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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-03 · Heft 36 (3.9.1915) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 36 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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428 Wilhelm Schmidtbonn uub ein einziges Gedicht von. Schröder. Ich selbst sinne dem Plane einer umfassenden Darstellung des gewaltigen Gegenstandes. seit längerer. Zeit nach und habe. schon viele Vorarbeiten dazu gemacht. Der Gegenstand müßte vertieft und gründlich aus den Quellen geschöpft werden. Es müßte sich darum handeln, nicht bloß das zusammenzustellen und Zu analysieren, was über den Soldaten gesagt wird, sondern auch über die Feldherren, über die Ursachen itnb die Folgen aller dieser kriegerischen Ereignisse. Außer den von unserem Herausgeber berührten Ereignissen müßten die Varusschlacht, die Völkerwanderung, die Nibelungenkämpfe, die Hohenstausenzeit, die Hussiten und das Auskommen der Hohenzollern, die Schweizer Kriege, die Nebenbuhlerschaft Deutschlands gegen Frankreich und Italien im 15. und 16. Jahrhundert, die Raubzüge Ludwig XIV., die Schlacht von Fehrbellin und vieles andere behandelt werden. In einem solchen Werk dürsten nicht ein paar einzelne Stimmen ertönen, sondern ein voller Chor der gesamten (lyrischen, epischen und dramatischen) zeitgenössischen Dichtung brausend erklingen. Vor allen Dingen aber müßte, damit der Gegenstand wirklich würdig und erschöpfend behandelt würde, neben der zeitgenössischen auch die spätere Dichtung berücksichtigt werden. Um mit ein einzelnes Beispiel hervorzuheben, würde es -nötig sein, bei dem Bauernkriege neben Volksliedern aus jener Zeit Goethes „Götz von Berlichingen" und Gerhart Hauptmanns „Florian Geher" zu berücksichtigen, und so müßte namentlich bei-den gewaltigen Ereig- Ibissen der deutschen Vorzeit die gesamte Literatur der folgenden Jahrhunderte mit in den Kreis der Betrachtung gezogen werden. Fände sich nur für ein solches grundlegendes Werk ein aufmerksames Publikum und vor allen: ein unternehmungslustiger Verleger. Ich will nnit diesen Bemerkungen den löblichen Versuch des Herrn Krell keineswegs herabsetzen, seine Sammlung in ihrer Beschränkung ist durchaus anerkennenswert. Ich wollte mit meiner Anregung nur zeigen, wie ich mir eine groß angelegte Schilderung des ganzen Gegenstandes denke. Schnchnowitz' Jüdische Skizzen-) handeln vom Krieg in einer ganz eigenartigen Weise. Es sind keine Meisterwerke, aber die Erzählung „Judel, der kleine Makkabäer", die Geschichte eines Judenjungen, der dazu gezwungen wird, Führer einer feindlichen Truppe zu werden, itnb nach manchen Mißhandlungen heil davonkommt, und „Ter Prophetenbaum", die Geschichte eines Baumes, der an einer Synagoge und vor der Rabbinerwohnung eines elsässischen Städtchens steht, sind gut erfunden und nicht übel erzählt. Patriotischer Sinn gibt sich in diesen und den übrigen Skizzen kund. Wäre nur das Ganze nicht so entsetzlich lodderich geschrieben. Alan kann wirklich nicht sagen: „Betend ging das heilige Haus in Flammen auf", und noch weniger: ,,Mit einem lusterschütternden Schma-Jisroel-Schrei schlugen die Feuergarben in die Höhe." Das sind nur zwei Proben, aber man könnte Seiten füllen, wenn mcm alle Nachlässigkeiten und Sprachwidrigkeiten aufzählen wollte. Auch in der zweiten Sammlung desselben Verfassers?) — meist Betrachtungen — herrscht wahrhaft patriotischer Sinn. Der Verfasser ermahnt die deutschen Soldaten jüdischen Glaubens, ihrem Judentum treu zu bleiben. Von seinem orthodoxen Standpunkt aus verteidigt er die Zeremonien etwas gar zu lebhaft. Von den Speisegesetzen zu sagen: „Ein unschätzbares Gut, vom Vater aus den Sohn vererbt, haben nur in unseren Speisegesetzen, die das Kriterium unserer Lebensheitigung sind", läßt sich mit dem von uns und der großen Majorität der Juden in Deutschland vertretenen Standpunkt nicht vereinigen. Von dem Kapitel „Unser Anschluß an das Volksganze" Hütte ich mehr erwartet, namentlich eine stärkere Hervorhebung des deutschen Patriotismus gewünscht. Aber die Anführung des alten Spruches: „Ter Mensch vergeht, die Atenschheit besteht. Und was ich mir errafft und errungen, es sinkt nicht mit ins Grab, es ist, sofern es nicht Jüdische Volksbücherei Bd. 16 (Kriegsschristen-Serie Nr. 1). Im Schatten des Weltkrieges. Jüdische Skizzen von S. Schachnowitz. Herausgegeben durch die Jugendorganisation der „Agudas Jisroel". Jüdischer Volksfchristenverlag G. m. b. H., Frankfurt a. M. :})' Jüdische Volksbücherei Bd. 17 (Kriegsschristen-Serie Nr. 2). Im Kriegslager. Von S. Schachnowitz. Heransgegeben durch die Jugendorganisation der „Agudas Jisrvel". Jüdischer Volksschristenverlag. G. m. b. H., Frankfurt a. M. den Untergang in sich trägt, für die Gesamtheit, für die Ewigkeit errungen", ist immerhin erhebend. Auch in dem Abschnitt „Wir tragen unseren Sinn in die Ferne" steht ein gutes Wort, das folgendermaßen lautet: „Auch die spätere Geschichte, die die Bilanz unserer Tage ziehen wird, sie wird nicht die einzelnen Tranen zählen, nicht die bangen Stunden, auch nicht die gebrochenen Mutterherzen. Sie lvird einen Strich unter das Ganze machen. Und die Gesamtsumme lvird erst den Menschen über Sinn und Zweck all des Unerforschlichen von heute belehren, sie wird den Siegeskreis, die geistige und ethische Bellte der Menschheit, für eine Ewigkeit gesichert zeigen." Aber freilich, auch diese Sätze hätten in besserem Deutsch vorgetragen werden können. Wir können trotz dieser Ausstellungen, und obgleich wir den Standpunkt des Verfassers in vielem nicht zu teilen vermögen, seine beiden Sammlungen doch im ganzen empfehlen. Den Schluß der diesmaligen Uebersicht mag ein Roman vor: Artur Landsberger^) machen. Herr Landsberger ist gewiß einer der erfolgreichsten Autoren unserer Tage, und es steht vielleicht einzig irr unserer Literatur da, daß zwei von ihm herausgegebeue Sammlungen jüdischen Inhalts: „Judentaufen" und „Ghettobuch", in vielen Auflagen erschienen sind, während sonst Bücher jüdischen Inhalts unbeachtet bleiben oder lauge Zeit dazu brauchen, damit die erste Auflage verkauft wird. Wir können es nur froh begrüßen, daß eine neue Sammlung von Ghettonovellen von demselben Herausgeber in dem gleichen Verlage vorbereitet wird. Während sonst in den meisten Romanen Landsbergers das jüdische Milieu durchaus geschildert wird öder zum mindesten einzelne Juden in dem Roman Vorkommen, handelt es sich diesmal um nichtjüdische Dinge und Personen. Der Konflikt ist vortrefflich angelegt: Ein englischer Knabe Smith, der Sohn eines englischen Ehepaares, das wegen Spionage oder Hehlerei erschossen worden ist, wird von den: Vorsitzenden des über die Verbrecher urteilenden Kriegsgerichts, einem Staatsanwalt von Stoelping, an Killdesstatt angenommen, und es handelt sich darum, zu zeigen, ob und wie dieses Kind, das, zum Manne herangereift, glühenden deutschen Patriotismus und grimmigen Haß gegen England in sich nährt, die Eigenart seiner Geburt verleugnet oder bewahrt. Dieses Problem sucht der Verfasser zu lösen; die Art und Weise, wie er es tut, ist aber, wie gleich von vornherein bemerkt werden soll, mißglückt. Statt die Jugendgeschichte zu erzählen, in der die allmähliche Entwicklung dargestellt werden müßte, überspringt der Verfasser 35 Jahre: der junge Willi von Stoelping (richtiger William Smith) ist Staatsanwalt, weiß von seiner Geburt nichts, empfindet glühenden Haß gegen England und bildet sich ein, als Mensch vortrefflich zu handeln. Aber er hat die schlimmsten englischen Eigenschaften von seinen Eltern und Vorfahren geerbt: er bringt im Wettrennen einen englischen Gegner zu Fall und entblödet sich doch nicht, in einem folgenden Rennen das Pferd desselben Engländers zu reiten, dein er damit zum Siege verhilft; er verliebt sich in ein Fräulein Harrison, die Tochter dieses Engländers, die übrigens vorzüglich geschildert lvird, obgleich er eigentlich gegen sie loie gegen alle Engländer starken Haß empfindet; er bringt es fertig, mit ihr Luftreifen zu machen, verlobt sich heimlich mit ihr, ist dann entschlossen, mit ihr zu brechen, und bringt doch mit ihr, der spröden Engländerin, eine Nacht 31t, nach der sie ihm lachend erklärt, sie werde sich mit einem Engländer, mit dem sie seit einem halben Jahre verlobt sei, verheiraten. Er ist im Begriff, einen deutschen Privatdozenten, Dr. Hernpel, Spezialist in der Hauptmann-Literatur (auch dies ein vorzüglich satirischer Zug), wegen eines politischen Mordes zu verllrteilen (Hempel hat zwar den Mord nicht selbst begangen, sondern einen Franzosen dazu angestistet), und bringt es doch über das Herz, sich als Staatsanwalt von der Brailt dieses Dozenten, in die er sich plötzlich verliebt, beloegen zu lassen, den Prozeß niederzuschlagen. Als Lohn für diese völlig pflichtvergessene Tat setzt er die Verlobung mit jenem Mädchen durch, obgleich dieses den Dr. Hempel weiter liebt. Schließlich aber wird er durch seine Braut, Ilse Schott, die Tochter eines Germanisten, des Lehrers jelles Dr. Hempel, über seinen Ursprung aufgeklärt. Das vermag er nicht zu verwinden, er löst die Verbindung, erbittet sich 4) „Haß." der Roman eines Deutsch-Engländers aus den: Jahre 1656. Von Artur Landsberger. München und Berlin, bei Georg Müller. 1915.

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