Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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m zür früheren. Er hat große Heldengedichte geschrieben, nämlich: Waterloo, Leuthen, Ligny, Abukir, Die Schlacht am Nil. Alls Dem letzten werden nur einzelne Proben, die drei ersten vollständig gegeben. Außerdem wird eine Anzahl Dichtungen, und zwar: Balladen und Romanzen; Aus Preußens Vorzeit; Lebensbilder; Humoristisches; Naturbilder, mitgeteilt. Dem Ganzen steht eine hübsche Einleitung voran, in der das literarische Verdienst Scherenbergs liebevoll, aber ohne Uebertreibung gewürdigt wird. Es ist hier nicht der Ort, die Streitfrage über Scherenbergs Bedeutung als dichter im einzelnen zu erörtern. Nur das Verdienst des Herausgebers soll anerkannt werden, einen vergessenen Dichter dem gebildeten deutschen Publikum wieder vorzuführen. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß das große Publikum und selbst das literarhistorisch sehr gebildete, von Scherenberg kaum etwas anderes kennt, is Fontanes liebevolle Charakteristik. Und so war es höchst wohlgetan, gerade in unseren Zeiten an den Dichter zu erinnern, der sich nor nunmehr sechzig Jahren (denn die größeren Dichtungen Scherenaergs gehören dem sechsten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an) Mich und ernstlich bemüht hatte, die Großtaten des Siebenjährigen rrieges und des Befreiungskrieges seinen Zeitgenossen poetisch vor- '.llsühren. Es ist kaum denkbar, daß der Dichter jemals wieder neselbe Bedeutung. erlangt wie in den kleinen Zirkeln seiner Zeit, 'lber sein ehrliches Streben und sein stetiges und ernstes Arbeiten verdienen eine größere Berücksichtigung, als sie bisher dem verdienten Manne zuteil wurden. Aus diesen: Grunde muß man die lene Sammlung Höchstlichst willkommen heißen. Die Macht der Presse als der siebenten Großmacht ch vor und rührend des Krieges zu schildern, wäre gewiß eine dankenswerte 'lnsgabe. Nur gehören zur Lösung einer solchen ganz andere Kräfte Us die, über die Herr Alfred Schirokauer verfügt. Denn was er gibt, st nichts weiter als die Darstellung eines Revolverblättchens in Berm, das schließlich von russischem Golde bezahlt wird und nach schamosen Enthüllungen über die Privatverhältnisse eines türkischen Botchastsrates zugrunde geht. Und ferner die Vorführung einer gleiches von Rußland bezahlten, durch einen vaterlandsverräterischen deutschen inspirierten französischen Presse und andere Winkelblütter, ue haarsträubende, völlig blödsinnige Romane über Kaiser Wilhelm iitD über deutsche Verhältnisse den: unkritischen, lesehungrigen und evanchelustigen Publikum vorlegen. Was außer der Schilderung -ieser Blätter, die wahrhaftig nicht die siebente Großmacht bedeuten, andern nichts als ganz elende Schmierblätter sind, in denn Romane .eht, ist fast ebenso läppisch und gewöhnlich wie das bisher Erwähnte, y» ist der Liebeshandel eines deutschen Offiziers Heroert Ruß, ixs bruders des schmählichen Journalisten Victor Ruß, mit der Vochcer ines hohen türkischen Würdenträgers, die der Offizier aber auf- -eoen muß, da er gegen seinen Willen durch das nichrswüroige Berühren seines Bruders in die Preßhündel verwickelt wiro, ferner die Vermählung jenes Mädchens, eurer vollkommen emanzipierten rürcin, mit einem englischen Botschaftsrat. Daß schließlich öiqi' Frau hrem Manne, dem sie niemals angehört hat, davonlüuft mio zu hrem alten Geliebten eilt, der durch Vermittlung seines Bruders in brasilianisches Schiss für die türkische Regierung kaufen will, es -ach abenteuerlicher Fahrt bis nach Gibraltar bringt, aber von den ngländern zur Rückkehr gezwungen wird; daß Herbert wieder in as preußische Militär eintritt, verwundet und schließlich von seiner beliebten gepflegt wird; daß Fedor, der gemeine Lump, im Kriege di) plötzlich an sein Vaterland erinnert und in den Kümpfen in Polen ällt, das ist alles niedrigster Klatsch. Das Ganze, wenn auch spannend mb aufregend erzählt, steht auf einer so niedrigen Stufe gewöhnichen Lesefutters, daß es der großen Zeit völlig unwürdig genannt werden muß. Daß solches Zeug die Nerven mancher aufsehenüsterner Menschen kitzelt, daß das Buch daher schon in fünfter Aufuze erschienen ist, mag man wohl begreifen; mit Kunst und der ahrhaf-ten Vorführung politischer und Rechtsverhältnisse hat ein crartiges Alachwerk nichts zu tun. Wir können schon froh sein, daß er Verfasser unter allen diesen deutschen, französischen, russischen >nd englischen Schuften keinen Juden geschildert hat. H) Die siebente Großmacht. Roman von Alfred Schirokauer. 5. Ausl. :,'14. Qeskerheld u. Co. Verlag, Berlin ^15. Brr langt Kock. Roman von Anna Goldschmidt. (16. Fortsetzung.) ^^^ürden Sie mit nach Palästina gehen?" Seine Stimme klingt merkwürdig trocken und hart nach dem Gesprochenen in meine Erregung hinein. Aber der Untersuchungsrichtertvn schreckt mich heute nicht. Sein Geständnis hat mir eine wunderbare Sicherheit gegeben. »Ja, Josua, jede Stunde!" „Aber es könnte Ihnen nie eine Heimat sein?" „Wo der Mann lebt, den ich liebe, da ist meine Heimat." „Ach so, nur darum." Eine Enttäuschung zittert in seiner Stimme. Was mir höchste Seligkeit ist, bringt ihm eine Enttäuschung. Ach ja, Mann und Weib! Zwei Welten. „Sie würden sich nach Deutschland, Ihrer Heimat zurück sehnen?" Wieder der herrisch ausfragende Ton. Die Worte „Ihrer Heimat" hat er spöttisch betont. „Vielleicht, Josua," sage ich sanft und merke, baß ich ihn bittend, wie um Verständnis flehend, anschaue. „Es mag wohl sein, daß selbst, wenn man noch so glücklich ist, in aller Seligkeit, den geliebten Mann zu besitzen" — Ich merke, was er nicht merkt. Daß er — wir waren längst in der Erregung aufgestanden — in leiser Ungeduld mit dem Fuß aus den Boden stößt. „Sie sehen alles nur von Ihrem Winkel, von Ihrem rein persönlichen Schicksal aus." Jetzt schweige ich doch ein wenig verletzt. Aber ich warte glücksbereit. Er muß ein begütigend, ein warmes Wort sagen — er liebt mich ja. Er hat es mir doch gesagt. Wir gehen langsam in nachdenklichem Schweigen tiefer in den Park hinein. „Wie denken Sie über den Vornamen Isaak Bär?" Ich fühle, daß ich aufglühe, denn sofort weiß ich, was diese Frage bedeutet. Josua, merkst du denn nicht, daß ich über so etwas mit dir nicht reden kann? Ist es möglich, daß ich diese Frage einmal unbefangen, streitlustig und ohne Verlegenheit mit dir und mit — noch einem habe behandeln können? Wie fern muß sie meinem Gefühl, wie weitab der Wirklichkeit für mich gelegen haben! Aber der Mann neben mir ist ohne Gnade. Er beachtet nicht, daß ich bald ersticken will in meiner Glut und mein Gesicht gesenkt hätte, weil es die heiße Scham dahin zwingt. „Nun?" fragt er herrisch. Wieder höre ich einen leisen Spott. „Wenn wir uns heirateten, Esther, auch hier in Deutschland, müßte unser ältester Sohn nach meinem seligen Großvater Isaak Bär heißen." Ich fühle den rechthaberischen, spottenden Blick auf mir, ich erkenne die Gefahr der Stunde, da zwinge ich mein erglühtes Gesicht hoch und presse entschlossen heraus: „So schützen Sie ihn vor Yen Folgen dieser Notwendigkeit. Ich" — ein Seufzer preßt sich zwischen die Worte — „würde mich fügen." Ein leises Auflachen. „Armer Junge," sagt er, „der lebenslang einen Namen trügt, in den sich seine Mutter hat „fügen" müssen. Esther, sind Sie wirklich so blind, daß Sie den Abstand nicht sehen, der zwischen Ihrem Empfinden liegt und dem meinen?" Ich schüttle den Kopf: „Nicht ich bin blind, Josua, sondern Sie." Und wir reichen uns die Hände zum Abschied. Doch nicht zum ewigen. Wir haben uns beruhigt und haben das Künftige besprochen, wenigstens das, was zunächst liegt.