Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229214--71598-3283947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Istanbul 1× ep/2781385
- Żory 1× ep/1048188
OCR text
4 tätig, ja, man kann faßen, in den testen Wochen fiat sich feine Tätigkeit noch gesteigert. An der Spitze des Hilfsvereins stehend, widmet er tag. aus, tageiu demselben einige Stunden Zeit. Im Hotel National, wo sich das Bureau des Hilfskomitees befindet, waltet -er zu festgesetzten Stunden seines ersprießlichen Amtes, und dort herrscht ein reger Parteienverkehr. Es liegt in der Natur der Sache, daß sich die große Schar der Flüchtlinge aus verschiedenen Elementen zusammenseht, aber Herr Buxbaum versteht es, jedem eine -individuelle Behandlung zuteil werden lassen, so daß sein Name von alt und jung mit Liede und Verehrung genannt wird. Er besorgt pünktlich die Auszahlung der staatlichen Unterstützung, gewährt an Bedürftige fortlaufende monatliche Zuschüsse, und die hierfür erforderlichen namhaften Beträge weiß -er sich zu beschaffen. Auch behauptet die Fama, daß er auch aus seiner Tasche verschiedenen Personen unter die Arme greift. 'Als Kassierer steht ihm jetzt Herr Semi H i r s ch zur Seite, und auch diesem Herrn wird das Beste nachg-esagt. Für die schulpflichtige Zugend beiderlei Geschlechts hat das Hilfskomitee eine Schule ms Leben gerufen, die, unter der fachmännischen Leitung des Seelsorgers Herrn Tr. D i a m a n t stehend, prosperiert. Nun rüsten sich die Flüchtlinge zur sukzessiven Rückkehr in ihre freiwerdende Heimat, und so ist es ihre Pflicht, dem Hilfskomitee zmn Abschied den herzlichsten Dank auszudrücken. Von Wh und Fern. Tr. E o h n - Hohenschönhausen, Stabs- und Negimentsarzt in einem würltembergischen Dragonerregiment, der bereits mit dein Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet wurde, erhielt das Ritterkreuz erster Klasse des Friedrichsordens mit Schwertern. — Der Berliner Pankdirektor K a r l M v ß m a n n starb als Oberleutnant und Bataillonsadjutant den Heldentod. Er hatte sich bereits das Eiserne Kreuz und den bayerischen Militärverdienstorden l. Klasse erworben. — Am 24. August starb in Sohrau O.-S. nach längerem Leiden Herr Wilhelm Löbinger im 76. Lebensjahre. Der Verstorbene gehörte, nachdem er seinen Wohnsitz vom Lande nach Sohrau verlegt hatte, eine Reihe von Jahren dem Repräsentantenkollegium der Gemeinde an. — In Bereut in Westpreußen wurde vor kurzem die älteste Frau der Gemeinde, vielleicht auch des ganzen Kreises, Ernestine L e w a n d o w s k i, zu Grabe getragen. Sie wäre im Dezember dieses Jahres hundert Jahre alt geworden. Der Ortsrabbiner Herr Tr. I. Münz hielt am Grabe eine ergreifende Ansprache. — Nachdem im Königreich Sachsen den russisch-jüdischen Kindern der Besuch höherer Schulen untersagt war, ist jetzt eine Aenderung dieser Maßregel eingetreten, daß unter bestimmten Voraussetzungen ausnahmsweise Schüler zum Besuch der höheren Schulen zugelassen werden. Die Voraussetzungen treffen bei einem großen Teil russisch-jüdischer Schüler zu. Für die Interessen der Beteiligten haben sich in hervorragender Weise die sächsischen Vertreter des R e i ch s v e r e i n s der d e u t s eh c n I uden eingesetzt. — Anläßlich der Feier des 86. Geburtstages des Kaisers von Oesterreich wirkte bei einem Konzert in der Städtischen Festhalle in Aachen der dortige Oberkantor der Syna-. gogengemeindo mit, und es fanden seine Gesangsvorträge wohlverdienten Beisall. Die umfangreiche Stimme des Sängers, der frisch pulsierendes Leben den Tönen zu geben versteht, überraschte durch ihren metallisch reinen Klang. — Aus Frankfurt a. M. wird geschrieben: Seitens dos Kriegsministeriums sind bisher allgemeingültige Anordnungen über die Gewährung von Dienstbefreiung oder Heimaturlaub an den bevorstehenden jüdischen Feiertagen nicht ergangen. Es dürfte sich daher empfehlen, daß sich die Herren Rabbiner oder, wo solche nicht vorhanden, die Gemeindevorsteher bei den lokalen Kommandobehörddüum die Herbeiführung von Urlaub oder Dienstbefreiung, soweit es die Interessen des Dietlstes gestatten, rechtzeitig bemühen. Die Erben des in Karlsruhe i. B. verstorbenen Fabrikanten S a m u c l Sch n u r nt ann haben dem Oberbürgermeister 10 000 Mark überreicht, wovon 7500 Mark zur Unterstützung bedürftiger Krieassamilien und je 1000 Mark für das Rote Kreuz und zur Unterstützung, bedürftiger Armen sowie 500 Mark für den Roten Halbmond bestimmt sind. Außerdem haben die Erben 10 000 Mark für israelitische wohltätige Anstalten gestiftet und dem Friedrieh-Lnisen-Hospiz in Dürrheim eine Schuldverschreibung der Israelitischen Religionsgesellschaft über 1000 Mark geschenkt. — In Straßbnrg starb am 26. August an Hvrzlähmung Oberrabbiner D r. Adolf U r y, Mitglied der Ersten Kammer des elsaß-lothringischen Landtages, im Alter von 66 Jahren. — Nach langem Leiden ist in Wien der ehemalige Generaldirektor der Böhmischen Montangesellschaft, Kommerzienrat Johann Isidor W e i n b e r - g e r, gestorben. Kommerzienrat Weinberger gehörte zu den bekanntesten Persönlichkeiten in der österreichischen Eisenindustrie. Er begann seine Laufbahn bei der Domänendirektion der ungarischen Werke der Staatseisenbahngesellschaft. — Nach dem „Secolo" hat sich ein Komitee gebildet, das sich mit einem Aufruf an das italienische Volk wendet, in dem dieses ausgefordert wird, eine Aktion gegen die ungerechte Behandlung einzuleiten, der die in Italien ansässigen Juden unterworfen sind. Der Aufruf ist unter anderen von dem bekannten Schriftsteller Sabbatino Lopez unterzeichnet. Protektor dieser Bewegung in Italien ist der Exminister Luigi L u z z a t t i. — Beim Einzug des Armeekommandanten Erzherzog Josef Ferdinand in das eroberte Lublin wurde derselbe auch vom Präsidenten der jüdischen Gemeinde, Boleslaw Wahrmann, mit einer Ansprache begrüßt. In seiner Antwort sagte der Erzherzog: „In Galizien habe ich erfahren, wieviel Ihre Glaubensgenossen durch die Feinde zu leiden hatten. Ich hege die aufrichtigste Teilnahme für ihre Leiden." — Aus Petersburg erhält die „Frankfurter Zeitung" auf Umwegen die Nachricht, daß die Militärbehörden in der großen Petersburger Synagoge zur Zeit des Gottesdienstes eine gründliche Durchsuchung Vornahmen. Man glaubte, daß in der Thoralade Vorrichtungen für drahtlose Telegraphie angebracht seien. - Obgleich die russische Presse nach wie vor auf Antrag der Negierung die Auszeichnungen jüdischer Soldaten unterdrückt, erfährt man doch, daß die jüdischen Soldaten in der russischen Armee sich durch Tapferkeit auszeichnen. So erhielt der Direktor der Gesellschaft für drahtlose Telegraphie in Petersburg Simon E i se n st a d t einebesondere Auszeichnung und wurde vom Zar zum Staatsrat ernannt, und zwar in Anerkennung seiner Verdienste um die Armee. Ferner erhielt der Militärarzt Dr. Schapira den Annenorden dritter Klasse, während der Freiwillige Gerson B l o z k i n wegen besonderer Tapferkeit, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, schon die dritte Auszeichnung erhielt. Blozkin hat die letzte Auszeichnung dafür erhalten, daß -er seinen Kommandanten unter Gefährdung seines eigenen Lebens vom sicheren Tode errettet hat. In Petersburger Blättern war es zu lesen, daß ein jüdischer Arzt - den Namen desselben hat die Zensur bezeichnenderweise gestrichen - nicht weniger als fünf hohe Orden mit den Schwertern für fein heldenmütiges Verhalten auf dem Kriegsschauplätze erhalten hat. Ueberaus groß ist die Zahl solcher jüdischen Soldaten, welche mit dem Georgsorden ausgezeichnet wurden. — Es ist wohl wenig be kannt, daß die Snltanshymne, die seit Beginn des Krieges in Wien bei feierlichen Gelegenheiten zugleich mit der österreichischen und der deutschen' Volkshymne gespielt und gesungen wird, von dein Wiener Musiker Professor Josef Sulzer, der auch zahlreiche Synagogenmelodien geschaffen oder instrumentiert hat, komponiert worden ist. In dieser Hymne hat der Komponist einen sehr volkstümlich gehaltenen Festgesang geschaffen, der das orientalische „Kolorit" mit künstlerischer Mäßigung festhält. Vor nicht langer Zeit war Sulzer eingeladen worden, seine Hymne in Konstantinope! vor dem Sultan selbst zur Aufführung zu bringen, und die Packende melodiöse Weise hat den größten Beisall Mohammeds V. gefunden Das Interesse des Großherrn an der ihm gewidmeten Hymne dürfte eine Folge haben, an die der Komponist am wenigsten gedacht Haber mag, denn wie die Wiener Blätter berichten, steht auf eine Weisunc des Sultans hin die Anerkennung dieser Hymne als offizielle türkische Hymne unmittelbar bevor. — Ter amerikanische Botschaften in der Türkei, Mr. Henry Morgenthau, ist von der Universitä Konstantinopel zum Ehrendoktor der Rechte ernannt worden.— Du amerikanischen Blätter berichten, daß Leo Frank, der vom Ge richtshofe des Staates Georgia wegen Ermordung einer Negerin zum Tode verurteilt und vom Gouverneur zur lebenslänglichen Kerkerstrafe begnadigt worden war, vor kurzem von einer 500köpfiger Schar aus dem Gefängnisse gezerrt und gelyncht worden ist. Schöw Rechtsznstände! Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastratze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.