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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-27 · Heft 35 (27.8.1915) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 35 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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418 mit ihm fühlen, in einer oft dithyrambisch gefärbten Sprache als IKcmentu für die Zukunft nieder schreibt. Thomas Mannkannten wir bisher mir als Romanschriststeller, und zwar als einen unserer bedeutendsten; jetzt lernen lvir ihn als Publizisten kennen, der kräftige Worte Zu sagen weist. Was er in dem ersten Aufsatz: „Gedanken über den Älrieg.", aus spricht über den Gegensatz von Aviütnr und Zivilisation, ist höchst gediegen. Sehr beherzigenswert sind seine kräftigen Worte über die sogenannte Zivilisation, die so lauten: „Gräßliche Welt, die nun nicht mehr ist — oder doch nicht mehr sein wird, wenn das große Wetter vorüberzog! Wimmelte sie nicht von dem Ungeziefer des Geistes wie von Maden t Gor und stank sie nicht von den Zersetznngsstossen der Zivilisation? Wäre sie nur anarchisch, nur ohne Kompaß und Glauben, nur wölfisch-merkantil gewesen, es hätte hingehen mögen. Aber ein geiler Mißbrauch eben jener Widerstände und Entseuchungsmittel, die sie aus sich hervorzubriugen suchte, machte ihre Abscheulichkeit vollkommen." Bon dieser Gegnerschaft gegen die Zivilisation aus wird die Berechtigung des Utilitarismus in eigener Weise begründet. Der große Aussatz, nach dem das Buch seinen Titel führt, ist eine Art Prophetemvort für die Gegenwart. Der Schlußsatz sagt, was der Bersasser will. Er lautet: „Friedrich mußte Unrecht tun und ein ^eben gegen den Gedanken führen, er durste nicht Philosoph, sondern mußte König sein, damit eines großen Volkes Erdensendung sich erfülle." Alaun zeigt in dem Aussatz, daß Friedrich sich gegen eine Welt von Feinden wehren mußte, gegen sie zu behaupten imstande war und dadurch uns ein nachahmenswertes Beispiel gegeben hat. Ter Schlußaufsatz des Werkes „An die Redaktion des „Svenska Dagblad" in Stockholm", die Antwort aus eine Rundsrage, kann hier übergangen werden. Das ganze Werk hat mehr Wert als Dokument, wie ein sinniger Mensch sich in diesem furchtbaren Welrbrande zurechtzufinden sucht, als daß es besonders viel neue historische und politische Aufklärungen enthält. Aber es ist mit solcher Wärme und solcher Kraft geschrieben, daß es als eine höchst wertvolle Erscheinung charakterisiert werden kann. Mit der Schilderung der Kämpfe um Lüttich wird eine neue Sammliing eröffnet, von der schon einige Bände erschienen sind, und zwar: Franz Oppenheimer, Weltwirtschaft und Nationalwirtschaft, Theodor Fontane, Der englische Charakter heute wie gestern,.und Lucia Dora Forst, Preußische Prägung. Die hier anzuzeigende Schilderung-h ist höchst anschaulich. Sie bringt Beispiele wunderbaren Heldenmuts zur Kenntnis. Ganz besonders, wichtig ist die auch sonst vielfach bezeugte Konstatierung der Tatsache, wie belgische Bürger, nicht Soldaten, die Deutschen vielfach beschossen haben. Die Schrift teilt mit die furchtbare Bestrafung, die solchen Feiglingen zuteil wird. Alan erkennt aus ihr die Riesenausgabe, mit der unsere Sanitätssoldaten zu tun haben, den Eifer und die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre schwere Pflicht ausüben. Natürlich können solche Einzelbeobachtungen sich nicht zu einer allgemeinen Belagerungsgeschichte erweitern, aber sie geben treffliche Bemerkungen, und das Buch ist daher als Beitrag zur Erkenntnis des ersten gewaltigen Ereignisses des an heroischen Taten so gewaltigen Krieges besonders willkommen. Wir sind erfreut, nach der Flut von Broschüren, Predigten, dickleibigen Sammlungen von Schnurren, politischen Betrachtungen, Gedichten, Karten und Bildern einmal ein gutes Buch anzeigen zu können, das im Kriege entstanden ist und auf den Krieg Bezug hat?) Ter erste, kleinere Aussatz „Krieg, Theater, Literatur" gibt sehr lehrreiche Mitteilungen über die Gagenverhültnisse, über die einberufenen Schauspieler, besonders lehrreich ist die Zusammenstellung aller sogenannten Kriegsstücke S. 15—19 Anmerkung. Bestimmte Angaben über die Einnahmen der deutschen Theater finden sich nicht. Eharakteristisch ist, daß nach verläßlichen Mitteilungen die Pariser- Theater vom 1. August 1914 bis zum 1. Mürz 1915 nur 800 000 -) Friedrich und die große Koalition. Bon Thomas Mann. Berlin 1615. Verlag S. Fischer. -*) Ans den Kämpfen um Lüttich. Von einem Sanitätssoldaten. Berlin 1615. Verlag S. Fischer. '') Theater und Krieg. Von Heinrich Stümcke. Oldenburg und Leipzig 1615. Verlag Schulzesche Hosbuchdruckerei und Verlagsbuchhandlung <Nudols SchwartF. Francs statt wie sonst 17 500 000 Francs eingenommen haben. Sodann wird die Stellung der ausländischen Theaterschriststeller zu Deutschland erörtert, und vor allem werden die sogenannten Revanchestücke während der letzten Jahre einer Besprechung unterworfen. Fm Gegensatz dazu wird die Stellung der deutschen Theater dem Ausland gegenüber gewürdigt und dabei ein sehr schönes Wort Klopstocks angeführt, das so lautet: Nie war gegen das Ausland Ein anderes Land gerecht wie du! Sei nicht allzu gerecht, mein Volk, Sie denken nicht edel genug. Zu sehen, wie schön dein Fehler ist. War schon dieser erste Teil ungemein beachtenswert, so ist der zweite Teil, der etwa zwei Drittel des ganzen Werkes einnimmt: „Deutschlands große Kriege im Spiegel der dramatischen Dichtung", oer die Epoche von 1618 bis 1870 durchnimmt, eine ganz vortreffliche historische Darstellung. Entsprechend seinem Arbeitsgebiet, der Geschichte des Theaters, beschränkt sich der Verfasser auf die dramatische Literatur, läßt also absichtlich die epische und lyrische beiseite. Aber in der Behandlung seines eigentlichen Themas ist er so genau und vollständig, wie man nur wünschen kann. Gründliche Kenntnisse der Quellen, sorgfältige historische Studien, eine gefällige Darstellungsgabe machen diese Ausführungen, die ein bisher wenig beachtetes Thema mit Gediegenheit und Ernst behandeln, zu einer unentbehrlichen Quelle für den Historiker und geben auch dem gebildeten Leser ein höchft anschauliches, wenn auch nicht immer erfreuliches Bild der Art, wie die Dichter vergangener und gegenwärtiger Zeiten das gewaltige Ringen der Vorzeit dargestellt haben. Das Buch gehört zu den Erscheinungen, die eben nicht mit dem Kriege vergehen können, sondern als wichtiges geschichtliches Material auch für die Zukunft bleiben. Leo Sternbergs Sammlung5 * 7) will das Beste aus der poetischen Kriegsliteratur zusammenstellen. Für: unsere Zwecke sei daran erinnert, daß außer Sternberg, der von Juden stammt, vier deutsche Dichter jüdischer Herkunft berücksichtigt werden: Bab, Kerr, Lissauer, Zuckermann. Sie alle sind in diesen Uebersichten schon häufig genannt worden; auch auf Sternberg wurde bereits eingegangen, so daß eine nochmalige Besprechung der Poesien dieser Schriftsteller hier unnötig ist. Sonst enthält die Sammlung einzelne recht hübsche Lieder, aber auch vieles Mittelgute; so hätte z. B. das Lied eines Obertertianers in Charlottenburg ebensogut weggelassen werden können, lvie ein recht unbedeutendes Gedicht der unvermeidlichen Isolde Kurz. Seligmanns Rede8), die auch literarische Erinnerungen über Lessing und Nicolai beibringt, ist sxhr schön. Sie lehrt uns, über den Haß gegen die Nationen, die uns wehe getan, die Menschlichkeit und die Liebe zu den einzelnen nicht zu vergessen. Die gedankenreiche .sehr, schön geschriebene Schrift wird beschlossen durch ein Gedicht Max v. Schenkendorss. Es wäre gut, wenn die letzten Verse aus dieser Dichtung wirklich in aller Seelen erklängen. Sie lauten: Aber einmal müßt ihr ringen Noch in ernster Geisterschlacht Und den letzten Feind bezwingen. Der im Innern drohend wacht: Haß und Argwohn müßt ihr dämpfen, Geiz und Neid und böse Lust, Dann nach schweren, langen Kämpfen. Kannst du ruhen, deutsche Brust. Scherenberg I gehört gewiß zur Kriegsliteratur, nicht zur gegenwärtigen, denn er ist schon am 11. September 1881 gestorben, aber 5) Wiesbadener Volksbücher Nr. 177. Kriegslieder 1614/15, ausgewählt von Lev Sternberg. Verlag des Volksbildungsvereins zu Wiesbaden. Preis 25 Pfennig. 8) Völkerhaß und Menschenliebe. Vvrtrag, gehalten im Ausschuß für Volksvorlesungen zu Frankfurt a. M. am 16. Mai 1615 von Dr. Cäsar Seligmann. Preis 10 Pfennig. Im Kommissionsverlag der Buchhandlung F. B. Auffarth, Frankfurt a. M. 7) Meyers Volksbücher Nr. 1686—1662. Ausgewählte Dichtungen von Christian Friedrich Scherenberg. Heraüsgegeben von Heinrich Spiero. Leipzig und Wien. Preis 40 Pfennig.

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