Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Samens draußen in der Welt verbreitet hat. Aber über der Leistung und dem Erfolg des Mannes steht die deutscheste Kraft in ihm: die Treue. In ihr vor allem begegnet sich der Deutsche mit dem Juden. Paul Ehrlich war treu, weil er ein Deutscher war. Paul Ehrlich war treu, weil er ein Jude war und — blieb. Darum verehren die deutschen Juden ihn als einen, der ihnen vieltausendjährige Judentreue durch Wirkung und Wesen, durch Leistung und Leben fest im Deutschtum verankern hals. Alle, die zu seinen Freunden sich reckp nen durften, künden das gleiche Ruhmeslied von seiner Treue. Wer ihm durch Bande der Verwandtschaft nahestand, erfuhr die väterliche Treue seines Waltens. Die ihn wirklich Vater nannten, seine Töchter und deren Gatten, ernteten die reiche Saat feiner Menschentreue, vergalten ihm mit gleichem Tun. Und mitten unter ihnen und den Dnkeln steht des großen Mannes edles Weib. Als der getreue Kamerad des Lebens ging er mit ihr in Liebe auf allen seinen Wegen. Tie aber hat — ihr sei es zum Dank laut bekannt — ihn von allen?leußerlichkeiten der Alltäglichkeit entlastet, das eigene Wollen und Wünschen Zurückgestellt hinter die zarteste Fürsorge für den Gatten, :ic selbst im Innersten ihres Wesens wie kein anderer Mensch zuammenklingend mit des großen Mannes sittlicher Grundkraft. „Ein Rann der Treue, reich an Segen!" rühmt die Schrift. So hat Paul Ehrlich gelebt. Nein, so lebt er in unserer Erinnerung. So wird er ortleben im Gedächtnis der Zeiten und Völker. — Prorektor Professor Dr. Pan z e r sagte in seiner Rede u. a.: „Ihren berühmtesten Lehrer icrliert unsere Hochschule in Paul Ehrlich und mehr noch: einen ihrer Nitbegründer. So darf er mit vollem Fuge heißen. Denn selbst der iuzigen Tatkraft und Begabung eines Adickes hätte kaum gelingen uögen, eine Universität hier aus dem Boden zu stampfen. Es war mfür jene stille, wissenschaftliche Arbeit nötig, wie sie in dieser Stadt ange vor der Begründung der Universität schon in so eigenartiger Weise geleistet ward. Unter den mancherlei Berühmtheiten aber, die m vergangenen Jahrhundert in Frankfurt wirkten, glänzte kein l'ame heller als der von Paul Ehrlich, ward in keiner Anstalt bedeutendere wissenschaftliche Arbeit geleistet als im Institut für experimentelle Therapie. Er bleibt unter uns, als eine lebendige Kraft,;(§ ein leuchtendes Vorbild reinsten wissenschaftlichen Strebe ns für Zehrer und Lernende unserer Hochschule." Den Schmerz der Schüler 'nd Mitarbeiter brachte Professor Dr. Sachs zum Ausdruck. Er chloß seine eindrucksvolle Rede auf den Meister mit folgenden Worten: .Er war ein Großer, ein Fürst der Wissenschaft, und so ziemt es sich mch jetzt, wo das gewaltige Schicksal des Vaterlandes alle deutschen merzen in Spannung hält, in Bewunderung haltzumachen bei dem scheiden eines der größten Träger deutscher Kultur. Seine Lehren unspannen den Erdball, ihrem Einfluß weicht auch heute jede Sperre, ede Grenze. Der Schmerz, den wir, seine Mitarbeiter, seine Schüler, eine Freunde, empfinden, wird gemildert durch das beglückende Gei'ihl, daß wir aus nächster Nähe schauen dursten, was Meisterhand geschaffen." L. Wiesbaden, im August. Hier verschied nach langem schweren eiden Herr Bankier Adolph OPPenheime r, eines der angesehensten und vornehmsten Mitglieder unserer Gemeinde. Geboren u Würzburg im Jahre 1853 als der Sohn des bekannten Menschenreundes und damaligen Vorstehers der jüdischen Gemeinde Herrn Ismann Oppenheimer, kam er in jungen Jahren nach Mainz, eo er seine Lehr- und Gehilsenzeit in dem altangesehenen Bankmufc seiner dortigen Verwandten zübrachte. Bald darauf begründete r in Mainz ein Bankgeschäft, das er kurze Zeit daraus nach Wiesaden verlegte und es hier zu stattlicher Höhe führte. Der Dahineschiedene versah in einer großen Reihe industrieller Gesellschaften ie Stelle eines Aufsichtsrates, auch hatte er in Staat, Stadt und Gemeinde verschiedene Ehrenposten inne. Die Beisetzung des Verwrbenen auf dem jüdischen Friedhofe der Hauptgemeinde, zu der 'vn nah und fern die Freunde und Verehrer des so beliebten Cannes herbeigeeilt waren, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen imauerseier. Aus dem ergreifenden Nachrufe des hiesigen Stadtnd Bezirksrabbiners Herrn Dr. Adolf Kober sei die folgende Charakteristik des leider so früh Dahingegangenen hier wieder- Ageben: „Mit mehr als gewöhnlichen Geistesgaben, schneller Auflistung, durchdringendem Scharfsinne, nimmer rastender Tatkraft und imfassender Bildung paarten sich bei dem Verschiedenen ein weiches, rommes und liebevolles Herz, ein liebenswürdiger, aufopfernder oinn. In ernster, anstrengender Arbeit ist sein Leben dahingegangen. Er kannte nichts Höheres als die Pflicht; Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit waren ihm die Leitsterne im Leben und in der Arbeit. So mußte es ihm gelingen, seinen Unternehmungen eine weitgehende Ausdehnung zu geben und fein Lebenswerk auf eine achtunggebietende Höhe zu bringen. Das Gefühl der Pflicht leitete ihn auch in seiner Tätigkeit für andere. Das Wohltun übte er vom echt-jüdischen Standpunkte aus als einen- Akt der Gerechtigkeit gegen die Armen. Stets ein treuer, gotterfüllter Jude, der nichts Höheres kannte üls das Glück seiner Familie und das Neben werktätiger Liebe." — Im Namen der Nassau-Loge, Wiesbaden, sprach Herr Dr. med. Eduard Lassar und hob hervor, daß Oppenheimer bei Werken der Liebe nie versagte. Herr Stadtverordneter Dr. jur. Leopold M aher, Mainz, ergriff namens der Rhenusloge Mainz das Wort. Der Verstorbene war Mitbegründer dieser Loge und gehörte lange Zeit dem ersten Beamtenrat derselben an. Im Namen der zahlreichen Freunde nahm Herr Albert Frank in tiefster Ergriffenheit Abschied vom Scheidenden, der in der Wiesbadener jüdischen Gemeinde eine Lücke hinterläßt, die sobald nicht ausgefüllt werden kann. Er ruhe in Frieden! 22 Bad Mergentheim, im August. Das Oberamtsstädtchen Mergentheim im lieblichen württembergischen Taubertale war das Ziel meiner diesjährigen Erholungsreise. Mergentheim, ein sauberes Städtchen mit zirka 450b Einwohnern — hiervon etwa 300b Katholiken, 1200 Protestanten und 300 Juden —, schönen Giebelhäusern, e:nem hübschen alten Rathause, einem Schloß — früher Residenz des Deutschmeisterordens —, einem schattigen Schloßpark, besitzt eine heilkräftige Quelle, die Karlsquelle, die dem Oertchen den Namen „das deutsche Karlsbad" eingetragen hat. Aber nicht von den Naturschönheiten Mergentheims, noch von dessen Heilquelle will ich berichten, sondern von der jüdischen Gemeinde des Ortes. Diese blickt, wie aus den Inschriften von Leichensteinen, die gewissermaßen die Archive solcher Gemeinden bilden, hervorgeht, auf ein Alter von 600 Jahren zurück. Die Gemeinde hat sich unter der Herrschaft des Teutschmeisterordens, der ihr wohlgesinnt war, gut entwickelt und dauernd vergrößert. Die hiesige jüdische Gemeinde, welche seit dem Jahre 1806 zu Württemberg gehört, wird von fünf Vorstandsmitgliedern verwaltet; der Rabbiner führt, entsprechend der württembergischen Kirchenverfassung, in diesem Kollegium den Vorsitz. Als Protokollführer amtiert der Vorbeter, der zugleich der Vorsitzende-Stellvertreter ist. Die Gemeinde hat eine schöne Synagoge, die im Jahre 1912 renoviert worden ist. Die Mitglieder der Gemeinde leben, was mir besonders angenehm auffiel, in bestem Einvernehmen miteinander. Hier sind weder Neid noch Mißgunst zu finden, was viel sagen will. Die bei weitem größte Anzahl der hiesigen Juden lebt noch alter Tradition gemäß; die Geschäfte der jüdischen Kaufleute sind an den Sabbaten, bis auf geringe Ausnahmen, geschlossen. Was mich aber ganz besonders erfreute, ist der Umstand, daß hier tiefster konfessioneller Frieden herrscht. Aber die hiesigen Juden unterscheiden sich auch weder in Sprache noch in sonstigem Gebahren von ihren andersgläubigen Mitbürgern. — Ich bin fest davon überzeugt, daß lediglich hierdurch Frieden und Eintracht gefördert werden. Ich mag meine Mitteilungen nicht ohne den Wunsch schließen, daß solches Verhalten unserer Glaubensgenossen vorbildlich wirken möge, denn dies ist das beste und wirksamste Mittel, um dem Antisemitismus die Wurzel abzugraben. Nathan Cohn, Berlin. Grstrrrrich-Angsrn. 8. H. Marienbad, 27. August. Die kriegerischen Ereignisse in Galizien haben bekanntlich einen wahren Exodus der Bevölkerung dieses Grenzlandes nach den Westprovinzen der Monarchie hervorgerufen, denn die Behörden selber forderten auf, vor der russischen Invasion das Weite zu suchen. Seit November vorigen Jahres befinden sich in Marienbad und Umgebung etwa 1500 Kriegsslüchtlinge, und für diese zeitweilig Heimat- und Obdachlosen war es in den rauhen November-' tagen eine freudige Ueberraschung, pB fie vei ihrer Ankunft ein bereits organisiertes Hilfskomitee vorfanden, das sich ihrer brüderlich annahm und alles aufbot, um ihre Lage zu lindern. Ein Damenkomitee sorgte speziell für die Frauen und Kinder, betreute sie, versah Notleidende mit Kleidungsstücken usw. Nun sind bereits nahezu neun Monate verstrichen, und das Hilfskomitee ist nach wie vor bemüht, das Schicksal der Emigranten zu erleichtern. Wohl sind manche der Herren des philanthropischen Ausschusses ausgeschieden, einige Herren neu eingetreten, aber der Obmann Herr Siegfried B u x b a u m, Inhaber des Bankhauses Emil Lucker, ist seit dem ersten Monat unermüdlich