Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1915)
- Date
- 1915-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *M9, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. 3um Jahresanfang. Von AlbertKatz. — Die Woche.— ijllljull* Heinestudien. Von Ludwig Geiger. — Jüdisches Mütteritub Kinderheim des Fraiienvereins der Berliner Logen 11. O. B. B. — Die „Wohltaten" des Hauses Nomanow. Bon Leo Scheinhaus. — Feuilleton: Der lange Rock. Roman von Anna Goldschniidt. — Rosch-haschono 1915. Von Jennh B er gm ann. — Friedenslwffuung. Von S. Katz. — Lesefrüchte. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Lissa (Posen), Breslau, Hamburg, Leipzig. Nürnberg, Günzenhausen, Frankfurt a. M., Bad Ems, Stras;- burg i. Elf., Prag, Luzern. — Von Nah und Fern. Lum Jahresanfang. Von A l b e r t Kn tz. me der ältesten Verordnungen des Judentums ist die Festsetzung des Jahresanfangs ans den ersten Tag des Monats Tischri. Die Entstehungsgeschichte dieses Festes ist wie der Abend, an dem es beginnt, in tiefes Dunkel gehüllt. Es wäre daher vergebliche Mühe, untersuchen zu wollen, ob die Bestimmung, den Ersten des siebenten Monats als Jahresanfang zu begehen, nationalwirtschaftlichen oder religiösethischen Bedürfnissen entsprungen ist. Zweifellos liegen unserem Rosch haschaua nationale nicht minder als religiöse Motive zugrunde?) Wie es unhistorisch wäre, von einem nationalen Judentum, frei von religiöser Beeinflussung und Bevormundung, zu sprechen, so würden wir gegen den historischen Geist des . Judentums verstoßen, wollten wir seine religiösen Einrichtungen der nationalen Merkmale entkleiden. Unsere Geschichte ist reich an Beispielen, daß jede Strömung innerhalb der Judenheit, die daraus ausging, den nationalen Gedanken vom religiösen oder den religiösen vom nationalen loszulösen, 'imWasser verlaufen ist. Das Reich der Zehnstümme, das Jerobeam unter der Devise begründete: TH2 pbr\ 1 *h HE „Was für Teil haben wir an David?"-) — das symbolische Band nationaler Einheit, das im Namen David verkörpert ist, ist tür uns zerrissen —, ist ebenso in sich zusammengebrochen, wie später die tapferen Söhne Judas unter der Führung des heldenmütigen Bar Kochba zugrunde gegangen sind, der die religiöse Kraft des Volkes, die in dem Glauben an Gott als den Denker der Welt- und Menschengeschicke wurzelt, geringer einschätzte als das mächtige Nationälgefühl seines Wunder der Tapferkeit verrichtenden Heeres, auf das allein er so stark vertraute, daß er den Beistand Gottes entbehren zu können glaubte?) Dagegen sehen wir, daß die Karäer, die zwar den Rabbinismus verworfen, aber ihr religiöses Leben,- ihren Gottes' dienst auf nationaler Basis errichtet haben, trotz ihrer wieder-' holten Totsagung seitens der Talmudjuden noch bis auf den heutigen Tag als ein Glied des jüdischen Stammes existieren. Z Mischnah Rosch haschana 1, t. 2) 1. Könige 12, 16. .3) Gitlin 57a. ~ - * . . Nur dürfen wir den nationalen Gedanken des Judentums nicht mit dem anderer Völker vergleichen. Wie paradox es auch klmg'en mag, ich wage es dennoch auszusprechen: Der nationale Gedanke des Judentums schließt so wenig den kosmopolitischen aus, wie die Religion Israels engherzig ist und der nichtjüdischen Welt die Fähigkeit abspricht, die höchste Stufe der Gotteserkenntnis erklimmen zu können. Das bekundet nicht bloß unsere Bibel in der Schöpfungsgeschichte, in dem Bericht über den Werdeganz Israels, in der Aufführung seiner Gesetze und Lebensnormen, in den Reden der Propheten und in den Gesängen der Psalmistemdas bekundet in weit höherem Maße das Denken und Empfinden des jüdischen Stammes, das in der nachbiblischen Literatur, insbesondere im räbbinischen Schrifttum und in den Geistesschöpsungen unserer Denker und Dichter, zum Ausdruck kommt und Israels Wanderung durch Völker und Reiche bis auf den heutigen Tag als eine den Lebensweg zeigende und beleuchtende „Feuersäule" voranzieht. Wer weiß, ob Israel nicht deswegen sich des Vorzuges der „Auserwähltheit" erfreut, weil es seit seinem Eintritt in die Geschichte das erste und einzige Volk war und bis heute geblieben ist, das an seinen nationalen und religiösen Errungenschaften die gesamte Menschheit teilnehmen läßt.' Ja, wenn Israel das „Volk Gottes" genannt wird, so hat es nur deswegen diese Bezeichnung verdient, weil es nie müde wurde, der Welt gegenüber von der Regierung eines Gottes zil reden, der die von den Menschen ln ihrer Engherzigkeit errichteten, sie voneinander trennenden Scheidewände niederreißt und alle diejenigen, die, selbstsüchtige Interessen verfechtend, diese Scheidewände nicht nur erhalten, sondern noch erweit-ern und immer mehr befestigen zu müssen glauben, gegen ihren Willen der Zeit entgegenführt, in der früher oder später ein Band hehren Menschentums alle Völker der Erde umschlingen wird. Wer Israel in seinem Verhältnis zur großen Menschenfamilie den Vorwurf separatistischer Bestrebungen macht> der kennt es ebensowenig wie derjenige, der die jahrtausendealten Einrichtungen des Judentums, seine Lebensgewohnheiten, seine Sitten und Gebräuche, seine Sabbat- und Festtage durch die nationale oder religiöse Brille allein betrachtet. Der Prophet und Vertreter des kosmopolitischen Gedankens, der der Welt durch Israel das Wort seines Gottes verkünden läßt: „Die Lehre geht von mir aus, mein Recht gestalte ich zum Lichte der Völker, mein Ziel ist nahe, meine Hilfe rückt heran, ich richte die Volker, auf mich hoffen die Eilande, auf meinen Arm vertrauen sie", vergißt nicht, Israel immer wieder und wieder einzuschärsen: „Schauet auf den Felsen, aus dem ihr gehauen, auf die Brunnenhöhle, aus der ihr gegraben seid. DD'SR DrnüR Blicket ans Abraham, euren Vater!"*) Das ist eine Mahnung, die Israel zum Heile der Völker noch immer befolgen mutz; denn solange diese die Lehre von der Einheit Gottes und der Einheit des Menschengeschlechts nicht '4) 3efuin.51,' 1—2 unb 4—5. '