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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-03 · Heft 36 (3.9.1915) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 36 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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429 von dem Minister einen zweijährigen Urlaub und verschwindet, so daß der Verbindung des glücklichen Paares nichts mehr im Wege steht. Das alles ist, obgleich es ausgezeichnet mit größter Spannung und mit vortrefslicher Charakteristik einzelner Personen erzählt wird, so ungeheuerlich, daß es mit Psychologie und Kunst überhaupt nichts mehr zu tun hat. Und d^r Haß? Der junge Stoelping haßt die Engländer, obwohl er sie kaum kennt; er ist, obgleich er völlig von allem englischen Einfluß entfernt erzogen worden ist, trotzdem in seinem ganzen Wesen Stockengländer, ja ein Verbrecher schlimmster Art. Und das soll wohl, wenn ich den Verfasser recht verstehe, der Roman lehren: ein Engländer ist und bleibt verrucht, und nur ein deutsches Mädchen kann ihn schließlich Tugend lehren. Da müssen wir denn doch ernstlich fragen, obgleich wir im Kriege mit den Engländern stehen und sie augenblicklich 31t hassen gezwungen sind: Ist das wirklich die Aufgabe der Kunst? Soll das ein Bild der Zukunft sein? Daß wir in 35 Friedensjahren zwar äußerlich mit England ganz gut stehen werden und doch die Ueberzeugung hegen sollen, der gebildete Engländer habe zwar polierte Fingernägel, einen gutsitzenden Frack, angenehme Manieren, aber er sei innerlich ein Lump und bleibe ein Lump, ob er mm in England oder Deutschland lebe, und wenn er auch schon von Kindesbeinen an eine vollkommen deutsche Erziehung genossen habe? Soll das wirklich die Charakteristik einer Nation sein, die, wenn man nur an Literatur und Wissenschaft denkt, der Welt einen Bacon, Newton, Locke und Shakespeare gegeben hat? Wenn wirklich dieser Haß gegen England vorhanden, den auch die Engländer gegen Deutschland erwidern würden und nach der Meinung des Verfassers vermutlich nicht minder die Franzosen, Italiener und Russen und wir unsererseits den Angehörigen dieser Nationen, dann hätten wir Alten wirklich keinen Grund, die Generation von 1950 zu beneiden. Herr Landsberger ist ein sehr talentvoller und erfindungsreicher Schriftsteller. Er weiß sich auch auf diesem Gebiet, das er nun zum erstenmal betritt, als Virtuose zu bewähren. Er unterhält, versteht es, zu spannen und aufzuregen. Es ist höchst amüsant zu lesen, wie man nach 35 Jahren mit einem Luftschiff in ähnlicher Weise spazieren fahrt, wie jetzt in einem Auto, wie man beim Telephonieren nach Paris in einer Sekunde mit dem Angerusenen verbunden ist, wie man in acht Stunden von Berlin nach Paris fährt und umgekehrt, und vieles Aehnliche. Aber Menschen zu schildern, mit denen wir uns eins fühlen, Zukunftsbilder zu entwerfen, an denen wir uns erfreuen, weil sie der Wahrheit entsprechen, das versteht er nicht. Während jeder wirkliche M-enschheitssreund hoffen muß, daß die Frucht dieses fürchterlichen Ringens, in dessen Mitte wir stehen, die Anbahnung gegenseitigen Verständnisses, die Zusammenarbeit der großen Kulturvölker zu einem gemeinsamen Ziele sein soll, verkündet dieser Roman die traurige Lehre, daß die Frucht des nun allzu reichlich ausgesüten Hasses nur immer neuer und stärkerer Haß sein wird und sein muß. Wir haben uns Lissauers Haßgesang gefallen lassen, ja, haben vielleicht darüber gejubelt, weil er der Ausdruck der augenblicklichen Empfindung war, aber wir weisen ein Blich von uns ab, das diesem zeitigen Gefühl den Stempel der Ewigkeit aufdrücken will. Die „Wohltaten" des haules Smnarmw. Von Leo Scheinhaus. VIII. (Fortsetzung.) it der Thronbesteigung des neuen Zaren Nikolaus II. am l. November (19. Oktober) 1894 schien es, als ob eine Aera des Friedens und der größeren Toleranz.sich leuchtende Bahn bricht und der ewige Hader endlich humanere Formen annehmen wird. In seinem Thronbesteigungsmanifest erklärte der junge Kaiser, sein einziges Ziel sei „die Beglückung aller treuen Untertanen". Auch die Juden schienen der huldvollen Berücksichtignng gewiß, und anfänglich gestaltete sich die jüdische Lage etwas verheißungsvoller. Um so mehr aber erwiesen sich die gehegten Hoffnungen trügerisch, die später erfahrene Enttäuschung war arg und äußerst bitter. Mangel an Folgerichtigkeit ist die verhängnisvolle Wesensart oder das Unwesen des schwächlichen Gewaltherrschers aller Reußen. Während er im ersten Jahrfünft seiner Regierung die schöne Idee eines allgemeinen Völkerfriedens propagierte und sich groß anschickte, ein Schiedsgericht der Nationen im Haag einzurichten, war seine Regierung im krassen Widerspruch zu den geflissentlich zur Schau getragenen Friedensabsichten. Sie hatte die gewaltsame Ausdehnung des russischen Machteinflusses kriegerisch betrieben und die gewalttätige Entrechtung ihrer eigenen nichtflawischen Landeskinder mörderisch vollzogen. Rußland führte furchtbare blutige Kriege wie kaum zuvor, und in der inneren Entwicklung des Riesenreiches sind seit Iwan dem Grausen nicht so viele Todesurteile gefällt worden wie unter diesem „Friedenskaiser" Nikolaus II. Selbst in den ersten anscheinend milden Regierungsjahren Nikolaus' II. machten sich wichtige Anzeichen bemerkbar, die zu den so zahlreichen Beschränkungen, welche die wirtschaftliche und geistige Tätigkeit der jüdischen Bevölkerung lähmen, neue hinzufügen. Man mußte somit mit lebhafter Besorgnis dein künftigen Schicksal der Juden in Rußland entgegensehen. Die Willkürakte der Lokalbehörden hörten nicht aus, in recht drückender Auslegung die Härten der berüchtigten Maigesetze von 1882 anzuwenden. Die mit dem Studium der Wirkungen dieser Gesetze beauftragten amtlichen Kommissionen konnten wohl ihre Abschaffung befürworten und Nachweisen, daß sie für den Bauer selbst eine Quelle des Elends sind, aber trotzdem war nicht die geringste Hoffnung vorhanden, daß die kaiserliche Regierung darauf einging. Die Maigesetze von 1882 blieben fortwährend das flammende Schwert, den Weg zum Lebensbaum für die Juden zu sperren. Und als wenn es nicht genug wäre an dem bereits erreichten äußersten Grad der Armut, mußte noch eine neue Reform eingeführt werden, die zwar allgemein wirtschaftlicher Natur ist, die um so mehr indirekt ganz besonders 190 000 jüdische Familien um ihre Subsistenzmittel brachte. Es ist die von der russischen Regierung lange vorbereitete Organisation des Alkoholmonopols. Nachdem diese große Reform in drei Bezirken des Ostens versucht worden war, wurde sie im Lause des Jahres 1896 in den Bezirken des Ansiedelunggebiets eingesührt. Man darf dem Fiskus nicht vorwerfen, er hätte damit die jüdischen Familien, die von der Fabrikation und dem Verkauf lebten, ruinieren wollen; aber während der Finanzminister in den östlichen Gouvernements, wo Stockrussen die bisherigen Schankwirte waren, diesen insofern Ersatz gewährte, daß er sie bei dem staatlichen Spiritushandel anstellte, ist für die Juden desselben Handelsgebiets diese Billigkeit nicht geübt worden. Nicht allein, daß den geschädigten Juden kein Ersatz geleistet wurde, man weigerte sich sogar, sie als gewöhnliche Arbeiter auf Tagelohn zu engagieren*). Andererseits aber ist die Wohltat dieser' Reform auch im Interesse der Juden nicht zu bestreiten. Dank dieser Neuerung ist dem Märchen, das den Juden fälschlich vorwars, daß sie die Bauern korrumpieren, ein Ende bereitet. Das Gastwirtschaftsgewerbe, das den Juden, als sie sich in Polen und Litauen niederließen, von dem polnischen Adel sozusagen aufgedrungen wurde, wird endlich durch dieses Staatsmonopol verschwinden. Der Eifer und die außerordentliche Befähigung unserer russischen Glaubensgenossen würden trotz des Verlustes dieses großen Erwerbszweiges im ruhigen Lause *) „Alliance"-Berichte, Jahrgänge 1896 und 1897. Scheinhaus a. a. O. S. 85.

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