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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-03 · Heft 36 (3.9.1915) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 36 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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426 Krieg eine Neuwertnng weiblicher Arbeit zuwege gebracht, und viele geheime Wünsche nach dieser Richtung hin sind erfüllt worden. Ich wiederhole: das ist ein vorübergehender Zustand; daher gilt es, sich beizeiten für die Dauer zu präparieren; denn die Verheißungen für spätere Zeit können gar zu leicht trügen. Sorgt daher beizeiten vor! Eine Handhabe bietet jetzt die Betätigung in der Landwirtschaft. Frauen aller Stände, selbst Schüler und Schülerinnen, haben diese dem Menschen natürlichste Beschäftigung wieder mit Eifer und Lust ergriffen. Zudem müssen wir mehr Produkte der Landwirtschaft hervvrbringen, wenn wir der Allgemeinheit und i damit uns selbst nutzen wollen. In absehbarer Zeit dürfte! keine Erleichterung im Bezüge von landwirtschaftlichen Proj dnkten vom Auslande eintreten. Wir muffen selbst für uns! einstehen. Tie Beschäftigung mit ländlichen Arbeiten stählt I den Körper, schafft gesundes Blut, Zirkulation, ist ein Lebenselirier. Auch wirtschaftlich ist die Betätigung in diesem bisher wegen unserer Hyperkultur vernachlässigten Zweige empfehlenswert. Der Anban von Gemüse, Kartoffeln ist lohnend, wenn es in größerem Maßstabc betrieben wird. Oedländereien, unbebaute Bauplätze, brachliegende Heidestrecken finden bei rationeller Bearbeitung des Bodens, bei genügender Düngung hierbei gute Verwendung. Wenn die Mittel der einzelnen nicht ausreichen, dann ist ein Zusammenschluß mehrerer der Sache förderlich. Gemeinsame Arbeit, gemeinsame Kasse und Zusammenleben. Dieser .Kommunismus verpflichtet nicht für alle Zeit. Solange es gut tut, wenn gedeihliche Zustände danach eintreten, läßt man ihn bestehen sonst Trennung. Dem Ackerbau und den Gemüse- und Lbstanpflanzungcn lassen sich Imkerei, Molkerei und Geflügelzucht angliedern. Ter Markt, der Versand nach größeren Städten, nach Badeplätzen macht diesen Betrieb lohnend. Kaufmännische Kenntnisse sind besonders nötig; bei derartigen Betrieben ist eine erakte Buchführung, eine verständige Korrespondenz mit ein Hanptfaktvr zu gewinnbringender Zukunft. Fehlt das Geld zur Anschaffung landwirtschaftlicher Geräte, dann sind Tarlehnskassen, Vorschubvereine wie staatliche und private Darleihung von Geldern dafür in Anspruch zu nehmen. Energische, fleißige Frauen werden stets Kredit finden. Die Geflügelzucht muß besonders reiche Erträge liefern. Ter hohe Marktpreis für Eier, Jungnnd Mastgeflügel macht diese Zucht ganz hervorragend lohnend. Auch der gewonnene Honig von den Bienenstöcken ist einträglich; wir Produzieren bis jetzt lange nicht genügend für den Bedarf. Ter lleberfluß an Linden-, Akazieubäumen, der Reichtum an Blumen weist uns geradezu auf diesen Erwerb hin. Nimmt man sich die Mühe, aus dem etwa zurückbleibenden Honig, im Verein mit Zucker, M e t, das typische Getränk der alten Hebräer, Skandinavier und Germanen, zu brauen, ans Brot-, Lbstresten oder Fallobst Kwatz, das Nationalgetränk der russischen Volksmassen, herzustellen, dann ist dem deutschen Heere wie den arbeitenden Klassen mit dieser Fabrikation ein besonderer Dienst geleistet. Die Herstellung dieser beiden gegorenen Getränke, welchen das russische Volk seine robuste Gesundheit und Widerstandsfähigkeit verdankt, ist leicht. In einem späteren Aussatz werde ich die Herstellungsart bekanntgeben. Sie ist leicht zu erlernen und kann hauptsächlich von Frauen geübt werden. Wie sehr wäre unseren Soldaten mit diesen kohlensäurereichen, erfrischenden, das Blut flüssig erhaltenden Getränken gedient, wenn sie davon viel ins Feld bekämen! Bei der Landwirtschaft sind einige Kühe und ein bis zwei Pferde gut durchzufüttern. Man erspart hierbei, künstliche DüngemittÄ zu kaufen; man hat Zug- und Arbeitstiere zum Fortschaffen der gewonnenen Produkte an den Markt, an die Bahn wie zum Pflügen. Man gewinnt Butter, man kann Kälber aufziehen oder verkaufen. Es gibt so viele gewinnbringende Gelegenheiten hierbei, daß es zu weit führen würde, sie alle aufzählen zu wollen. Die jungen Mädchen oder Frauen, die sich der Landwirtschaft zuwenden, bedürfen im Sommer keiner Erholungsstätten, keiner Badekuren. Luft, Sonne, Arbeit behüten sie vor allen durch unsere falsche Lebensweise gezüchteten Leiden. Frisch ans Werk! Hier bietet sich euch, ihr jüdischen Mädchen, ein weites Feld zu gewinnbringender Tätigkeit, ihr könnt vorbildlich für viele eures Geschlechts wirken. Chaim lflathan Dembitzer. Von v. 8. haim Nathan Dembitzer war einer der gelehrtesten Rabbiner Galiziens lind eine viel umstrittenePersönlichkeit. Er vereinigte in sich den großen Talmudisten und den bedeutenden Historiker. Neben sehr lehrreichen rabbinischen Responsere hat er auch vieleAbhandlun gen über die Geschichte der Vier- Synoden (Wa'ad Arba Arozes) geschrieben; er stand im regen schriftlichen Verkehr mit den bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit wie Harkavy, Grätz, Kaufmann und vielen anderen, von denen er öfters in wissenschaftlichen Fragen zu Rate gezogen wurde. Sein Biograph und Schüler F. H. Wetstein gab neben einer Biographie Dembitzers auch einen historisch sehr interessanten Briefwechsel unter dem Titel „Michtawi Bekorat" heraus. Sein Hauptwerk auf geschichtlichem Gebiete war das Buck „Klilat Jofi", das seinerzeit großes Aufsehen erregt hat. ES enthält eine Geschichte vieler jüdischen Gemeinden und deren Rabbiner. Bon dem Werke, das vom Verfasser in zwölf Teilei: geplant wurde, konnten nur zwei Teile erscheinen; es blieb unvollendet, da ihn der Tod inmitten seines Schaffens weggeraffl hätte. Wegen seiner gerechten Kritik und seiner verneinenden Haltung zum Chassidismus verschaffte er sich auch viele Gegner, gewann aber auch sehr viele Anhänger, besonders in der aufgeklärten jüdischen Welt. Von seinen weiteren Büchern mögen X* i Lhaim Nathan Dembitzer.

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