Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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420 Ich glaube, nur zu gern hat er eingesehen, bah es ein nutzloses Opfer, ein Unrecht ist, gegen sich und mich, wenn er sich zurückzieht in seine eigensinnige Einsamkeit. Er hat ja selbst so schwer darunter gelitten. So kommen wir weiter zusammen, um uns zu streiten und zu quälen, das höchste Glück greifbar vor uns zu haben und uns zum Versagen zu verdammen. Und die Pforten des Paradieses sehe ich doch, Josua, und wir schreiten doch zusammen hinein. Den.1914. Als wolle Josua das, was die Erregung einer Stunde ihm entrissen, vergessen machen, so unpersönlich und teilnahmslos ist er zu mir. Ich glaube, wenn es mir einmal einfallen würde, zu sagen: „Du hast mir einmal gestanden, daß du mich liebst," er würde aufbrausen und es ableugnen. Mich schmerzt und enttäuscht sein Wesen jedesmal von neuem, und nur das eine macht, daß ich es ertragen kann: das Mitleid mit ihm. Denn die unverdiente und unnütze Zuchtrute, die er mir auferlegt, schmerzt und quält ihn so schwer wie mich, und ich weiß es, seine Härte und Strenge gilt ihm selber und nicht mir. Er ist barsch zu mir, um nicht weich zu werden. Und wozu das alles? Glaubt er es denn wirklich, daß wir „innerlich Feinde" sind, wie er immer sagt? Ein Zionist kennt nur Gleichgesinnte und Feinde, Zionisten und Assimilanten, „Unsere" und Abtrünnige. Da ich das eine nicht bin, muß ich das andere sein. Liegt es wirklich an meinem „Weiberverstand", daß diese Weisheit nicht in meinen Kopf hineingeht? Den.1914. Nein, daß ich mich so herzlich, so rückhaltlos noch freuen kann! Wie nett von Adolf, daß er mir persönlich mitteilt, daß er im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprechen wird. „Es muß Frieden zwischen den Parteien werden, noch ehe der Sommer ins Land zieht," schreibt er, „wir dürfen den Streit nicht in den nächsten Winter hinübertragen". Darum also so spät in der Jahreszeit noch ein Vortrag? Ich freue mich wie ein Kind auf das Wiedersehen. Und mehr noch — ich habe die Ahnung, daß Adolf auch mir den Frieden bringt. Ich weiß es selbst nicht, wieso, aber mir ist, als sei aus einmal eine unendliche Menge hindernden Gerölls fortgefegt vom Wege zu meinem Paradies. Den ...... 1914. Welch ein Abend! Ich wollte sofort an Adolf schreiben, aber nein, erst muß ich ein wenig zur Ruhe kommen, und die Nacht ist noch lang. An Schlafen denkt wohl kein Mensch, der die heutige Versammlung mitgemacht hat. Deinen Brief bekommst du doch, guter Schwager — ach nein, mein Schwager bist du ja nicht mehr —, guter Bruder Adolf. Und ich hoffe, noch manch einer wird dir schreiben und deine weisen guten Worte anerkennen, der heute abend nicht zu Worte kam und dem gleich mir dein schlichtes Wort: „Nichts im Leben hat mich so enttäuscht, wie der Verlauf dieses Abends," wie ein tiefer Vorwurf ins Herz schnitt. Aber das war ja dein Schlußwort. Was lag alles zwischen diesem und dem ersten Wort, das du, ein wenig zu leise für das große Publikum und die anfängliche Unruhe, im Saal sprachst. Erst nach und nach zwangst du die Hörer in den Bereich deiner ruhigen Stimme, die einem zuerst beinahe allzu schlicht, allzu schmucklos klang. Ich saß zwischen Papa und Frau Dr. Schlesinger, leider sehr weit ab von Josua und der ganzen Zionistengruppe. Weil Moritz Hehmann auch dort saß, war mir vor all den Leuten, die uns durch ihr Beobachten in peinliche Verlegenheit gebracht hätten, der Platz dort versagt. Josua hatte gelacht, als ich ihn wenige Tage zuvor dringlich bat, doch auch hinzukommen! „Was 'ne Frage! Selbstverständlich kommen wir." Als Adolf das Podium betrat, dachte ich ganz beklommen nur das eine: „Wird er bestehen?" Ich schaute ihn mir in I voller Herzensfreude über das Wiedersehen an. Mir fiel wieder seine Blondheit auf, die so hell ist, daß man die weißen Fäde> in Haar und Bart kaum erkennt, seine germanische Gesicht?- bildung und Augenbläue. Und doch würde ich ihn unter Tausenden als einen Juden erkennen, und ich denke, alle r Kundigen müßte es ebenso gehen. Ein Christ von dem gleichen Aussehen würde den Kopf höher recken, würde unbekümmerter und unbefangener umherschauen — etwas in Haltung un) Blick verrät den Juden, der von der Last der Jahrhunderte leis nach vorn gedrückte Rücken, der ernste wissende Blick, die Klage Israels, die auch aus blauen Augen tönt. Es muß wie eine Ahnung gewesen sein, daß ich in dei.i Freund den lieben Anwalt meiner Wünsche herbeigesehrk hatte. Was ich gedacht, gefühlt, gewußt, und was zu sage i ich zu ungeschickt gewesen bin, hier kam es hervor in klarer, logischer, selbstverständlicher Reihenfolge. Ach, hätte ich jetzt neben Josua sitzen, ihn erinnernd an den Arm fassen, seine zi - stimmenden Blicke suchen dürfen: „Siehst du, der kann dir sagen, wie ich es meine. Siehst du, das ist ein Mann, fei l „Weib mit Weiberverstand", und er sagt dasselbe wie ich, nur besser, klüger, überzeugender. Er sagt, daß es keine Feindschart gibt und geben darf zwischen Ansichten und Parteien, sondern ein Suchen nach Verständnis. Er reißt den Abgrund nicht künstlich aus zwischen euch und sich, er reicht euch die Hand darüber hinweg und zeigt die lange, lange gesegnete Streck? Weges, die wir alle miteinander gehen können zur eigene > Freude und zum Segen der Menschheit. Er zeigt euch, da : wir alle, so vereint, stärker und tatkräftiger werden, daß di? Spuren gemeinsamer Taten segensreicher, gewaltiger, erfolgreicher sich zeigen, als wenn die Kräfte des einen sich da ver suchen und die des anderen dort, und alle sich so zersplittere. Daß alle Wollenden und Schaffenden von einem einzigem Willen geleitet sind, von dem, Gutes zu erhalten und Gutes zu schaffen. Ganz in der Ferne zeigt er den Kreuzweg, da di? Zionisten dort hingehen und die anderen überzeugungstreue > Juden hierbleiben, aber die einen lösen sich nicht in Hochmut und Anmaßung von der Schar, und die anderen schauen ihnen nicht in Spott und Haß nach, sondern alle reichen einande die Hände zum kurzen Abschied und sagen: „Aus Wiedersehei an der Stätte, wo wir miteinander wirken können, wo wir ein ander stützen und brauchen zum Wohle des Ganzen". Er hat viel mehr, viel Besseres gesagt, aber ich kann es nid), so wiedergeben. Aufleuchtenden Blickes sah ich zu de. Zionistengruppe hinüber. Ich hatte keine Zustimmung au - ihren Reihen gehört. Waren sie so ergriffen? Ihre Gesichte blickten, von dem tiefen Ernst beseelt, der mich immer bei ihne> rührt, auf den Redner. Jetzt löste sich einer aus ihren Reihen; leider nicht Josua ich hätte so gern, so lebensgern gerade seine Antwort gewußt Nun sollte ich die eines Fremden hören. Aber nein? Was ist das? Das ist keine Antwort? Js der Mann nicht im Saal gewesen, als der Redner sprach? Kein Wort von der Rede, keine einzige Entgegnung daraus gar keine Erwägung irgendeines Wortes daraus. Wie ist mi denn? Das Thema des Abends lautet doch — Was der dor spricht, ist doch das zionistische Programm, nichts sonst, ii einer Ausführlichkeit, in einer Heftigkeit vorgetragen, alsolle es vergessen machen, daß noch andere Dinge, andere Gedanken in der Welt leben. Jetzt ha der Diskussionsredner schon so lange gesprochen, wie vorher der Redner des Abends; hier und dort klingt ein ungeduldiges ein zorniges „Schluß! Schluß!" durch den Saal, aber eifrig? Bravorufe der Zionisten ersticken immer wieder den Zwischenruf, Josua hat auch „Bravo" gerufen. (Fortsetzung folgt.)