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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-03 · Heft 36 (3.9.1915) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 36 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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430 der Zeit auf anderen Gebieten redlichen Erwerbs sich Ersatz verschaffen können, wenn nicht alle Lebensbahnen von der russischen Regierung eingeschränkt und eingeengt wären. 1895 sind von den in Smolensk wohnenden 132 jüdischen Familien nicht weniger als 111 ausgewiesen worden. Jüdischen Kranken wurde es verboten, in den kaukasischen, dvnschen und auch livischen Kurorten Heilung zu suchen; noch grausamer war der Befehl des Ministers Goremykin vom 20. Juli 1897, der den kranken Juden den Eintritt in die Kliniken und Spitäler Moskaus untersagte. In Warschau ist befohlen worden, den Juden unter keinerlei Vorwand den Eintritt in die öffentlichen Gärten zu gestatten. 1901 ist von der militärischen Oberbehörde ein geheimes Rundschreiben an die Kommandanten aller Regimenter des russischen Heeres ergangen, wonach anbesohlen wird, „die wegen Beleidigung gegen das Militär angeklagten und verurteilten Juden mit strengeren Strafen zu belegen als die übrigen Bürger. Künftig wird man gegen die Juden ausnehmend streng Vorgehen. Die Generalgouverneure werden das Recht haben, die Juden nach Sibirien zu schicken und die jüdische Gemeinde, zu der der Angeschnldigte zuständig ist, mit einer Geldstrafe zu belegen. Man wird sogar bedeutende Pfändungen vornehmen können, ohne darüber an die Lberbehörde zu berichten." Dieses ist bloß eine kleine Auslese aus den drakonischen Maßnahmen schon in den ersten „friedlichen Zeiten" des Regimes Nikolaus' II. Dazwischen gab es wieder einzelne Pöbelunruhen gegen die Juden in Nikolajew (1900) und in Czenstvchau, wo Hab und Gut, auch Menschenleben vernichtet wurden. Erst das Judenmassaker in Kischinew, Ostern 1903, eröffnete eine neue Serie von Verfolgungen, welche an bestialischer Roheit alle früheren Schreckenstaten übertrafen und die ganze Welt mit Entsetzen erfüllten. Die brutalen panslawistischen und allein beherrschenden Bestrebungen des Zarismus haben folgerichtig revolutionäre Umtriebe erweckt. Die Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit blieben gemäßigt denkende Bürger, ein Teil der Jugend — aus verschiedenen Gebieten und Berufen verwiesen — wurde in die Reihe der Unzufriedenen getrieben. Dieses genügte den panslawistisch-antisemitischen Führern, die ganze Schuld der Revolution auf den kleinen Anteil der Juden abzuwälzen und auch dem schwächlich veranlagten Zaren die Anschauung beizubringen, die jüdische Bevölkerung bilde einen Herd aller nihilistischen Umtriebe. Eine staatlich sanktionierte Hetze wurde eingesetzt, ungescheut dursten Agitationen gegen die Juden wüten. Diejenigen Zeitungen, die die blutigsten Angriffe auf die Juden schleuderten, wurden sogar von der Regierung mit Geld subventioniert. Der Finanzminister Witte war wohl bestrebt, aus Rücksicht auf die europäische und amerikanische Finanzwelt solcher ungerechten Verhetzung Einhalt zu bieten, und mußte daher 1903 einstweilen abdanken. Der mächtige Minister Plehwe sagte damals einer jüdischen Deputation: „Wir werden eure Lage in Rußland so unerträglich machen, daß die Juden bis auf den letzten Mann Rußland verlassen müssen. Sie bilden in Südrußland 90, im inneren Rußland 40% der Revolutionäre." Die statistischen Nachweise widerlegen diese ministerielle verlogene Behauptung, denn während des Höhepunktes der revolutionären Bewegung vom 23. November 1905 bis 23. August 1906 waren in der Anzahl von 12 694 politischen Verbannten nur 792 Juden, also 7,65 %2). Gleichwohl wurde mit Vorbedacht und systematisch die Wildheit des Pöbels entfesselt und am 6. und 7. April (Ostern a. St.) 1903 ein unmenschlich grausamer Pogrom gegen die zahlreiche jüdische Bevölkerung der Stadt Kischinew inszeniert. Das Ergebnis dieser unerhörten Greultaten gegen wehrlose friedliebende jüdische Bürger war: 50 verstümmelte Leichen, viele Hunderte verkrüppelte Verwundete, 800 zerstörte Häuser und Laden und ein Vermögensverlust vieler Millionen. Minister Plehwe versuchte mit kecker Stirn in seinem Zirkularschveiben an die Gouverneure die bestialische Greueltat von Kischinew zu rechtfertigen: eine christliche Frau wäre von dem jüdischen Inhaber eines Karussels geschlagen und verwundet worden, daher die Wut der Bauern. Der bekannte irländische Journalist Michael Devitt, der von einer amerikanischen Zeitung beauftragt worden war, über die Krawalle in Kischinew an Ort und Stelle zu untersuchen, wies nach, daß diese Erzählung des Ministers kein wahres Wort enthielt: der Inhaber des Karussells war ein deutscher Christ namens Mergert, der erklärt hatte, daß diese ganze Geschichte lauter Erfindung sei. Einer anderen irreleitenden Angabe des Ministers Plehwe, die Metzeleien zu Kischinew wären durch die Erpressung und den Wucher der Juden hervorgerufen, trat ebenfalls dieser unparteiische objektive Vertrauensmann Devitt entgegen, der weder Jude noch Protestant, sondern ein guter Katholik ist. Er behauptete, daß die Greueltaten kein zufälliger Aufruhr gegen die Juden waren, sondern vielmehr ein sorgfältig von den antisemitischen Anführern im Einverständnis mit den Behörden vorbereiteter Angriff. Der erste Vertreter der Regierungsgewalt in Kischinew, Gouverneur v. Raaben, der das zu seiner Verfügung stehende Militär direkt verweigerte, dem Aufruhr sofort ein Ende zu bereiten, sei für die Gewalttaten und für das Blutbad verantwortlich2). Selbst hervorragende edle Rusien haben diese Tatsachen eingestanden, zunächst der nachmalige Gouverneur Fürst Urussow, der die Angelegenheit genau durchsorcht hatte. Er schrieb: „Das vorherrschende Motiv bei der Plünderung war nicht bloß die Rache, sondern einfach die Ausführung von Handlungen, die nach Ansicht der Täter den Zielen der Regierung entsprachen oder geradezu als eine Vollziehung eines Zarenerlasses erschienen. So kann die Regierung won der moralischen Verantwortung für die Mord- und Raubtaten nicht freigesprochen werden." Der berühmte Denker Leo Tolstoi schreibt in einem rührenden Briese: „Das Verbrechen von Kischinew ist lediglich die direkte Folge der Propaganda der Lüge und der Gewalt, welche die russische Regierung mit so viel Energie betreibt. Die Haltung der Regierung angesichts dieses Ereignisses ist nur ein neuer Beweis für ihren brutalen Egoismus, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, sobald es sich um die Stilllegung von Bewegungen handelt, die ihr gefährlich erscheinen, wie für ihre Gleichgültigkeit gegenüber den schauderbarsten Arten von Grausamkeit, sobald sie nicht selbst dadurch in ihren Interessen getroffen wird." Maxim Gorki äußerte sich unter anderem wie folgt: „Wen muß man anklagen wegen dieses niedrigen Verbrechens, das uns Russen mit dem Blutzeichen der Schande brandmarkt, mit einem Zeichen, das Jahrhunderte auf den Blättern der traurigen Geschichte unseres barbarischen Landes nicht erlöschen wird? Es wäre ungerecht und es wäre auch naiv, den „Pöbel" dessen anzuklagen; denn der „Pöbel" ist das Werkzeug. Der Schuldige ist die verkehrte Gesinnung, die ihn zum Raub und zum Mord getrieben hat." Neben der wirklich geistigen Elite Rußlands hatte die gesamte zivilisierte Welt lebhaften Protest erhoben, das Gewissen der Menschheit verurteilte die Regierung als moralische Urheber der Pogrome. (Fortsetzung folgt.) 2) Philippson a. a. O. S. 181 und 201. 3) „Alliance"-Bericht 1903, S. 14.

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