Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 36 Der Gemeindevote. Berlin, 3. September 1915 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. Korrespondenten und Nachrichten. Zeichnet die dritte Kriegssnlkihr! Abermals ergötzt an das -gesamte deutsche Volk die Aufforderung: Schafft die Mittel herbei, deren das Vaterland zur weiteren Kriegführung notwendig bedarf! Seit mehr als Jahresfrist steht Deutschland einer Welt von Feinden gegenüber, die ihm an Zahl weit überlegen sind und sich seine Vernichtung zum Ziel gesetzt haben. . Gewaltige Wasfentaten unseres Heeres und unserer Flotte, großartige wirtschaftliche Leistungen kennzeichnen das abgelaufene Kriegsjahr und geben Gewähr für einen günstigen Ausgang des Weltkrieges, den in Deutschland niemand gewünscht hat, auf dessen Entfesselung aber die Politik unserer heutigen Gegner seit Jahren zielbewußt hingearbeitet hat. Aber noch liegt Schöneres vor uns, noch gilt es, alles einzusetzen, weil -alles auf dem Spiele steht. Täglich und stündlich wagen unsere Brüder und Söhne draußen im Felde ihr Leben im Kampfe für das Vaterland. Jetzt sollen die Daheimgebliebenen neue Geldmittel herbei schaffen, damit unsere Helden draußen mit den zum Leben und Kämpfen notwendigen Dingen ausgestattet werden können. Ehrensache ist es für jeden, dem Vaterlande in dieser großen, über die Zukunft des deutschen Volkes entscheidenden Zeit mit allen Kräften zu dienen und zu helfen. Und wer dem Rufe Folge leistet und die Kriegsanleihe zeichnet, bringt nicht einmal ein Opfer, sondern wahrt zugleich sein eigenes Interesse, indem er Wertpapiere von hervorragender Sicherheit und glänzender Verzinsung erwirbt. Darum zeichnet die Kriegsanleihe! Zeichnet selbst und helft die Gleichgültigen auf-rütteln! Auf jede, auch die kleinste Zeichnung kommt es an. Jeder muß nach seinem besten Können und Vermögen dazu beitragen, daß das große Werk gelingt. Von den beiden ersten Kriegsanleihen hat man mit Recht gesagt, daß sie gewonnene Schlachten bedeuten. Auch das Ergebnis der laut heutiger Bekanntmachung des Rei-chsbank-Dir-ektoriums zur Zeichnung aufgelegten dritten Kriegsanleihe muß sich wieder zu einem großen entscheidenden Siege gestalten! Berlin, 31. August. In der Aula der jüdischen Knabenschule fand am vergangenen Sonntag eine würdige Gedenkfeier für den gefallenen Lehrer der Anstalt Gottfried Sender statt. Der Gemeindevorstand sowie der Schul- und Talmud- Thora-Vorstand hatten Abordnungen entsandt. Zahlreiche bekannte Persönlichkeiten aus Lehrer- und sonstigen wissenschaftlichen Kreisen nahmen an der Feier teil. „Harre, meine Seele", diesen Abschiedsgruß entboten jugendliche Knabenstimmen dem gefallenen Helden. „Herr, was ist der Mensch" sang Oberkantor D a v i d s o h n tief ergreifend und mit trostvollem Ausklang. Dann widmete Direktor Dr. Gutmann dem Berussgenossen einen Nachruf, in dem er ein anschauliches Lebensbild des Dahingeschiedenen gab. Er schilderte seine bedeutsame Wirksamkeit als Lehrer, besonders auf dem Gebiete der Naturwissenschaften. Er rühmte fein Pflichtgefühl, das ihm als Soldat die ehrenvolle Auszeichnung des Eisernen Kreuzes l. und 2. Klasse eintrug. Als Gefreiter zog er in den Krieg und rückte infolge seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit in kurzer Zeit zum Offizier auf. Am 13. Juni fand er als Kompagnieführer den Heldentod bei einem Sturmangriff vor Lemberg. Justizrat Breslauer gab der Trauer Ausdruck, die in den Gemeindebehörden wegen des frühen Heimganges des ausgezeichneten Lehrers herrscht. In derselben Stunde, da den Behörden ein Brief Gottfried Senders zur Kenntnis gebracht wurde, in dem er, unter Hinweis auf seine Pflichterfüllung als Soldat, einen ihm zugedachten Ehrensold ablehnte, traf ihn die feindliche Kugel. In markigen Worten wies der Vorsitzende des Schulvorstandes die anwesenden Schüler auf das leuchtende Vorbild ihres Lehrers hin. Das Gedicht „Vergiß, mein Volk, die teuern Toten nicht" und die Volksweise „Es ist bestimmt in Gottes Rat" die der Chor unter Leitung des Kapellmeisters K e l l e r m a n n in schlichter Innigkeit vortrug, gaben der Feier einen Abschluß voll tiefer Wirkung. Berlin, 31. August.. Unter der Ueberschrift „Musikpflege im Soldatenlager" schreibt Alfred Schattmann in der „Allgemeinen Musikzeitung": „Wir Deutschen sind Barbaren, das ist keine Frage. Man braucht nur einmal nach Zossen hinauszusahren, um das so recht zu spüren. In gemessener Entfernung an dem Gefangenenlager vorbei geht die Fährt; wie ein Idyll, wie eine Gartenstadt sah das alles aus. Deutsche Ordnung, deutscher ästhetischer Sinn, deutsche menschliche Fürsorge sprechen hier eine, beredte Sprache. Dann kommt man in die eigentliche Barackenstadt. Ich weiß nicht, wieviel Tausende jetzt hier wohnen und sich dem Dienst fürs Vaterland weihen, aber sicher sind es sehr viele. Eine Wache, ein Postenhäuschen in einem alten Baumstumpf, dann eine wahre Gartenstadt: lichte, luftige Wohngebäude, alles sauber und ästhetisch schön; große Speisehallen, hier „Speisesäle" genannt. Offiziersvillen, alles klar, großzügig, in der Einzelwie Gesamtwirkung schön ungeordnet: das ist so eine barbarische Soldatenörillanstalt. Man kann mit solcher Barbarei wohl zufrieden sein. Zuerst bekamen wir mancherlei Jnsanteriemusik zu hören. Einen „Prinz-Leopold-von-Bayern"- und einen Tranermarsch von Kapellmeister K e l l e r m a n n, dem verdienten Chorleiter und Pfleger hebräischer Musik, einer grundechten Künstlerseele, führte uns Arnold Ebel mit seiner Kapelle des Ersatzbataillons des 203. Infanterieregiments vor, gute Gebrauchsstücke, von K.e l l e nn ci n u selbst sicher instrumentiert. Ein Marsch „Der Landstürmer" und ein anderer „Mit Gott und Hindenburg" von Paul Schwers und ein „Kriegsmarsch der 163er" von Arnold Ebel, alle von Ebel für die Militärmusik glänzend instrumentiert, etwas abseits der ausgetretenen Pfade wandelnde Tonstücke, folgten. 2/D Rhbnik, 27. August. Eine Stiftung von 5000 Mark für Kriegsverletzte hat Tr. H aase mit der Bestimmung gemacht, daß diese 5000 Mark in größeren Betrügen, nicht unter 500 Mark, im Bedarfsfälle aber bis 1000 und 1500 Mark unter solche Kriegsverletzte aus Rybnik verteilt werden, die mit Hilfe der ihnen zusließenden Summe sich eine neue Existenz schaffen können. Als Anspruchsberechtigte kommen Einwohner von Rybnik ohne Unterschied der Konfession in Frage, Arbeiter der Haaseschen- Fabrik und ehemalige Zöglinge des israelitischen Waisenhauses in Rybnik. Die Stiftung ist in die Verwaltung des Magistrats übergegangen. . 6. 2. Breslau, 29. August. Am 26. d. M. ist der Ehrenbürger unserer Stadt Geheimer Justizrat Dr. Wilhelm Freund im 84. Lebensjahre sanft entschlafen. Ein Kind unserer Stadt, einer altangesehenen Breslauer Familie entsprossen, ist er seiner Heimat treu geblieben, und sein ganzes reiches Leben hat sich auf ihrem Boden abgespielt. Er wurde am 28. September 1831 geboren, besuchte das hiesige Friedrichs-Gymnasium und legte schon in seinem siebzehnten Lebensjahre die Reifeprüfung mit ausgezeichnetem Erfolge ab. In dem Sturmjahre 1848 bezog er die Universität Breslau, und wie sich damals der Jüngling von den Ideen der Freiheit durchtränkt fühlte, so ist er sein Leben lang unbeirrt entschieden liberalen Grundanschauungen treu geblieben. Schon im zwanzigsten Lebensjahre bestand er die Staatsprüfung. Am 1. Mai 1851 Promovierte er zum Doktor, 1856 wurde er Assessor und 1862 Rechtsanwalt und Notar. Rege nahm er in jener Zeit am politischen Leben teil. Er war eng befreundet mit den damaligen bedeutendsten Politischen Persönlichkeiten Breslaus, war tätig beteiligt an jener berühmten Adresse, die 1866 bei Ausbruch des Krieges unter Mitwirkung Franz Zieglers von Oberbürgermeister Hobrecht und dem alten Stein an König Wilhelm I. gerichtet war und in Magistrat und Stadtverordnetenversammlung zur Annahme gelangte und die der König „den ersten Lichtblick" in ernster Zeit genannt hat. Bald begann das Ansehen des jungen Juristen, obwohl sich dieser niemals in den Vordergrund drängte, allgemeine Anerkennung zu finden. 1871 wurde er zum Stadtverordneten gewählt, und fünf Jahre hindurch, von 1876 bis 1881, war er freisinniger Abgeordneter im Landtag und im Reichstage, in dem letzteren für Brestnu-West. 1887 wurde er zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt, und er hat dieses Amt volle 28 Jahre hindurch, bis Ende 1914, trotz seines hohen Alters mit unermüdlichem Eifer verwaltet. So lange hat noch niemand in Breslau an dieser Ehrenstelle gestanden. Seine Führung