Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 431 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Es wäre vornehmer. Der Diskussionsredner ist endlich am Ziel. Er verläßt, begleitet von dem etwas zu lauten Beifall der Zionisten, das Podium. Ich finde es begreiflich, daß der Nächste, einer vom Vorstand des Zentralvereins, sich in kurzen Worten sehr scharf gegen ihn wendet. Der Nächste, auch einer vom Zentralverein, spricht länger und lauter. So begreiflich mir der Aerger des Vorigen war, die Aufregung dieses Mannes verstehe ich nicht Er brüllt auch gegen die Zionisten an, er schreit ihnen zornig zu mit einem wilden Hurraton, daß er sein deutsches Vaterland liebe und jeden Tag bereit sei, die deutsche Fahne mit seinem Leben zu schützen. Nun ja, nun ja, wir glauben es ja. Ist so etwas nicht ganz selbstverständlich? Die deutsche Fahne ist doch Gott sei Dank augenblicklich nicht in Gefahr, und solche Todesopfer werden darum gar nicht von Herrn Mühlenbesitzer Salomon verlangt. Wozu also das wilde Pathos? Dieser plötzlich ausbrechende Kampfesmut? Ich sehe bei diesem nervenverletzenden Geschrei unwillkürlich auf meine Nachbarin, Frau Dr. Schlesinger. Sie ist noch so schwach. Ihr Sohn Fritz war ein halbes Jahr krank, sie soll den Jungen geradezu aufopfernd gepflegt haben. 9hm denke sich einer, eine Mutter stelle sich auf die Tribüne, um in heller Begeisterung und höchster Tonart von den Opfern, deren ihre Mutterliebe fähig sein würde, falls ihr > Kind erkranken — sollte, zu erzählen. Man würde sich totlachen über eine so alberne Frau. Selbstverständlich pflegt eine Mutter ihr Kind, wenn es krank ist. Selbstverständlich schützt jeder sein Vaterland, wenn es bedroht wird. Darum braucht sich keiner in gesunden und friedlichen Tagen den Lorbeerkranz ums Haupt zu winden. Recht haben die Zionisten, wenn sie den Schreier und seine unechten Gefühle verlachen, und ich ärgere mich, daß mein Papa leise „Bravo" sagt, als er geendet. Mehrere Bravos aus anderen Reihen tönen dem Herabkommenden, der sich ganz krebsrot geschrien hat und noch immer die Miene wilder Entschlossenheit zeigt (er opfert sein Leben scheinbar noch immer) entgegen. Neue Redner. Es ist eine lebhafte Diskussion. Man streitet sich um alles mögliche, spricht über alles mögliche — nur nicht über das Thema des Abends. Kein Wort von Adolfs Rede. Die Freunde und Gegner Verbündete, wenn es gilt, den Zweck des Abends zu vergessen und zu verwischen. Der Friedensgeist, der aus der Rede strömte, schon verweht, in wildem Sturm erstickt. Jetzt spricht wieder einer vom Zentralverein. Er nennt die Zionisten „Antisemiten". Ich blicke in heißer Angst auf Josua. Ich hebe die zusammengelegten Hände beschwörend zu ihm hin, er sieht mich gar nicht, weiß gar nicht mehr, daß ich auf der Welt bin. Aber er weiß-auch nicht mehr, daß Adolf Kaufmann auf der Welt ist, der Hauptredner des Abends, der Mann des Friedens, der eben beschwichtigend seine Hand auf den Arm des Sprechenden legt. Ein wütendes, bedrohliches Gemurmel in den Zionistenreiheu, in Zorn erblaßte Gesichter, selbst Moritz Hehmanns hübsches Gesicht hat seine Glätte und Heiterkeit verloren, es haben sieh verärgerte Linien hineingegraben. Und just in dem Augenblick muß dem Unvorsichtigen da oben ein anderer beispringen und muß hinunterrufen in die erregte Menge, daß Zionismus und Judentum überhaupt nichts miteinander zu tun haben — und daß die Zionisten sich nicht scheuten, einen getauften Juden in ihre Reihen auszunehmen. Ich weiß nicht, tvarum ich mir nicht mehr anders helfen konnte in meiner Erregung, als zu weinen. Ich weiß nicht, galten meine Tränen meinen Freunden da drüben, die meine Freunde nicht sein wollen und die ich schwer und ungerecht beleidigt sah; galten sie dem Friedensmann auf der Tribüne, der bestürzt, erschreckt dem zusah, was jetzt folgte. Die Reihen der Zionisten auseinandergerissen, die meisten nach vorn gestürmt, unter ihnen Josua mit seinem totblassen Gesicht, der die Menge zu überschreien suchte. Keiner saß mehr im Saal auf seinem Platz, ein angstvolles Stehen und Drängen, eine Spannung, eine Empörung, die Glocke des Versammlungsleiters läutete vergebens ununterbrochen, Redner von beiden Parteien versuchten mit gleich nutzlosem Eifer, sich das Wort zu erzwingen. Und in all dem Lärm, dem Wirrwarr der sich heftig hin und her bewegenden Gestalten, der leidenschaftlichen, vor Erregung entstellten Gesichter stand Adolf Kaufmann, der Mann des Friedens, und hielt seine beiden Arme bittend, beschwörend zu der erregten Menge hin ausgebreitet. Mir kam die Gebärde wie segnend vor. Ein anderer, einer mit stärkerer Stimme und härterer Energie, brachte die nötige Festigkeit des Tones aus, um durchzudringen und die Menge um Gehör für ein kurzes Wort zur Sache für Herrn Dr. Stern (Zionist) und das Schlußwort des Redners zu ersuchen. Und da war es, daß Adolf sagte: „Noch nie im Leben war ich so enttäuscht usw. Ich habe die weite Reise gemacht, um Ihnen den Frieden zu bringen,-und das ist mein Erfolg?!" Ich konnte nicht zu ihm. Sein Schwager ging auf ihn zu. Ich mußte Papa, der in höchster Aufregung war, wie alle ini Publikum, folgen. Wir begleiteten erst Frau Dr. Schlesinger nach Haus. „Da haben Sie ein Bild, gnädige Frau, wie es im jüdischen Reich wird aussehen," sagte Papa mit bitterem Spott. „Die haben 'ne Ahnung von parlamentarischer Ordnung. Etwa ja?" wandte er sich nach einer Weile zu mir. „Man soll sie nicht bis aufs Blut beleidigen," sagte ich und konnte die Tränen kaum zurückhalten, „dann werden sie so wenig die Bande der Ordnung zerreißen, wie andere. Den ganzen Abend ist von der Taufe als von etwas Ehrlosem gesprochen worden, und dann sagt man denen, die sich für ihr Judentum verbluten möchten, auf eine dumme Zeitungsnotiz hin nach, daß sie mit den Getauften sich verbrüdern". „Ach, die Gesellschaft," sagte Papa, als wolle er sagen: denen ist alles zuzutrauen. „Die sind ja alle zusammen verrückt." Und da ich nichts erwidere und Papa gewöhnt ist, aus verstimmtem Schweigen Vorwurf und Einwendungen zu hören: „Nu? etwa nicht? Warum sprichst du kein Wort?" Und ich: „Papa, was soll man über Verrückte noch viel sagen." Ich habe mir den Abend anders gedacht. Und doch, und doch,! Das kann noch nicht der Schluß sein. Ich hatte nicht das Glück, Adolf noch sprechen zu können, aber ich kann ihm ja schreiben, mir Wort für Wort seine schöne, arg mißhandelte.