Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
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414 (jrtrt au die Wand gelehnt, gibt er den Platz zum Vorbeigehen frei; .einige Worte werden gewechselt, und er ist bald wieder dem Blick entschwunden. Ter Graben beginnt nun sich zu teilen, und Wegweiser zeigen die Nichtung zu einem Torfe hin oder vielmehr zu dem, was vor Monaten ein Tors gewesen war, und was jetzt nur noch ein Haufe von Trümmern ist, zwischen denen sich ein Grabengewirr an die Tchützeustellungen heranzieht. Hier hört die Einsamleit nitf; in den Gängen ist ein Koinmen und Gehen. Behausungen, Tchreibstilben, Küchen, Unterstände sind in den geschützten Kellern eino.erichtet; Grütze und Worte werden ansgetanscht. Meine Ankunft war durch den Fernsprecher vorher angekündigt worden; ich wurde erwartet, und nach einer kurzen Rücksprache mit den Vorgesetzten fand ich bald meine kleine Gemeinde von denen, die für diesen Tag dienstlich unabkömmlich waren und deshalb nicht den Weg zu dem Gottesdienste machen konnten, der für den Abend angesetzt war. Alle sind sie alte Bekannte, und sie hatten mancherlei von den Erlebnissen der letzten Wochen, in denen wir uns nicht gesehen hatten, zu erzählen. In einem geschützten Raum konnten wir beisammen sein; wir sprachen gemeinsam das Minchagebet, dem dann im Anschluß an die einleitenden Sätze des Wochenabsehnittes eine kurze Schrifterklärung folgte; alles rings umher n>ar in der Andacht bald vergessen. Tie freie Zeit war bald vorüber. Ein Stück Weges begleitet, trat ich die Rückkehr an, nachdem ich noch hier und dort bei Kameraden meiner Gemeinde eingekehrt war und auch ihnen von den kleinen Gaben, die ich bei mir hatte, einen Anteil hatte spenden können. Reue Bilder von Menschen und Tingen gingen mit mir, und auch ein neues Band war wieder geknüpft. Am Abend fand dann der eigentliche Gottesdienst für dieses Gebiet statt, der einen größeren Kreis vereinte. Ich konnte von dem Wohlergehen der Kameraden berichten, die ich soeben gesehen hatte. | paul Ehrlich. | us Bad Homburg v. d. H. kommt die schmerzliche Nachricht, daß der Frankfurter Gelehrte Wirklicher Geheimer Rat Professor Tr. Paul Ehrlich am 20. dieses Monats in einem dortigen Sanatorium gestorben ist. Der Dahingeschiedene, dessen Bildnis nnd Biographie wir schon vor einiger Zeit veröffentlichen konnten, hat sich durch Entdeckung eines Heilmittels gegen Syphilis, dem er den Namen Salvarsan gab, Weltruhm erworben. Er wurde durch hohe Orden vieler Länder ausgezeichnet; unsere heutigen Feinde, England, Rußland und Serbien, sandten damals, als die Begeisterung für seine Entdeckung über die Erde ging, höchste staatliche nnd wissenschaftliche Auszeichnungen. P a n l E h r l i ch wurde am 14. März 1854 in Strehlen in Schlesien als Sohn jüdischer Ellern geboren. Er besuchte das Gymnasium in Breslau nnd studierte in Breslau, Straßbnrg, Freiburg nnd Leipzig. Er wurde 1878 Dr. med. und unu' von 1878 bis 1885 Assistent an der Frerichschen Klinik. Tann ging er als Assistent der zweiten medizinischen Universitätsklinik nach Berlin, wo er 1880 Privatdozent für innere Medizin wurde. Im Jahre 1800 erhielt Ehrlich eine Professur an der Berliner Universität. 1806 wurde ihm die Leitung des „Königlichen Instituts für Serumfvrschung und Serumprüfung" in Steglitz übertragen, das 1899 erweitert und als „Institut für erperimentelle Therapie" nach Frankfurt am Main verlegt nnd mit dem „Speyerhanse für experimentelle Ehemotherapie" verbunden wurde. Hier in Frankfurt arbeitete er an der Serumtherapie. Seine Studien nnd seine chemische Tätigkeit führten ihn auf die Synthese voll Arsenverbindnngen, welche als Heilmittel gegen Syphilis verwendet werden können und leichter und schneller ivirken als die altbekannten Mittel der Quecksilber- und der sich daran anschließenden Iodkalinmkur. Glänzende Heilerfolge wurden von ihm erzielt, und mit einem Schlage war Professor Ehrlich ein weltberühmter Mann. Der Nobelpreis, der Titel Exzellenz wurden ihm gegeben. „Ein endgültiges Urteil über die Heilungskraft des' Salvarsans," wird von medizinischer Seite geschrieben, „läßt sich allerdings heute noch nicht fällen. Die Zeit ist zu kurz, um die Frage der bei Syphilis so leichten Rückfälle zu entscheiden und um zu beurteilen, ob alle schleichenden Schädlichkeiten durch diese Kur beseitigt werden. Viel geschrieben wurde über die Lebensgefährlichkeit des Salvarsans. Salvarsan ist chemisch eine Arsenverbindung: vioxoämmickourssuobenrol. Das Arsen ist das Gift, das die Heilkraft des gleichfalls giftigen Quecksilbers der alten Kurart darstellt. Zwar viel giftiger noch als Quecksilber, ist es doch durch die chemische Bindung ziemlich ungefährlich gemacht worden. Die vorgekommenen Todesfälle sind prozentual sehr gering. Die glänzende Heilkraft des Mittels ist erwiesen; ob es die alte und bewährte, wenn auch sehr langwierige und lästige Quecksitber-Jodkalium-Kur ganz verdrängen wird, bleibt abzuwarten." Die deutsche medizinische Wissenschaft hat in Ehrlich einen ihrer bedeutendsten Vertreter verloren, der der ganzen Menschheit einen Dienst geleistet hat. Der Krieg hat die internativnalen Bande der Wissenschaft gelöst, auch Professor Dr. Ehrlich ist von unseren haßerfüllten Feinden aus wissenschaftlichen Vereinen ausgeschlossen worden, weil er ein Glied des „Barbarenvolkes" ist, und sein Tod wird jetzt im Anslande wenig Beachtung, sein Lebenswerk jetzt keine Würdigung im feindlichen Auslande, das früher sein Ruhm erfüllte, finden. Sein Mittel Salvarsan aber, das nur in Deutschland hergestellt werden kann, gehört zu den Erzeugnissen der deutschen chemischen Industrie, dessen Ausbleiben im Kriege unsere Feinde sehr beklagen. Mit der Frankfurter israelitischen Gemeinde, auf deren Gottesacker Paul Ehrlich seine letzte Ruhestätte fand, betrauert die gesamte deutsche Judenheit das Hinscheiden dieses großen Mannes, der der Wissenschaft zum Ruhme, der Welt zum Segen und dem Judentum zur Ehre gelebt hat. Jüdische Mtensrmeindrn kür Sltprruhen. Von Waisenhausdirektor P e r i tz, Königsberg, Ausschußmitglied des ostpreußischen Lynagvgenverbandes. ie schweren Schädigungen, die ein großer Teil von Ostpreußen durch den Einfall der Russen erlitten hat, haben überall in Deutschland den Wunsch rege gemacht, diesem hart betroffenen Lande und seinen Bewohnern beim Wiederaufbau des zerstörten Heimwesens nach Kräften zu helfen. Ganz Deutschland möchte ihnen gern die Opfer entgelten, die sie um des Vaterlandes willen schwerer als alle anderen in diesem Kriege haben bringen müssen. Patriotische Gesinnung und inniges Mitgefühl verbanden sich für sie schon zu den verschiedensten Werken hilfreicher Nächstenliebe. Aber das immer weitere Eindringen in die Bedürfnisse der entstandenen Notlage macht immer neue Maßnahmen lind Veranstaltungen zu ihrer gründlichen Beseitigung notwendig, denen sich der opferreiche Sinn der Bevölkerung bisher nie entzogen hat. Eines der schönsten und großartigsten neueren Hilfswerke für unsere schwer betroffene Provinz bildet die aus der Anregilng des Schöneberger Polizeipräsidenten, eines früheren vstpreußischen Landrats, hervorgegangene Patenschaftshilfe für die oft preußischen zerstörten Ortschaf t e n, die neben der staatlichen Hilfe für die betreffenden Kommunen sich die Schaffung besserer Daseins¬ und Entwickelungsbedingungen für diese Orte zur Aufgabe macht und ihre Mittel aus besonders dazu gegründeten „Kriegshilfsvereinen" zu gewinnen sucht.