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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-27 · Heft 35 (27.8.1915) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 35 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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415 Der Gedanke einer solchen Hilfe ist auch für die geschädigten jüdischen Gemeinden Ostpreußens nützlich »nd Praktisch verwendbar gefunden worden. Mit den Städten haben ja auch unsere jüdischen Gemeinden unter den Verheerungen des Krieges und -besonders durch den Einfall der Russen schwer gelitten. Fast die Hälfte unserer ostpreußischen jüdischen Gemeinden ist durch den Krieg mindestens für längere Zeit zugrunde gerichtet worden. Das jüdische Leben hat bei vielen seit Kriegsbeginn aufgehört oder wird nur oürftig in ihnen erhalten. Die Beamten fehlen an vielen Orten. Zahlreiche, zum Teil bisher wohlhabende Gemeinden können jetzt das Gehalt für einen Beamten nicht mehr aufbringen. Ihre Mitgliederzahl hat sich durch den Krieg, wenn auch vielleicht nur vorübergehend, stark vermindert. Eine reguläre Gemeindeverwaltung fehlt zurzeit in verschiedenen Orten. Einzelne Synagogen sind zerstört, verbrannt oder durch innere oder äußere Beschädigungen vorläufig unbrauchbar gemacht. Thorarvllen und sonstige gottesdienstliche Gegenstände sind vielfach geraubt oder vernichtet. Der Sachschaden allein, den unsere ostpreußischen Gemeinden durch den Krieg erlitten haben, ist auf 1 5 0 0 0 0 Mark zu schätzen. Dazu kommen dann noch die Ausfälle an Steuern und sonstigen Gemeindeeinnahmen, die aufgehäuften Schuldenlasten aus der Kriegszeit. Und wie stark sind die religiösen Verluste an gewohntem rituellen Leben, im lang unterbrochenen Religionsunterricht der Jugend durch Wegfall jedes Gottesdienstes für die Erwachsenen erst zu schätzen! In einem -veiten Teile O st P r e u ß e n s i st das Judentum ganz neu a u f z u b a u e n. Gemeinden sind neu zu bilden, aas Filialwesen ist neu zu organisieren, neue Kleinverbände sind zu schaffen, neue, gebildete deutsche Lehrer und üultusbeamte einzusetzen und Sinn und Interesse für jüdisches Gemeindeleben wieder lebendig zu machen. Der Ostpreußische Sy n ag og env er band, der ich bei der Betätigung seiner Ausgabe für die ostpreußischen Gemeinden stets voll Eifer erwiesen hat, ist vorerst bemüht, sobald als möglich überall provisorische Aushilfen 'ür die religiösen Bedürfnisse der zerstörten Gemeinden zu aeschafsen. Das ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen n Ostpreußen, bei der schlechten, oft ganz aussetzenden Bahnderbindung, bei der in manchen Orten noch heute bestehenden Schwierigkeit für Unterkunft, dem allgemeinen Mangel an öeamten u. a. in vielen Gemeinden noch immer nicht erreichbar. Doch sucht der Verband auch jetzt schon den künftigen, rft nach glücklich beendetem Kriege wirklich in Angriff zu nehmenden vollkommenen Wiederaufbau des Judentums in Ostpreußen vorzubereiten. Ein besonderer ü r i e g s - A r b e i t s a u s s ch u ß ist eifrig mit dieser Aufgabe beschäftigt. Weitreichende Pläne, für die auch die Mithilfe -er Regierung schon eingeleitet ist, sind festgestellt. Durch leisen von Ausschußmitgliedern in die besonders betroffenen Gemeinden und durch eingehende schriftliche Befragung aller demeindevvrstände wurde eine einigermaßen zuverlässige Interlage für die Neuordnung der Verhältnisse beschafft. Es verden auch schon Verhandlungen mit Beamten zum berichtigen Eintritt in die neugebildeten Gemeinden geführt. Die größte Sorge bei dem unternommenen Werke der Liederaufrichtung unserer ostpreußischen jüdischen Gemcin- .-en bildet aber die Beschaffung der nötigen Geldmittel mfür. Wir rechnen dabei neben den vom Staat zu erwarenden Sachentschädigungen, die ja aber nur einen Teil des wirklich entstandenen Schadens betreffen, auch auf die allgeneine Beihilfe der Regierung aus den Mitteln für kirchliche >nü kommunale Zwecke. Wir hoffen auch, daß unsere ostpreußischen Gemeinden s e l b st sich für die Wiedermfrichtung des jüdischen Lebens in ihrer Mitte kräftig an- '-rengen und sobald sie können, außerordentliche Opfer dafür bringen werden. Es ist aber trotzdem die Schaffung grundlegender Besserungen in den religiösen Verhältnissen der zerstörten Gemeinden nicht möglich ohne die Beihilfe der w o h l h a b e n d e r e n Gemeinden im Reiche und der deutschen I u d e n h e i t im allgemeinen. Wie man beim Wiederaufbau der zerstörten ostpreußischen Städte nicht bloß die entstandenen Beschädigungen ausbessern, sandern zugleich zeitgemäße g ü n st i g e Verhältnisse im ganzen bereiten will, so kann und darf auch das Streben bei der Wiederausrichtung der jüdischen Gemeinden in Ostpreußen seine Airsgabe nur darin sehen, überall die Grundlagen für ein lebensvolles, kulturhohes und auch äußerlich ansprechendes Judentum auch im kleinen Verbände zu schaffen. Das sind Verhältnisse, die nicht imnrer mit den billigen Mitteln bisheriger Gemeindeführung erreicht werden können, die aber allein nur erstrebenswert, allein nur den religionsförderlichen Absichten einer großen Gemeinschaft würdig sind. Das ostpreußische Judentum verlangt auch aus allgeineinen Gründen eine besondere Beachtung. In Ostpreußen mischen sich auch unter den Juden zwei grundverschiedene Vvlksarten, zwei ungleiche Kulturen, zwei stark abweichende Kultusformen: Deutschtum und Russentum in jüdischer Gestalt. Da braucht das deutsche Iudent u m eine besondere Kraft, um nicht den Einflüssen russischer Anschauungen zu erliegen; da muß es mit besonders starken deutschen und jüdischen B i l d u n g s k r ä s t e n ausgestattet sein, um im deutschen Sinne religiös erziehend vor allem auf die Heranwachsende Jugend zu wirken. Ostpreußen als Bollwerk des Deutschtums gegen O st e n legt auch der deutschen Judenheit besondere Pflichten auf, denen sie sich in vaterländischer Gesinnung nicht wird entziehen wollen. Zur Wiederausrichtung des ostpreußischen Judentums aus seinen Kriegsnöten hat der Verband der Ostpreußischen Synagogengemeinden die unversehrt gebliebenen jüdischen Gemeinden im Reiche aufgefordert, nach Art der Patenschaft für die Städte die Kriegs Hilfe für die einzelnen unserer Gemeinden allein oder gemeinsam mit anderen zu übernehmen, wobei die von ihnen angenommene Gemeinde als ihre K r i e g s - F i l ial g e m e in d e gelten, von ihr neu hergerichtet und für eine Reihe von Jahren bis zur wiedererlangten Selbständigkeit nach Bedürfnis unterstützt werden soll. Der Verband der Ostpreußischen Shnagogengemeinden will den angemeldeten Patengemeinden ihre Kriegsfiliale znteilen bzw. in Vorschlag bringen oder sie bei nur Teilbeteiligung für eine Kriegsfiliale verbinden. Es war zunächst gedacht, den notwendigen Gesamtaufwand für alle Kriegsfilialen prozentual auf die beteiligten Patengemeinden zu verteilen, aber dies erwies sich wegen der fehlenden festen Unterlagen als undurchführbar, so daß es den einzelnen Patengemeinden, wie es einige von den angemeldeten schon getan haben, überlassen bleiben muß, nach ihrer Lei - st -u n g s f ä h i g k e i t und ihrem guten Willen die Höhe ihr er Beisteuer für die Kriegsfiliale selbst zu bestimmen. Doch wird für die Patenschaftsbeteiligung bei einer bestimmten Gemeinde eine Mindestl e i st u n g von 1000 Mark, ev. auf mehrere Jahre verteilt, vorausgesetzt, um diese Unterstützungsweise von der einfachen Hilfstätigkeit für unser Ostpreußenwerk bedeutsam zu unterscheiden. Wenn die bereiten Gemeinden, wie es bei den Ortspatenschaften geschieht, auch ihre einzelnen Gemein demitglied er, Vereine usw. zu freiwilligen Jahresbeiträgen für die Sache heranziehen, so dürfte es auch kleineren Gemeinden möglich sein, einen Patenschaftsteil für eine unserer kriegsgeschädigten Gemeinden zu übernehmen. Selbstverständlich werden auch wohl-

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