Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Es öffnete seine Spalten nicht nur den Zeitfragen und beschäftigte sich nicht bloß mit den brennenden Angelegenheiten des Judentums, sondern wurde auch ein Bote und Verkünder der Schönheit unserer alten Lehre, der Weisheit unserer traditionellen Literatur und der Aufgaben des heutigen Judentums um die Erhaltung und Fortpflanzung »der ererbten geistigen Güter. Seine „Perlen aus Midrasch u n d T a l m u d" wurden auch in nichtjüdischen Kreisen gern gelesen und verschafften dem zarten, menschenfreundlichen Gefühl und der geraden, frommen Lebensauffassung unserer alten Weisen und damit auch dem Judentum Ehre und Wertschätzung. Die oft wiederkehrende Rubrik „Met u r g e m a n " behandelte volkstümliche Fragen aus dem Beceiche jüdischer Sitten und Gewohnheiten, aus der mittelalterlichen Literatur usw. Es gelang Szabolcsi, eine große Gemeinde von Anhängern zu schaffen, seine Leser gleichsam wie eine Familie um sich zu versammeln. Man eilte »um Rat und Tat zu ihm, sein Wort war ausschlaggebend. Selbst in religiösen Fragen wandten sich einzelne Gemeinden an ihn. Sein Lob konnte erheben, sein Tadel erniedrigen und stürzen. 1 Eine Kampfesnatur wie er war, hatte Szabolcsi natürlich auch manchen Gegner und Widersacher, hauptsächlich in den Reihen der Orthodoxen und der Zionisten. Erstere verargten es ihm, »daß er auf manche Verkehrtheiten offen hinwies und manche verderblichen Schäden unerbittlich aufdeckte. Dem Zionismus trat er gleich von Anfang an energisch entgegen, weil er von ihm eine Beeinträchtigung unserer Gleichstellung befürchtete. Leider war sein Körper viel zu schwach, all diese riesige Arbeit ohne Schaden für die Dauer zu ertragen. Dem ewigen Kamps, den nervenzerrüttenden Aufregungen, der übermenschlichen Arbeitslast waren seine Kräfte nicht gewachsen. Wie ein Trauerredner es so trefflich ausdrückte: „Du Seele, deren wilde Glocken den schwachen Turm so schwer erschüttert, bis sie ihn ganz zu Boden rissen." Nun ist sie verstummt für immer! Noch während seiner Krankheit hatte Szabolcsi heftige Fehden zu bestehen und gürtete wieder einmal seine Lenden mit dem Schwert gegen Angriffe auf das ungarische Judentum. Gegen die Verleumdung, als gebe es bei uns viele Drückeberger, öffnete er die Spalten seines Blattes nicht bloß zu abweisenden Entgegnungen, sondern führte allwöchentlich aktenmäßige Gegenbeweise gegen diese Anklage und wand jenen ungarischen Israeliten, die sich auf dem Felde der Ehre besonders hervortaten, den Lorbeer ums Haupt. Der letzte Sieg noch, den er in der Woche vor seinem Tode errang, war, daß er einen nichtjüdischen Theologen, einen angeblich großen Talmudisten, der, in den Deckmantel der Wissenschaft gehüllt, die alte Blutlüge unter einem neuen Titel auffrischen wollte, zur Abbitte und zum Rückzug zwang. So endete sein Leben harmonisch, mit demselben Akkord, mit dem es begonnen. Das ungarische Judentum wußte seinem treuen Sohn, seinem Kämpfer, der Wacht hielt aus hoher Warte und so oft für Israel in die Bresche trat, edlen Dank. Fast alle Gemeinden des Landes ließen sich an seinem Leichenbegängnis, das am 21. Juni stattfand, vertreten. „Und große Ehre ward ihm angetan in seinem Tode." Am Tage der Bestattung schon ist von einer der vornehmsten ungarisch-israelitischen Körperschaften eine Sammlung eingeleitet worden, um dem Verewigten ein würdiges Grabdenkmal als Dank der ungarischen Judenheit zu errichten. Das Gute, das er gestiftet, sichert ihm ein unvergängliches Andenken im Herzen seiner Glaubensgenossen. Ged ächtn is des Gerechten sei zum Segen!" kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. Via. in ernster, patriotisch gesinnter, begeisterter üötain1), nicht von Beruf Schriftsteller, der sich unter dom Pseudonym Ernst August Thüring verbirgt — ein Pseudonym, das ich weder lüften kann, noch will —, legt in diesem Buch die Eindrücke dar, die er in den letzten Juli- und den ersten Augusttagen des Jahres 1914 empfangen hat. Er wollte damals an der Nordsee und eilte, als die Kriegsgerüchte immer lauter erschollen, mit seiner Frau und seinen' zwei Kindern über Weimar und Jena nach Süddeutschland. Seine, seiner Gattin und seiner Kinder Empfindungen werden lebhaft beschrieben. Es ist oft mehr ein leidenschaftliches Stammeln »als eine ruhige Erwägung. Eine ungemein starke und sympathische Verehrung für Bismarck und Goethe, dessen Verse, besonders viele aus dem Festspiel „Des Epidemides Erwachen", angeführt werden, eine große und echte nationale Begeisterung gibt sich kund. Der Verfasser skizziert gleichsam als Mahnung und Erbe für die Zukunst seiner Kinder die Eindrücke, die er von rührend ergebenen alten, von frischen, jungen, begeisterten Kriegern empfangen. Er ist fest überzeugt von dem Rechte, das auf unserer Seite ist, wünscht und erfleht den Sieg für unsere Truppen. Das ist kein Buch, an dem man Kritik üben darf; man muß nur bekennen: Hier spricht ein enthusiastisch gesinnter Patriot, der das, was er empfindet und was Millionen *) Die heilige Zeit. Des Weltkriegs erste Tage. Von Ernst August Thüring. Leipzig 1915. Verlag von Hesse u. Becker. Max Szabolcsi Redakteur und Herausgeber des „Lzyeulösög". I; NW- . -V; MW