trost- und Jubeltöne verwandelt, wenn uns dieser Tag an unseren Ursprung erinnert, an die Zugehörigkeit zu einem Stamme, der als Heilsbote des Herrn an die Weltmenschheit sein ursprüngliches nationales Wesen nicht abstreifen kann und nicht abstreifen darf, bis er seine Aufgabe entsprechend dem Heilsplan seines unfaßbaren, Welt und Menschen nach ewigen Naturgesetzen leitenden Auftraggebers gelöst hat. Das ist der nationale Gedanke des Judentums, der in Israel fortlebt und fortwirkt und seine religiösen Einrichtungen weiht und heiligt. Er strebt weder die Bildung eines neuen Staates noch sonst irgendeine Form der Separation Israels an, die geeignet wäre, das morsche Gebäude des MIN in unzählige Völker und Nationen gegliederten Menschengeschlechts wieder auszufrischen. Sein Ziel ist ein anderes, ein universelles: Israel als Träger des Monotheismus soll auch der Verkünder des Kosmopolitismus sein. Durch seine Existenz unter den Völkern, an deren Wohl und Weh es den innigsten Anteil nimmt, soll Israel der Welt als lebendiges Zeugnitz dafür dienen, daß Stammesgefühl, nationale Wesensart und Erinnerungen an historische Taten und Werke, die unausrottbar im Herzen der Völker leben, kein unüberwindliches Hindernis für ihre künftige Vereinigung zu einer großen Völkerfamilie mit gemeinsamen Menschlichkeitsinteressen bilden dürfen. Darum lehren auch unsere alten Weisen: DpD*?3 9) nv3ban ns anb “pio nuroi nais nnstr Wenn Israel aw Neujahrsfeste die Erinnerungen an seine nationale Vergangenheit zum Ausdruck bringt, soll es damit zugleich den Zwecl verbinden, die Welt an die Ideale der Zukunft zu mahnen seine unerschütterliche Hoffnung auf das Herannahen jener großen Zeit aussprechen, in der, wie unser Festdichter K a l i r so herrlich singt: „Sein Königtum erstrahlt in heller Pracht, Wenn seinen Gang Er durch die Weltgemacht; Wenn Er sein großes Werk zu End' gebracht. Vor aller Aug' erscheint Er dann als König! Regenten, die geherrscht mit mächt'ger Hand, Wegwerfen sie des Purpurs eitlen Tand; Mit lautem Ruf von ihnen wird ernannt Der Herr zum Herrscher, daß Er sei ihr König." P Freilich, die schwere Zeit, in der wir leben, redet eim ganz andere Sprache. Da ist es nicht der sinaitische Geist bei Versöhnung und Eintracht, der zu uns spricht, nicht die die höch sten Ideale der Menschheit kündende Schopharstimme Israels die uns entgegentönt. Andere, schreckenerregende Stimmei vernehmen wir, die unser Herz erschüttern und unsere Seelmit Angst und Zagen erfüllen. Mars schwingt das Zepter Die Kriegsfurie zieht mit dröhnendem Geräusch durch di „zivilisierte" Welt, glühender Haß und blutdürstige Rachsuch eilen ihr voran, Tod und Verderben, Jammer und Elen! bilden ihr Gefolge. Mühsam erworbenes Gut und unschätzbare Kulturwerte sind zerstört, Menschenglück und Menschenfreude vernichtet, die Stimme des Blutes hin gemordeter Menschenkinder hallt durch die von bösen Geisteri der Hölle verpestete Luft, so daß der Genius der Menschhei sein Angesicht in Schmerz und Trauer hüllt und wir, vor s) Bereschith rabba, K. 70. °) Rosch haschanah 32a. 10) Sachs, Mußafgebet des ersten Neujahrstages.