Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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der Geschäfte der Stadtverordnetenversammlung fällt zeitlich im wesentlichen zusammen mit der glänzenden Verwaltnngsperiode unseres früheren Oberbürgermeisters Dr. Georg Bender. Er hatte erkannt, daß Bender der Besten Bester war, und er stand aus seiner Seite, auch in Fällen, wo ein Haschen nach Volksgnnst ihn vielleicht hätte ablenken können. Er wußte, was die Stadt Breslau an diesem Oberbürgermeister besaß, und er hielt es deshalb für seine bürgerliche Ehrenpflicht, der Schaffenskraft jenes Mannes tunlichst alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. In seinem engeren Bernfskreise als Anwalt wurde er bei Errichtung der Anwaltskammer am 1. Oktober 1879 sofort in diese Körperschaft gewühlt und wurde 1884 der Vorsitzende derselben. 1877 war er bereits Justizrat geworden, und 1894 erfolgte seine Ernennung zum Geheimen Justizrat. Ueberhaupt richteten sich, wo Freund öffentlich austrat, auf diese würdige und vornehme Persönlichkeit überall die Blicke, um ihn zur Führung zu berufen. So war er auch lange Jahre Vorsitzender des Repräsentantenkollegiums in seiner Gemeinde. Tie hohe Verehrung, die Geheimer Justizrat Tr. Wilhelm Freund bei Lebzeiten genossen hat, kommt in den seitens der hiesigen jüdischen Wohlsahrtsvereine wie insbesondere des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung ihm gewidmeten Nachrufen beredt zum Ansdruck. ,,Durch das am 26. d. M. erfolgte Ableben des Geheimen Justizrats Tr. Wilhelm Salomon Freund, lautet der Nachruf des Vorstandes und der Nepräsentantenversammlung der Synagogengemeinde, hat unsere Gemeinde einen überaus schmerzlichen Verlust erlitten. Eine ihrer ausgezeichnetsten Persönlichkeiten, in der ein bedeutsamer Abschnitt ihrer Geschichte verkörpert war, wird mit dem Tahingeschiedenen zu Grabe getragen. Getreu den Ueberlieferungen seines Hauses hatte er schon frühzeitig an den Bestrebungen unserer Glaubensgemeinschaft lebhaften Anteil genommen und seine wertvolle Kraft in den Dienst unserer Verwaltung gestellt. Er hat 46 Jahre ununterbrochen, davon 23 Jahre als Vorsitzender, der Repräsentantenversammlung angehört, in der er unsere Arbeiten durch den reichen Schatz seines Wissens und seiner Erfahrungen wie durch seinen stets geschätzten klugen Rat erfolgreich förderte. Nach den Vorschriften unseres Glaubens hat er auch wohltätigen Einrichtungen und Werken der Nächstenliebe niemals seine hilfreiche Mitwirkung versagt. Tie hohen Ehrenstellungen, die er bekleidete, und das große Ansehen, das er weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus genossen hat, gereichten auch unserer Glaubensgemeinschaft und Gemeinde zur Zierde; wir haben ihn mit berechtigtem Stolze den Unsrigen nennen dürfen. Wie er mit nie wankender Treue zu uns gestanden hat, so wird auch seinem ehrenvollen Namen als einem der Besten die dankbarste Erinnerung in unserer Gemeinde gewahrt bleiben." Aehnliche Nachrufe widmeten dem Andenken des Entschlafenen Professor Dr. M. B r a n n für die Unterstützungskasse des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen, Dr. Josef Schlesinger namens der Toynbeehalle und andere. Als Wilhelm Freund am 1. Mai 1901 sein goldenes Amtsjubilüum begehen konnte, häuften sich geradezu die Ehrungen, die ihm dargebracht wurden. Tie königliche Anerkennung fand ihren Ausdruck in der Verleihung des Roten Adlerordens dritter Klasse mit der Schleife; die Stadtgemeinde Breslau ernannte ihn zum Ehrenbürger, die juristische Fakultät unserer Universität zum Ehrendoktor. Glückwünschen!) erschienen die Vertreter der Behörden, der Oberlandesgerichtspräsident, damals Exzellenz v. Kunowski, der zugleich den Glückwunsch des Justizministers überbrachte, der Regierungspräsident v. Heydebrand und der Lasa, der Polizeipräsident Dr. Bien ko, der Oberstaatsanwalt, der Oberpostdirektor, ebenso wie Geheimrat Tr. Richard Förster und Geh. Sanitätsrat Dr. Grempler, beide im Namen der Gesellschaft für Vaterländische Kultur, Vertreter der Anwaltschaft Schlesiens und zahlreiche andere Abordnungen. Aus den Kreisen der Anwälte ging damals eine „Freund-Stiftung" mit ansehnlichem Grundkapital hervor, bestimmt zur Unterstützung notleidender Anwälte und deren Familien. Jenes Jubiläum ging der Vollendung des 70. Lebensjahres des Gefeierten nur um wenige Monate vorauf. Aber der Eintritt in das biblische Alter tat seinen Kräften und seiner Schaffensfreudigkeit keinerlei Abbruch. Er hat das große Glück gehabt, in voller Rüstigkeit und Gesundheit bis in das höchste Greifen-alter hinein seinem Pflichtbewußtsein durch reiche Arbeit Genüge tun zu können. Und als er zehn Jahre später sein diamantenes Amtsjubiläum feierte, wobei er durch den Roten Adlervrden zweiter Klasse mit der Zahl 60 ausgezeichnet wurde, traf ihn auch dieser Festtag noch inmitten seiner vielseitigen beruflichen'und ehrenamtlichen Tätigkeit. Ja, als seine Kräfte in den allerletzten Jahren doch unter dem schweren Drucke des Alters allmählich zu erlahmen begannen, wollte er sich keinerlei Ruhe gönnen, und es wurde ihm nichts schwerer als anzuerkennen, daß er der Natur doch ihren Tribut zahlen und sich allmählich entlasten müsse. Ein Alter in Untätigkeit hat er sich nicht gewünscht, und es ist ihm auch nicht beschieden gewesen. Er hat geschafft und gearbeitet bis in die letzte Zeit hinein, soviel es immer seine Kräfte zuließen, zum Segen unserer Stadt und der jüdischen Gemeinde. M. Hamburg, 27. August. Herr Rechtsanwalt Dr. Bertram A scher, der erste Vorsitzende des Jüdischen Jugendbundes, ist auf dem Felde der Ehre gefallen. Der noch im jugendlichen Alter stehende Verblichene hat sich um die Entwicklung des Jugendbundes große Verdienste erworben. Er genoß in weiten Kreisen unserer Gemeinde unb namentlich auch bei seinen Berufsgenossen hohe Wertschätzung, und erregt der Tod des so hoffnungsvollen Mannes allgemeine Teilnahme. Im Kriege zeichnete sich der Dahingeschiedene durch große Tapferkeit aus, er wurde zum Ofsizierstellvertreter ernannt und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Wenige Tage vor seinem Tode wurde er zum preußischen Offizier befördert. Seine edlen Charaktereigenschaften und seine Tapferkeit vor dem Feind werden der Jugendorganisation stets ein Vorbild sein und wird sein Andenken für alle Zeiten unvergeßlich bleiben. 2/D Wilhelmshaven-Rüstringen, 27. August. Der Neubau der S y n a g o g e, welcher ein schönes Gebäude darstellt, geht seinem Ende entgegen. Gleichzeitig sind ein Schulraum und ein rituelles Tauchbad damit verbunden. Die Einweihung sindet am 7. September statt. Ter Gottesdienst war seither in einem gemieteten Raume abgehalten worden, lvas wegen der zahlreichen jüdischen Seesoldaten — es sind etlva 200 bi$ 300 Mann momentan hier — für die Dauer nicht inehr genügte. Mit großen Opfern ist nunmehr dieser herrliche Bau entstanden, welcher der jüdischen Gemeinde und der Stadt zur Zierde gereicht. München, 27. August. Die „Bayerische Ehrentafel" enthält folgende Notiz: „Während der am 18. und 19. Februar gegen den Hauptgraben gerichteten Sturmangriffe unterzog sich der bei der 10. Kompagnie eines bayerischen Referveinfanterieregiments stehende Unteroffizier Max W i e s b a d e r , Kaufmann aus Heidelberg, als Gefechtsordonnanz den ihm gewordenen Aufträgen buchstäblich bis zur Erschöpfung seiner Kräfte. Als er und eine zweite Gefechtsordonnanz der gleichen Kompagnie, Gefreiter der Reserve Michael Am berge r von Türkheim, B. A. Mindelheim, am 18. Februar im Hauptgraben vorgingen, stießen sie auf den Feind, hielten aber, hinter Stahlschilden gedeckt, längere Zeit wacker stand. Auch als sich Wiesbader zur Meldungserstattung zurückbegab, bot Amberger den ununterbrochenen Handgranatenwürfen noch weiter Trotz, bis er eine Zerreißung des Trommelfells erlitt und ihm das Blut aus Mund, Ohren und Nase quoll. Beide erhielten die Silberne Medaille." G. A. Frankfurt a. M., 27. August. In Ergänzung des in der vorigen Nummer erschieneneil Berichtes über die Beisetzung Paul E h r t i ch s mögen hier kurze Allszüge aus der Gedenkrede des Rabbiner Tr. Lazarus und dem Nachrufe des Prorektors der Frankfurter Universität, Professor Dr. Panzer, folgen: Der Theologe, so ungefähr führte Rabbiner Dr. Lazarus aus, sucht nicht das Recht und hat nicht die Pflicht, die Arbeitsleistung des großen Mediziners zu skizzieren. Hinter dieser Leistung, unlöslich mit ihr verknüpft, steht das Persönliche, steht der Mensch, steht das Genie. Welch wunderbare Vereinigung geistiger Kräfte ist in ihm! Der Meister erfaßt die Idee mit der Macht der Intuition. Er formt sie mit dem unerbittlichen Zwang der Logik. Er füllt die festen Umrisse mit dem überquellenden Reichtum seiner scharfen Beobachtungen. Er rastet nicht, bis die Wahrheit plastisch gestaltet dem Beschauer sich darstellt, bis sie die Handhabe bietet, daß sie in der Wirklichkeit des Lebens den Menschen zum Segen gewandelt werde. Ein Grundgedanke, der ihn einst als jungen Menschen erfaßt, begleitet den Forscher bis auf die Höhen seines Wirkens. Im Festhalten an dieser Lebensidee wie in der hingebungsvollen Ausdauer seiner Arbeit tritt hell der sittliche Grundzllg seines Wesens zutage: die Treue. Dieser Adel seines Charakters offenbart sich in allen Beziehungen des Lebens. Das deutsche Vaterland sieht voll Stolz auf diesen Mann, der den Ruhm des deutschen